»Meine Auskunft ist nicht sehr umfassend, Kamerad. Es ist bisher nur wenig bekannt. Der Angriff begann im Morgengrauen. Eine halbe Stunde Feuer, dann Panzer und Infanterie. Die Panzer sind ziemlich weit durchgebrochen, haben sich aber gegen Mittag bis Haselgarten zurückgezogen. Dort wird noch gekämpft. Soviel bekannt ist, haben wir noch Stützpunkte im Dorf. Noch Fragen?«
»Frag ihn, ob jemand evakuiert wurde!« verlangt Bindig hastig.
Der Telefonist stäubte die Asche von der Zigarette und fragte gleichgültig: »Ist bekannt, ob jemand evakuiert wurde?«
»Evakuiert?« hörte Bindig die Stimme sagen. »Das Dorf war geräumt. Dort lag bis zu dem Angriff eine Kompanie Luftwaffe, die gegen Mittag herausgezogen wurde. Dafür kamen andere Einheiten hin. Panzerjäger und Infanterie.«
Der Telefonist sah Bindig an. Bindig überlegte schnell, aber er stellte keine Frage mehr. Der Telefonist sagte gleichgültig in die Sprechmuscheclass="underline" »Danke, Siebenschläfer. Das war alles.«
Dann streifte er die Kopfhörer ab und sagte zu Bindig: »Mach dir keine Sorgen. Wenn deine Frau wirklich noch in dem Dorf war, als sie die Luftwaffe abgezogen haben, dann wird sie mitgefahren sein. Du mußt eben warten, bis sie sich meldet. Schick sie nach Bayern. Du kannst dir nicht vorstellen, wie die in Bayern…«
Bindig erhob sich und nahm seinen Helm auf. Er warf dem Telefonisten ein Päckchen Zigaretten auf den Tisch und ging zur Tür. Der Gefreite verzog anerkennend das Gesicht und rief ihm nach: »Wenn du vielleicht später noch mal versuchen willst…«
»Danke«, sagte Bindig an der Tür, »ich werde keine Gelegenheit mehr dazu haben. Aber wenn du erfahren solltest, ob sie evakuiert wurde, dann sag es mir, wenn ich zurückkomme…«
Der Telefonist nickte. Er steckte die Zigaretten ein und rief über die Schulter zurück: »Meld dich bei mir, wenn du zurück bist!«
Draußen begegnete Bindig auf dem Weg zu der Baracke, in der sie lagen, Timm.
»Was ist los?« fragte der Unteroffizier. »Du schleichst herum wie der erste Mensch.«
»Nichts«, antwortete Bindig, »es ist nichts zu erfahren.« Timm legte den Kopf schief und kniff ein Auge zu. Dabei sagte er: »Es muß verdammt schnell gegangen sein. Möchte wissen, was aus unserem Haufen geworden ist.« »Gegen Mittag hat man die Kompanie abgezogen.« »Abgezogen?« Timm zog die Augenbrauen hoch. »Du sagst abgezogen?«
Bindig nickte. »Mehr war nicht zu erfahren.« »Hoffentlich haben sie wenigstens unser Gepäck mitgenommen«, sagte Timm. »Hau dich noch eine Stunde hin. Nachher werdet ihr eingekleidet.«
Durch den aufgewühlten Schnee der Landstraße, die Hasel-garten durchquerte, schob sich ein kleiner Personenwagen. Es war ein Jeep, aber er war mit einem Aufbau aus Holzgestänge und Zeltplanen versehen. Die Soldaten, die darin saßen, trugen die olivbraunen Uniformen und die Pelzmützen mit dem fünfzackigen roten Stern. Es waren drei Männer: der Fahrer, der fluchend den Granattrichtern auswich, ununterbrochen Sonnenblumenkerne knackend und die Schalen seitlich aus dem Wagenfenster spuckend, und zwei Offiziere, die hinter ihm saßen, sich an den Griffen festhielten, weil das Fahrzeug schaukelte und schwankte. Der eine von beiden hatte ein schmales, helles Gesicht mit hellen Augen. Die Augenbrauen waren blond. Der andere, ein behäbigerer, untersetzter Typ mit kleinen, runden Augen und sehr dunkler, lederfarbener Haut, schüttelte ärgerlich den Kopf. Er sah seinen Begleiter von der Seite an und erkundigte sich nicht besonders interessiert: »Wie fühlen Sie sich, Genosse, nach so langer Zeit wieder in der alten Familie?«
Der Angeredete lächelte. Es gelang ihm trotz der Kapriolen, die der Jeep vollführte. Dann erwiderte er: »Gut. Ich habe lange auf diesen Augenblick warten müssen.«
Der andere verzog das Gesicht, weil er schmerzhaft mit dem Kopf gegen die Verstrebung des Verdecks gestoßen war. Er griff mit der freien Hand an die Schläfe und brummte unwillig: »Man geht unverletzt aus einer Menge von Kämpfen hervor, aber ein einziger solcher Straßenflitzer kann einem alle Knochen brechen!«
Der Fahrer, der zuweilen einen Fluch losgelassen hatte, sagte nun vernehmlich, so daß die beiden hinter ihm es trotz des Lärms, den der Motor des leichten Fahrzeuges verursachte, hören konnten: »Der Satan soll sie holen! Demolieren die Straße, daß man jeden Augenblick denkt die Achsen brechen! Ich habe es schon immer gewußt: Diese Panzerleute nehmen keine Rücksicht auf das, was hinter ihnen kommt.«
»Auf das, was vor ihnen auftaucht, auch nicht«, beruhigte ihn der untersetzte Fahrgast. »Fahr langsamer, wir wollen mit diesem Auto noch bis Berlin kommen I«
Im Dorf hatte sich kaum etwas verändert. Nur die Uniformen der Soldaten waren anders, und neben den vielen Löchern in der Straße gab es neue in den noch stehengebliebenen Wänden der Häuser. Das Gefecht war vorüber. Im Dorf lagen ein paar Versorgungsein- heiten und Stäbe. Wenige Kilometer westlich hatte die Rote Armee neue Stellungen bezogen. Die Panzer sicherten dort noch, aber man brauchte sie kaum. Es gab keine nennenswerte Konzentration deutscher Truppen auf der Gegenseite, die einen überraschenden Angriff hätten wagen können. Und man hatte das Vordringen nicht gestoppt, weil die Abwehr zu stark war, sondern weil man das befohlene Ziel erreicht hatte. Die Rotarmisten hatten sich eingegraben und ihre Stellungen befestigt. Es war schwer gewesen, in dem gefrorenen Boden ein Schützenloch auszuheben, aber sie hatten es tun können, ohne unter Feuer zu liegen, denn die Panzer waren ein Stück weitergefahren und hatten den Stellungsbau abgeschirmt. Nun war Ruhe eingetreten.
Der untersetzte Mann stieß zum zweitenmal mit dem Kopf an das Eisengestänge des Verdecks. Er gab einen Fluch von sich, über den der Kraftfahrer beifällig mit dem Kopf nickte. Dann rieb er sich ächzend die schmerzende Stelle und sagte: »Himmel, was für ein Krieg! Wenn das bis Berlin so weitergeht, werde ich mit verbundenem Kopf dort ankommen. Wie machen Sie das, Warasin, daß Sie nicht anstoßen?«
Der Angeredete lächelte und sagte: »Sie hätten den Stahlhelm aufsetzen sollen, Genosse Politleiter.«
»Stahlhelm!« fauchte der zurück. »Ich werde nicht im tiefsten Hinterland einen Stahlhelm aufsetzen! Was sollten die Soldaten von mir denken?«
Der Fahrer fragte: »Ist es noch weit?«
»Nein«, gab Warasin zurück, »noch ein paar hundert Meter. Das Gehöft, das Sie da vorn sehen.«
»Die Frau ist die einzige, die von den Deutschen hiergeblieben ist?« fragte der Politleiter.
Warasin nickte.
»Hm…«, machte der andere, »es wird guttun, diese Frau zu sehen und sich dabei vorzustellen, daß sie eine Deutsche ist. Kann man ihr auf irgendeine Weise helfen?«
»Ich glaube kaum«, sagte Warasin. »Es ist eine sehr tatkräftige Frau. Sie wird sich zurechtfinden. Man sollte die Truppen im Dorf trotzdem auf sie aufmerksam machen. Außerdem wäre es gut, wenn man ihr ein paar Lebensmittel geben könnte.«
Der Politleiter faßte vorsichtig an die schmerzende Stelle am Kopf. »So dumm«, brummte er, »morgen ist das eine Beule. Es ist eine Schande! Lebensmittel sind so weit vorn nicht gerade üppig, mein Lieber. Aber wir werden etwas tun. Sie können das selbst tun. Sie werden öfter Gelegenheit haben, sie zu besuchen.«
Warasin schwieg einen Augenblick. Er sah am Kopf des Fahrers vorbei auf die Straße. Dann sagte er: »Ich habe gebeten, zu meiner Einheit zurückkehren zu dürfen. Sie liegt in der neuen Stellung, weiter westwärts.«
Der andere lächelte gemütlich. Er versuchte, Warasin freundschaftlich die Hand auf die Schulter zu legen, aber er zog sie schnell zurück, denn der Wagen rutschte in ein Loch, und er mußte sich festhalten. Als der Wagen wieder ruhiger fuhr, sagte er: »Man behält Sie aus gutem Grund hier im Dorf. Der Stab wird Sie brauchen. Nicht jeder hat so lange hinter den deutschen Linien gelebt. Und diese Stellung da vorn… Reden wir nicht davon, sie wird nicht alt werden.