Der schnaufte unwillig. »Gib dich zufrieden. Es ist scheißegal, in welcher Uniform man krepiert.«
»Aber ich sage dir, wir sind keine Soldaten mehr«, erklärte Bindig, »wir sind Gauner. Mit dieser Uniform auf dem Leib sind wir nicht mehr Soldaten, sondern Gauner.«
»Und ich sage dir: Hör auf nachzudenken! Du bekommst unsichere Hände davon. Unsereiner stirbt daran.«
»Wir sollten das nicht machen«, sagte Bindig gedämpft, »es ist nicht zu verantworten.«
»Du tust, als ob du es zu verantworten hättest. Wer hat die Idee ausgeknobelt? Wir oder der Stab?«
»Noch eine!« schrie der Obergefreite. »Immer noch eine! Papa holt dich schon heim von der Hochzeit!«
»Es widert mich an«, sagte Bindig, »es hat mich noch nie so angewidert wie jetzt.«
Zado schüttelte den Kopf. Dabei sagte er leise: »Jesus Maria, wenn du doch bloß einsehen würdest, daß sich niemand dafür interessiert. Du hast nur eins zu tun, nämlich das, was Timm befiehlt. Mehr nicht. Du hast weder die Verantwortung für irgendetwas, noch interessiert es jemand, ob du unglücklich bist oder nicht. Wenn du doch das bloß einsehen würdest.«
»Was macht man bei uns mit einem Russen, den man hinter unserer Front in deutscher Uniform aufgreift?« fragte Bindig.
Zado bewegte müde die Hand. »Friß deine Schokolade und denk nicht darüber nach. Oder hast du Angst?«
»Ist das Angst, wenn ich sage, daß ich es für eine Gaunerei halte?«
»Sie würden es dir als Angst auslegen. Und du könntest noch froh sein, wenn sie nur das täten und nicht sagten, es sei Hochverrat.«
»Es ist keine Angst.«
»Nein. Vielleicht Dummheit.«
»Zado«, sagte Bindig, »du kannst mir nicht erzählen, daß es dir nichts ausmacht. Ich weiß, was du denkst. Du brauchst mir nichts zu sagen, ich weiß genau, was du denkst.«
»Auf den Tisch deine lumpigen drei Könige!« brüllte der Obergefreite. »Los, los! Das kostet was!«
»Denken ist für uns ein unerlaubter Luxus«, sagte Zado. Er brannte eine neue Zigarette an und stieß nachdenklich den Rauch aus, den Spiralen nachblickend, die er in der stickigen Luft zog. »Ich dachte immer, du hättest dich ebenso daran gewöhnt wie ich. Was willst du? Ich weiß alles, aber was willst du? Wir stecken drin und müssen weitermachen. Das ist die Chance durchzukommen. Alles andere, was du tust, verhilft dir nur dazu, todsicher zu krepieren. Durch die Feldgendarmerie, bei den Minenlatschern oder sonstwo. Kannst du mir da sagen, wozu man nachdenken soll?«
»Kinder, zieht Karten!« grölte der Obergefreite. »Es sind noch zwei Asse in dem Haufen! Es ist noch alles zu gewinnen!«
»Verstehst du das?« fragte Zado. »Ich bin darüber hinweg. Es gibt keinen Ausweg außer dem, daß du drüben bleibst. Und davor habe ich Angst.«
»Angst?«
»Ja. Angst davor, daß sie mich nach Kriegsrecht erschießen, wegen dieser Uniform. Und ebensoviel Angst davor, daß sie es nicht tun. Ich weiß nicht, ob du das verstehst. Aber das ist nicht nötig. Nur eins ist nötig: Du mußt begreifen, daß wir eine Generation von Jawohlsagern sind, die sie langsam zu Dünger verarbeiten. Unsere einzige Chance ist, es zu überstehen. Dann werden wir das Maul aufmachen können. Vielleicht. Aber das ist nicht gewiß…«
»Wir sind Feiglinge«, sagte Bindig, »das ist gewiß.«
»Schnauze halten!« brüllte Timm plötzlich. Er richtete sich ein wenig auf und zog die Stirn in Falten. »Macht euren verfluchten Krach sonstwo! Schlaft euch lieber aus!«
Er ließ den Kopf wieder sinken, und die Kartenspieler spielten weiter Siebzehn-und-vier. Sie sprachen etwas gedämpfter dabei. Die Russen zündeten Zigaretten an. Sie hatten etwas Unheilvolles, Ängstliches in ihren Gesichtern.
»Wir Feiglinge«, sagte Zado bitter, »wir großen Feiglinge werden ihnen heute oder morgen nacht wieder ein Ding drehen, genau wie sie es haben wollen.«
»Eben deshalb«, sagte Bindig. »Ich weiß es jetzt. Weil wir zu feige sind, es nicht zu machen, tun wir es. Wir beide. Wir wissen genau, was los ist, aber wir sitzen hier und warten auf Timms Befehle. Das ist es.«
»Was werde ich froh sein, wenn ich diesen lebensgefährlichen Unsinn hinter mir habe«, sagte Zado düster, »was werde ich froh sein! Vom ersten besten Zirkus lasse ich mich anstellen. Als Beleuchter meinetwegen. Oder als Stallreiniger. Ist egal, wenn ich das alles bloß hinter mir habe…«
Ein Posten steckte den Kopf durch die Türöffnung. Er sagte ihnen, daß sie sich fertigmachen sollten, weil in einer halben Stunde die Maschine starten würde.
Aber sie waren fertig, und es gab nichts mehr zu tun für sie. Sie hatten alles empfangen, was zu empfangen war. Waffen, Sprengladungen, Handgranaten, Brandladungen. Sie hatten weißes Zeug an den Koppeln hängen, und sie würden es überziehen, wenn es erforderlich war. Sie brauchten nur ihre Schirme zu nehmen und in einer Reihe zum Flugzeug zu marschieren. Es war das letzte, was sie zu tun hatten.
Timm erhob sich und rückte sein Koppel zurecht. Er sah verwegen aus in der Rotarmistenuniform.
»Auf, Jungens«, rief er, »es wird ernst!«
Er wartete einen Augenblick, bis es still geworden war. Dann sagte er knapp: »Jungens, wir gehen jetzt ’rüber, um ihnen zu zeigen, was wir können. Keiner weiß, wie es ausgeht. Jeder von uns kann fallen. Aber das ist gleichgültig. Wir haben eine schwierige Aufgabe, die viel von uns verlangen wird. Aber wir haben die letzten Tage hart trainiert. Wir haben so hart trainiert, daß einige von euch noch Binden um die Knie tragen. Mit der gleichen Härte werden wir unseren Auftrag erledigen. Jeder, der hart ist, wird zurückkommen, denkt daran. Wir werden ihnen zeigen, daß wir ebensogut schlagen können, wie das Heer laufen kann. Wetzt die Messer, Jungens, heute nacht bleibt keiner am Leben, der uns in die Finger läuft! Heute nacht wird der Schnee blutig! Auf, macht euch fertig!«
Die Kartenspieler steckten ihre Karten weg. Der Obergefreite hielt mißtrauisch den Zettel gegen das Licht, auf dem er seine Gewinne notiert hatte. Die Russen erhoben sich und fingerten an ihrer Ausrüstung herum.
»Das ist es«, sagte Zado leise zu Bindig, »immer, wenn er so anfängt, ist alles vergessen. Dann merke ich, was sie aus mir gemacht haben. Dann ist Klaus Timm mein bester Kamerad, und ich spüre den Luftzug an der Kabinentür und den Ruck, wenn die Leine anzieht, und den, wenn der Schirm sich öffnet. Dann fühle ich, wie die Maschinenpistole in der Hand zuckt, und ich möchte laut schreien. Ich höre alle Kommandos, und ich sehe uns in Kreta durch das Gebirge klettern, mit aufgekrempelten Ärmeln, die Zigarette im Mundwinkel. Ich sehe alle Mädchen, die uns jemals gewinkt haben – ach, was sind wir doch für Jammerlappen !«
Es flog nur eine Maschine. Sie saßen sehr eng darin. Einer war gegen den anderen gepreßt, und jeder von ihnen hatte den Gedanken: Wenn sie uns zurückholen, werden wir nicht so dicht sitzen.
Unternehmen »Friedhof«
Die beiden Straßen, die sich wenige hundert Meter von dem Seenkomplex entfernt kreuzten, kamen von Berziniki und Zegary. Es waren zwei gewöhnliche Landstraßen, eingebettet in das verschneite Grün der Wälder, die hier dunkel und undurchdringlich waren. Die ganze Gegend hatte etwas Urwüchsiges, von Menschen scheinbar Unberührtes. Die Schneewehen lagen weiß und rein. Das Eis der Seen war von einer dichten Schneedecke überzogen, und über den unberührten Schnee zog ab und zu eine Wildfährte.
Nur die beiden Straßen verrieten, daß es Menschen gab. Sie waren befahren. Der Schnee war beiseite geschoben, und stellenweise war unter den Rädern und Ketten der Fahrzeuge die Erde aufgewühlt worden, wodurch der Schnee eine schmutzige Färbung erhielt. Es mochte am starken Verkehr auf den beiden Straßen liegen, daß die Gegend um die Kreuzung unberührt erschien. Die Soldaten hatten keine Zeit, aus den Fahrzeugen auszusteigen. Sie mußten ihre Aufmerksamkeit darauf verwenden, die verschneite Straße so schnell wie möglich hinter sich zu bringen und ihre Fahrzeuge in die Nachschuborte in der Gegend um Sudauen zu bringen. Hier war der gelegentliche Donner der Geschütze als sehr schwaches Murmeln zu hören, und auch das nur, wenn größere Kaliber schossen. Es war so still, daß man hätte glauben können, der Krieg sei längst vergessen. Aber wenn dann wieder eine Kolonne die Straße entlangpreschte oder wenn sich ein paar schwere Fahrzeuge mühsam durch frische Schneewehen mahlten, wußte man, daß der Friede in den verschneiten Wäldern nur scheinbar war.