Klaus Timm hatte sich nicht lange an der Kreuzung aufgehalten. Dort war alles so, wie er es aus der Übung vor dem Einsatz kannte. Er zog sich deshalb bald wieder zurück in den Wald, der westlich der Kreuzung lag. Er ging nahe am Versteck seiner Soldaten vorbei und winkte dem Posten ab, als dieser auf ihn zugehen wollte. Im Weitergehen schlug er den Mantelkragen hoch. Ihn fror. Er wußte selbst nicht, weshalb ihm mit einem Male so unbehaglich zumute war. Er hatte nie eine Malaria gehabt, aber er spürte, daß er fieberte, seit er in die Maschine gestiegen war.
Während er zwischen den schneebeladenen Ästen der Tannen vorwärts schlich, versuchte er sich jede Einzelheit der Gegend genau einzuprägen, damit er sie in ein paar Stunden, wenn es dunkel war, gut genug kannte, um sich zurechtzufinden. Er sah seinen Schatten vor sich herlaufen, als er eine Lichtung überquerte. Die schrägstehende Sonne zeichnete seinen Oberkörper und den Kopf mit der plumpen Pelzmütze deutlich in den Schnee. Mach einen Sprung, dachte er einen Augenblick lang, spring über den Schatten hinweg! Er lächelte dabei, und sein Lächeln galt der Redewendung von dem eigenen Schatten, über den zu springen niemand in der Lage ist.
Dann hatte er den Seitenweg gefunden.
Es war ein verhältnismäßig breitet Weg. Timm hatte keinen Zweifel, daß die Fahrzeuge ihn, ohne zu zögern, einschlagen würden. Er zweigte in sanftem Übergang von der Straße ab und schlängelte sich durch den Wald. Timm folgte ihm, bis er an dem Holzplatz angelangt war, von dem sie bei der Division gesprochen hatten. Er besichtigte den Platz eingehend und fand, daß es keinen besseren geben konnte für das, was sie in dieser Nacht vorhatten.
Der Wald war menschenleer und still. Es war kalt und sonnig. An den Ästen der Bäume waren vor Tagen kleine, blitzende Eiszapfen entstanden. Timm griff sich im Vorbeigehen einen und steckte ihn zwischen die Zähne. Die Kälte des Eises tat wohl. Aber sie löschte den Durst nicht, und Klaus Timm harte Durst. Am jenseitigen Rand des Holzplatzes hockte er sich auf einen Baumstumpf, der ein paar Zentimeter aus dem Schnee ragte, und brannte sich eine Zigarette an. Blinzelnd schaute er dem Rauch nach, der in sanften Spiralen emporstieg und sich langsam in der klaren Luft verlor. Das Licht des Tages wurde rötlich. Die Schatten nahmen an Tiefe und Schwärze zu.
In Ordnung, dachte Timm. Er verzog das Gesicht zu einem Grinsen, als habe er soeben einer Frau eine Zote erzählt. Dann spuckte er kräftig aus und sagte zu sich selbst: »Auf, der Friedhof will hergerichtet sein!« Er stapfte ohne sonderliche Eile den Weg zurück. Die Soldaten hockten unter den herabhängenden Zweigen und rauchten. Sie rückten erwartungsvoll zusammen, als er zu ihnen trat. Bis auf die beiden Posten waren alle beieinander. Timm schob die Pelzmütze ins Genick und sagte: »Raucht weiter. Ich sage euch jetzt, was jeder einzelne zu tun hat.«
Er sah ein wenig plump aus in dem dicken Mantel mit dem großen Kragen, aber wenn er das Koppel mit dem Sowjetstern darüber schloß, dann wurde dieser Eindruck etwas gemildert. Timm hatte einen trockenen Hals. Er griff sich die Flasche, die er in der Hosentasche stecken hatte, und nahm einen Schluck Schnaps. Während er die Flasche wieder in der Tasche unterbrachte, sagte er: »So, jetzt geht’s los. Wir gehen alle, mit Ausnahme der beiden Posten, zu dem Holzplatz. Wenn wir dort fertig sind, beziehen wir unsere Posten.«
Er erklärte ihnen noch einmal den Ablauf des Unternehmens in allen Einzelheiten, und als keiner mehr Fragen stellte, zog er mit ihnen zum Holzplatz. Sie hatten nicht viel zu tun. Sie untersuchten die Umgebung genau, und dann bestimmte Timm die Plätze, an denen jeder einzelne zu stehen hatte. Er bereitete alles so umsichtig vor, als arrangiere er ein großes Fest und habe dafür zu sorgen, daß seine Gaste den besten Eindruck bekämen.
Als die Dämmerung kam, war auf dem Holzplatz alles getan. Die Posten standen an ihren Plätzen. Timm brach mit den übrigen Männern auf. Die Hälfte davon ließ er auf halbem Wege zwischen der Straße und dem Holzplatz zurück. Es waren zwei Russen dabei. Mit den anderen ging er bis zur Straße. Er stellte zwei von den Russen an der Kreuzung auf. Der eine davon entrollte sofort zwei kleine Fähnchen, ein rotes und ein gelbes.
Im Gebüsch gegenüber der Kreuzung postierte Timm den Obergefreiten, dem die Kiste mit dem Bols gehörte. Er sagte leise zu ihm, so daß es die anderen nicht hören konnten: »Die beiden sind die zuverlässigsten Leute von den fünf. Aber du behältst sie im Auge. Wenn ihnen Gefahr droht, schießt du auf die Führerkabine des Wagens, den sie anhalten. Wenn sie andersherum abschieben wollen, schießt du auf sie. Verstehst du?«
»Ich verstehe«, antwortete der Obergefreite. Sein Gesicht sah verschwitzt aus unter der dicken Pelzmütze. »Hör mal«, sagte er, »ich werde schon mit ihnen fertig. Aber dieses ulkige Schall- platten-MG gefällt mir nicht. Wir hätten wenigstens eins von unseren mitnehmen sollen…«
Timm wandte sich zum Gehen. Er sagte zu dem Obergefreiten: »Du kannst nicht als Russe mit einer deutschen Flinte herum springen. Das MG ist gut. Ich habe selbst damit geschossen. Laß die Magazine nicht im Schnee liegen.«
»Schon gut«, brummte der Obergefreite, ich sehe schon zu…« An der Abzweigung des Weges von der Straße in den Wald ließ Timm den letzten der fünf Russen zurück. Er postierte sich zur Probe mitten auf der Straße und winkte mit zwei Fähnchen von der gleichen Art wie der an der Kreuzung. Timm nickte befriedigt und hieß ihn, sich seitwärts der Straße im Wald zu verstecken. In einiger Entfernung, auf einer Böschung am jenseitigen Waldrand, postierte er Bindig und Paniczek. Er suchte selbst den Platz aus, an dem sie liegen sollten. Sie überblickten die Straße und die Einfahrt des Waldweges. Es war eine günstige Stellung.
Timm sagte: »Paßt auf den kleinen Iwan auf. Man kann diesen Stinkern nicht über den Weg trauen.«
Paniczek brummte etwas vor sich hin und legte seine Maschinenpistole vor sich in den Schnee. Es war eine russische Waffe, wie sie sie alle bei diesem Einsatz trugen. Paniczek schaufelte mißmutig eine kleine Grube für die runde Munitionstrommel. Dann zeigte er auf zwei Kästen, die er bisher getragen hatte, und erkundigte sich: »Soll ich die Strippe jetzt legen?«
»Leg sie«, befahl Timm kurz, »aber nicht zu nahe an der Straße. Und sag denen an der Kreuzung noch einmal, daß sich vor elf Uhr keiner auf der Straße blicken lassen darf.«
Paniczek nickte schläfrig und zog mit einem der Kästen und einer Rolle dünnem Telefondraht los. Timm wollte gerade wieder hinunter zur Straße steigen, als er die Motoren hörte. Er zog beunruhigt die Stirn in Falten, aber seine Besorgnis war unnötig. Ein Dutzend Fahrzeuge kam langsam durch den Schnee herangekrochen. Es waren Lastwagen mit angehängten Granatwerfern. Die Wagen waren mit Munition vollgestopft, man sah die Kisten unter den nachlässig festgeknüpften Planen.
Als die Fahrzeuge verschwunden waren, sagte Timm zu Bindig: »Das wäre schon was für uns gewesen. Bloß ein bißchen viel auf einmal. Wir müssen sie einzeln haben. Wenn so ein Haufen auf einmal kommt, verliert man die Übersicht.«
»Wo ist Zado?« erkundigte sich Bindig. Timm wies nach dem Waldweg. »Hinten am Holzplatz.« Er warf noch einen Blick auf die Stellung und stieg dann zur Straße hinab. Er schärfte dem Russen ein, sich nicht eher als um elf Uhr blicken zu lassen, und der Mann nickte eifrig.