»Und die Nerven behalten«, sagte Timm, »wenn von der anderen Seite was gefahren kommt. Nicht nervös werden. Den einen in den Waldweg winken und dem andern seelenruhig winken, daß er auf der Straße in Richtung auf die Kreuzung weiterfahren kann.«
Der Russe nickte wieder und sagte ein paarmal hintereinander hastig: »Jawohl, jawohl.«
»Nicht die Nerven verlieren«, sagte Timm wieder, »das muß alles verdammt amtlich aussehen, denn davon hängt es ab, ob einer was riecht oder nicht. Du mußt so amtlich winken, als hätte dich Stalin persönlich hierhergestellt. Und wenn einer was fragt, brüllst du ihn an, er soll den Verkehr nicht behindern. Du weißt doch, wie ihr das macht. Du weißt es besser als wir.«
»Jawohl«, sagte der Russe. Timm verschwand in dem Waldweg, und der Russe verkroch sich unter die Zweige am Straßenrand. Es wurde wieder so still wie zuvor.
Die Nacht kam, und sie war klar und sternenhell. Eine schwache Mondsichel segelte über den Wäldern. Auf der Straße schnauften ab und zu Fahrzeuge. Einzelne Lastwagen, Motorräder, Kolonnen, die mit abgeblendeten Lichtern aus dem Hinterland zur Front fuhren. Starke, vollbeladene Fahrzeuge mit dröhnenden Motoren. Sie schleppten Munition und Verpflegung. Zuweilen waren sie mit Infanteristen besetzt. Aber die meisten beförderten Lasten und hatten kleine Geschütze angehängt, Feldküchen oder Granatwerfer, die auf ihren Gummirädern hinter den schweren Wagen hertanzten.
Auf dem Holzplatz verminten die Soldaten eine Fläche von annähernd fünfzig Quadratmetern. Sie taten es nach einem bestimmten System, und die Minen waren nicht auf Druckzündung eingestellt, sondern an eine Leitung angeschlossen, die in einem Schaltkästchen endete, das ein paar hundert Meter entfernt im Walde stand.
Zado lehnte an einer Fichte, als Timm an ihm vorüberging. Er hatte die Pelzmütze in der Hand, und sein Haar hing ihm verschwitzt ins Gesicht. Timm stieß ihn vor die Brust und fragte: »Müde?«
»Nicht die Spur«, antwortete Zado grinsend, »ich könnte Bäume ausreißen. Alles, was an Bäumen hierherum steht. Wann geht denn unser Bus?«
»Um vier Uhr.«
»Bißchen spät«, meinte Zado, »schaffen wir es in zwei Stunden bis zu diesem See oder nicht?«
»Wir schaffen es«, sagte Timm. »Wir brauchen keine zwei Stunden dafür, aber wir sehen zwei Stunden vor. Das heißt, daß wir für unseren Friedhof hier drei Stunden haben. Nach meiner Rechnung können wir in der Zeit gut und gerne fünfzehn Fahrzeuge kapern. Vielleicht sogar mehr.«
»Vielleicht«, sagte Zado. »Aber vielleicht reißen sie uns auch den Arsch auf.«
»Eben«, nickte Timm ungerührt, »deswegen haben wir dich ja mitgenommen. Damit du endlich wieder mal zu einem Vergnügen kommst.«
Als es elf Uhr war, stellten die beiden Russen an der Kreuzung sich mitten auf die Straße. Der Obergefreite nahm den Telefonhörer und sagte gedämpft: »Achtung, Motorgeräusch.«
Es war ein einzelner Tankwagen. Ein schweres, dreiachsiges Fahrzeug. Der Russe mit dem roten Fähnchen hielt es an und brüllte dem Fahrer heiser zu: »Umleitung, zweihundert Meter rechts. Entgegenkommende Panzer. Der nächste Posten weist dich in den Umgehungsweg ein. Beeil dich, damit du von der Straße kommst…«
Der Fahrer entgegnete etwas Unfreundliches, und der Beifahrer neben ihm hob schläfrig den Kopf. Sie hatten erst vor einer halben Stunde die Sitze gewechselt.
Dann fuhr der Tankwagen an, und der Obergefreite sagte in die Telefonmuscheclass="underline" »Geht in Ordnung. Achtung, er kommt zu euch…«
Der kleine Russe an der Abzweigung des Waldweges winkte mit seiner roten Fahne seitwärts, und der Tankwagen drehte nach rechts ab. Als er an dem Russen mit der Fahne vorbeifuhr, fragte der Fahrer unmutig: »Wie weit geht das auf diesem komischen Weg?«
»Hundert Meter entfernt steht ein Posten, der weist dich weiter«, erwiderte der Soldat mit dem Fähnchen.
Der Wagen fuhr an, und der Fahrer knurrte mißmutig: »… deine Mutter!«
»Jawohl!« rief der Posten ihm nach. »Aber schieb endlich deine Kiste von der Straße. Die Panzer kommen gleich!«
Hundert Meter weiter winkte einer der Russen dem Wagen, langsamer zu fahren, während der andere, die Füße aneinander schlagend, daneben stand. Am Rand des Weges standen die Gestalten zweier anderer Soldaten, die der Fahrer jedoch nicht sehen konnte. Er steckte den Kopf aus dem heruntergekurbelten Fenster, und der Beifahrer wachte von der hereinströmenden Kälte auf und erhob sich. Der fünfte Russe erklärte dem Fahrer, wie er zu fahren hatte. Dabei kletterte er auf das Trittbrett des Führerhäuschens, und dann schob er seine Maschinenpistole etwas höher. Er betätigte den Abzugshahn, der das Dauerfeuer auslöste, etwa eine Sekunde lang, und danach betätigte er noch zweimal kurz hintereinander den Hahn, der Einzelfeuer auslöste.
Klaus Timm sprang aus dem Schatten der Bäume auf den Weg und riß die jenseitige Tür des Führerhäuschens auf. Der Beifahrer fiel ihm entgegen.
»Meine Herren«, sagte Timm, »ein Tankwagen. Und das gleich zu Anfang. Gibt das ein Feuerwerk!« Während einer der Soldaten sich auf den Führersitz schwang und den schweren Wagen auf dem Waldweg weiter zum Holzplatz fuhr, sagte er rauh zu den beiden Russen: »Los, schafft sie weg! Und laßt sie nicht so dicht beim Weg liegen!«
Der Urlaub für Leutnant Alf war sehr plötzlich gekommen. Zuerst hatte Barden angerufen und ihm mitgeteilt, daß er noch am selben Tag ein Urlaubsgesuch einreichen solle. Das hatte er sofort getan. Und bereits am Tag darauf war er zur Division beordert worden. Er übergab die Kompanie einem noch jüngeren Offizier aus dem Stab, nahm seine Urlaubspapiere in Empfang und wartete auf Barden. Der brachte es fertig, zwei Plätze in einem Flugzeug zu beschaffen, und so flogen sie noch am Abend desselben Tages mit einer Transportmaschine nach Berlin. Auf Alfs Frage, wieso er so schnell Urlaub bekommen habe, zumal er bereits im Sommer zu Hause gewesen war, antwortete der Onkel nur mit einem gemütlichen Lächeln.
Sie stiegen in Berlin zwischen zwei Luftangriffen in einen der wenigen fahrplanmäßigen Züge, und am nächsten Tage waren sie im Schwarzwald. Es war ein Idyll von Tannen, Schnee und gleißendem Sonnenlicht.
Sie brachten die Hochzeit schnell hinter sich.
Bardens Tochter war froh, als ihr Vater sich am anderen Tag verabschiedete. »Dienstreise, Ernestine. Auf dem Rückweg kommen wir noch mal vorbei. Laß es dir gut gehen inzwischen!«
Sie wußte natürlich, daß das nicht stimmte, denn sie hatte eine Schulfreundin in dem Ort, in dem sich Barden aufhielt, wenn er eine dieser Dienstreisen machte. Barden ließ zwei große Koffer, die er mitgebracht hatte, in das Auto laden, das ihn und Alf nach St. Georgen brachte. Er hatte zuvor telegrafiert, und die Zimmer waren reserviert. Als sie noch ein paar Kilometer von dem kleinen Kurort entfernt waren, wandte sich Barden leise, damit der Fahrer es nicht verstehen konnte, an Alf.
»Ich nehme an, du hast nichts gegen ein paar vergnügte Tage. Oder…«
»Nichts«, sagte Alf gelassen, »nicht das geringste. Ich kann sie brauchen. Die Front kostet Nerven.«
»Eben«, nickte Barden, »außerdem sind da in St. Georgen zwei sehr interessante Damen. Das wird dir auch nicht unangenehm sein.«
»Damen?« erkundigte sich Alf.
»Ja, Damen. Ab und zu muß der Mensch ausspannen. Ein bißchen Wald, ein bißchen Skilaufen und ein warmer Grog am Abend, das sind Dinge, die wir brauchen. Keine langweiligen Familienfeste. Diese Hochzeit hat lange genug gedauert.« Er beugte sich noch näher zu Alf und raunte ihm lächelnd zu: »Außerdem war sie eine Formalität. Man soll um solche Dinge nicht so viel Geschrei machen.«
»Bist du öfter in St. Georgen?« erkundigte sich Alf.
Barden nickte. »Es ist ein schönes Städtchen. Auf irgendeine Weise zieht mich diese Gegend an. Die Ruhe und die Einsamkeit, und dabei ein gewisser Komfort, den ich schätze. Und außerdem ist es angebracht, ein bißchen weiter zu blicken. St. Georgen ist ein Nest, in dem es sich leben läßt. Du verstehst?«