»Ich verstehe«, bestätigte Alf. »Was ist das für ein Hotel, in dem wir wohnen?«
»Ein gutes«, antwortete Barden. »Ich kenne den Besitzer sehr lange.«
»Und die Damen?«
»Alice hat ein eigenes Haus«, erklärte Barden, »aber es ist besser, in einem Hotel zu wohnen.«
»Ich verstehe.« Alf nickte.
Barden lächelte väterlich. »Ich wußte doch, daß du ein gescheiter Junge bist. Übrigens vergaß ich ganz, dir zu sagen, daß Alice Witwe ist. Eine hochgebildete Frau. Gisela ist eine ihrer Bekannten. Sie verbringt ihre Ferien in St. Georgen. Ich glaube, sie hat ziemlich oft Ferien.«
»Gisela…«, sagte Alf vor sich hin. Er versuchte, sich das Mädchen vorzustellen. Es gelang ihm nicht. Er hatte überhaupt keine Vorstellung davon, wie ein Mädchen aussehen konnte, das auf ihn wartete.
Draußen tauchten die ersten Häuser von St. Georgen auf. Es waren kleine, an die Abhänge gekuschelte bunte Häuschen im Gebirgsstil, mit schrägen Dächern und weißgestrichenen Fenster- kreuzen. Der Schnee säumte in hohen Wällen die Ränder der Straße. Die Bäume waren bis an die Kronen in diesen Schneewällen verborgen.
Barden sagte; »Wir bekommen im Hotel ein paar Zivilanzüge. Solche Skianzüge, wie sie hier jetzt jeder trägt. Es gibt da einen Ausleih… Läufst du eigentlich Ski?«
»Leidenschaftlich«, sagte Alf.
Dann fragte der Fahrer: »Kennen Herr Oberst die Straße, in der das Hotel ist?« Barden kannte sie.
»Hallo, Leutnant!« rief das Mädchen. »Haben Sie Angst?«
Sie stand unten, zwischen den ersten, kleinen Tannenbäumchen am Waldrand, und Alf bastelte ein Stück weiter aufwärts an seinem Ski. Sie war noch nicht alt, aber sie hatte die schlanke, ausgereifte Figur einer Frau. Ihr Haar war ein wenig zu blond, doch das störte Alf nicht.
»Gisela«, rief er zurück, »ich bitte Sie: Sagen Sie nicht immer Leutnant zu mir! Außerdem ist meine Bindung nicht in Ordnung,«
»Darf ich Bubi sagen?« neckte ihn das Mädchen, den Kopf auf die Hände legend, die die Skistöcke hielten.
»Ich warne Siel« rief Alf. »Gleich ist meine Bindung in Ordnung, dann lernen Sie Bubi kennen!«
»Ich kenne ihn aber schon!«
»Hat Ihnen das der Oberst verraten?«
»Er hat mir sogar ein Bild von Ihnen gezeigt. Es ist schon einige Zeit her. Damals war er ein paar Wochen hier. Kommen Sie jetzt?«
»Ich komme!« kündigte Alf an, und dann stieß er sich ab.
Er schoß hinter dem Mädchen her in den Waldweg hinein, und sie ließen die Skier auslaufen. Alf versuchte das Mädchen einzuholen, aber sie lief ihm davon. Sie war eine gute Skiläuferin. Während Alf überlegte, wer es ihr beigebracht haben mochte, liefen sie ein Stück durch einen dichten Waldbestand, und dann waren sie wieder an einem Abhang, der zum Ort hinabführte.
Unten brannten schon die ersten Lichter. Sie verbreiteten die anheimelnde Atmosphäre des nahenden Abends. Der Abend war das schönste an diesen Gebirgsorten. Dann blitzte der Schnee unter den Laternen, und der Holzrauch aus den Schornsteinen würzte die Luft. Man traf sich in der Hotelhalle, die nach Tannennadeln und Bohnerwachs, nach Rotweinpunsch und Zigarren roch. Oder in der Bar, wo die Hocker mit bunten Figuren bemalt waren und die Gläser mit Edelweißblüten. Es war ein Frieden von eigener Art. Alles drückte die Gewißheit aus: Bis hierher wird der Krieg nie kommen. Dieses Nest in den Bergen ist eine Insel der Geborgenheit. Und dann gab es die anderen Gäste.
Alf hatte sich mit Gisela in der Bar verabredet. Er überprüfte im Spiegel seines Zimmers noch einmal den Sitz der dunklen Skihose, bevor er hinabstieg. An der Tür erinnerte er sich daran, daß er sich nach seiner Heimkehr von der Skitour für eine Weile auf dem Bett ausgestreckt hatte. Er ging noch einmal zurück und zog sorgfältig die Steppdecke glatt. Er tat es mit einem verstohlenen Lächeln und kam sich dabei sehr verwegen vor. Das Mädchen Gisela hatte alle Unsicherheit in ihm mit ein paar geschickten Wendungen im Gespräch beseitigt. Alf fühlte sich mit einemmal wie ein Draufgänger. Er hatte dieses Gefühl bisher nie gehabt, ja, er hatte nie geglaubt, daß er auf diese leichte, spielhafte Weise mit einer Frau umgehen könnte. Es war eine verhältnismäßig kurze Zeit vergangen, seit er Gisela kennengelernt hatte. Aber er hatte die Zeit genutzt.
Unten in der Halle setzte er sich in einen der breiten Plüschsessel und zündete sich eine von den englischen Zigaretten aus Bardens Koffer an. Er legte die Packung mit dem Feuerzeug vor sich auf den niedrigen Rauchtisch, während er zur Tür schaute, wo in einer Nische, halb hinter einem schweren Vorhang versteckt, der Portier vor sich hin döste.
Dieser Portier kennt seine Kundschaft, dachte Alf. Er hat einzig und allein die Aufgabe, im richtigen Augenblick schläfrig zu sein und die Augen zu schließen. Er tut das für zwei Zigarren am Tag, ich glaube kaum, daß Barden ihm mehr gibt.
»Donnerwetter, Beuteware?« sagte in diesem Augenblick eine ziemlich helle, wenig sympathische Stimme hinter ihm. Alf blickte sich um und erkannte den Leutnant, der ein Zimmer auf dem gleichen Flur wie er bewohnte. Der Leutnant war in Uniform. Seine kleine, ein wenig untersetzte Gestalt steckte in gut nach Maß geschneidertem graugrünem Tuch, von dem sich die ockerfarbenen Kragenspiegel leuchtendhell abhoben. Diese Nachrichtenleute, dachte Alf, wie die nur zu den Auszeichnungen kommen! Der Leutnant trug das Deutsche Kreuz an der Brust. Er roch nach einem bitteren, französischen Parfüm, das an den Weihrauchduft in Kirchen erinnerte. Alf erhob sich, um den anderen zu begrüßen, und dann bot er ihm aus der Zigarettenschachtel an. Aber der Nachrichtenoffizier lehnte ab.
»Ich bevorzuge Zigarren. Früher rauchte ich meine dreißig Zigaretten am Tag. Von der Zeit habe ich noch das Aroma dieser Players in Erinnerung. Wir erbeuteten sie zum erstenmal bei Dünkirchen. Sind Sie an der Westfront?«
»Nein. Im Osten«, gab Alf Auskunft. Barden hatte ihm den Nachrichtenmann vorgestellt. Er schien ihn zu kennen. Der Leutnant war Alf nicht besonders sympathisch, aber es schien, als sei mit ihm auszukommen. Er war außer ihnen der einzige Offizier, der gegenwärtig in diesem Hotel wohnte.
»Im Osten…«, sagte der Nachrichtenmann, »das ist eine harte Sache. Sie sind nicht zu beneiden. Ich hörte, Sie sind bei der Luftwaffe?«
»Luftlandetruppen«, sagte Alf, »eine Fallschirmjägereinheit.«
»Die zu Fuß geht…«, lächelte der andere nachsichtig.
»Nicht gerade«, sagte Alf verbindlich. »Wir sind eine der wenigen Einheiten, die noch am Schirm hängen.«
»Ah…«, machte der Nachrichtenoffizier, »interessant! Davon müssen Sie mir erzählen, Kamerad! Darf ich Sie einladen? An der Bar gibt es vorzüglichen…«
»Ich…«, unterbrach Alf ihn. Gisela kam durch die Tür auf sie zu. Alf blickte ihr entgegen und von ihr auf den Nachrichtenmann.
»Oh, Pardon!« sagte der, sich vor Gisela verbeugend. »Ihr Fräulein Braut! Ich dehne meine Einladung auf Sie beide aus, wenn Sie gestatten…«
Als sie auf den Hockern saßen, sagte er leutselig: »Ich vergaß völlig, mich vorzustellen, meine Dame. Riebeck, Leutnant Riebeck. Zuletzt in Italien. Warte jetzt auf neuen Einsatz. Bevorzugen Sie einen Likör, oder halten Sie bei einem männlichen Kognak mit Dreistern, garantiert…«
»Kognak«, sagte Gisela, »diese Liköre sind fade.«
»Ausgezeichnet!« Riebeck freute sich. »Eine Frau, wie sie ein Offizier braucht. Von männlicher Festigkeit, selbst in den Getränken, haha…« Er hielt sein Glas mit gekrümmtem Arm steif vor die Brust und schob den Kopf ruckartig nach vorn. »Auf ihr Wohl! Auf Ihre glückliche Ehe nach dem Sieg!«
Der Barmixer stellte gleichmütig Gläser zu recht. Er war ein kleiner, spinniger Kerl mit einem Spitzmausgesicht. Während er eine Flasche Martini öffnete, nickte er Gisela zu.
»Wieder mal bei uns?«
»Es ist Winter«, sagte Gisela. Sie warf ihr blondes Haar zurück, daß es lang und in sanften Wellen über das dunkle Seidenkleid fiel. Dann lächelte sie: »Im Winter braucht man St. Georgen… und eure Bar hier und das, was es zu trinken gibt!“