Выбрать главу

Der Mixer wischte grinsend Gläser aus. Er sah Alf, der sich mit Riebeck unterhielt, von der Seite an, aber er sagte nichts. Ihn interessierte nur Alf, der sein Glas ausgetrunken hatte und hinstellte.

»Das gleiche?« erkundigte er sich. Alf nickte.

Gisela hielt die Hand über ihr Glas. »Nicht so schnell, Fips. Die Nacht ist lang.«

Die beiden Offiziere unterhielten sich wieder. Fips beugte sich ein wenig über den Tisch und flüsterte: »Davon bin ich überzeugt. Sie sehen bezaubernd aus, Gisela!«

Er hatte ein Holzbein. Bei einem Fliegerangriff in Frankreich hatte er sich nicht schnell genug in Sicherheit bringen können. Er ging schlecht, aber man sah es nicht, wenn er hinter der Bar stand. Er kannte seine Leute. Im späten Frühjahr bediente er Giselas Vater. Dann machte er der Dame, die mit ihm war, Komplimente. Im Hochsommer kam Giselas Mutter, und der Mann, der mit ihr war, bestellte meist gequirlten Sekt. Gelegentlich erkundigte sich dann Fips nach den Geschäften. Im Herbst kam Gisela. Manchmal kam sie im Winter noch einmal. Fips kannte sich aus. Leute, die eine Bank besitzen, müssen gelegentlich ausspannen. Und diese Leute besaßen nicht gerade eine der unbedeutendsten Banken in Köln.

Riebeck hob wieder sein Glas. Sie tranken, und Alf überlegte, daß es noch sehr früh war und daß er nicht im gleichen Tempo weitertrinken durfte.

»…und dann gingen wir aus unserer Stellung ein paar hundert Meter den Berg hinab und tauschten Zigaretten mit den Amerikanern…«, erzählte Riebeck. »Damals rauchte ich auch noch Zigaretten und war ganz wild auf diese amerikanischen Stäbchen. Sie gaben sie stangenweise ab. Gegen Sachen, auf denen ein Hakenkreuz drauf war. Und gegen Schallplatten mit ,Lilli Marlen‘. Dafür gaben sie das meiste. Sie waren rein närrisch darauf. Wir konnten gar nicht so viel heranschaffen. Und was sie an Winterhilfeabzeichen sammelten!« Er lachte und schüttelte den Kopf. Er sah gut aus, so auf dem Barhocker, die Knie leicht angezogen, den einen Arm nachlässig auf die Nickelstange der Bar gestützt, in der anderen Hand das Glas. Ein lachendes Gesicht mit einem guten Gebiß und sehr hellen Augenbrauen. Auf seiner Uniform fand sich kein Stäubchen. Es war, als habe er sie eben erst vom Schneider geholt.

»Haben Sie alten Bestand in Ihrer Kompanie, oder sind es neue Leute?« erkundigte er sich bei Alf. Der nippte an seinem Glas, dann antwortete er: »Relativ viel langgediente Soldaten. Ausgesuchte. Aber auch Ersatz.«

»Der Ersatz taugt nichts mehr«, stellte Riebeck trübsinnig fest, »die jungen Kerle sind verweichlicht. Unzuverlässig. Viel zu kurz ausgebildet.«

»Mag sein«, sagte Alf, »aber ich habe gute Leute bekommen. Jung, aber in Ordnung. Ich kann mich auf sie verlassen. Man muß sie allerdings anders anfassen…«

»Am Ehrgeiz packen«, nickte Riebeck. »Ja, das hilft manchmal noch. Aber insgesamt gesehen… Kamerad, ich sage Ihnen nichts Neues: Das Menschenmaterial taugt nichts mehr.«

»Die Damen wünschen?« fragte Fips, der Mixer. Es waren zwei nicht mehr junge Frauen mit schlaffen Gesichtern. Sie benutzten die Hocker nicht, auch nicht, als Fips sie dazu aufforderte. Sie blieben vor der Bar stehen und wählten einen Zitronenflip. Der Mixer musterte sie, während er in jedes Glas eine halbe Zitrone ausquetschte. Er machte es auf einer verchromten Presse und achtete sorgfältig darauf, daß nicht eine Faser von dem Fruchtfleisch mit ins Glas geriet. Während er in den Eiswürfeln wühlte, um zwei kleine Stückchen herauszusuchen, hörte er eine der beiden Frauen sagen: »Unerhört, uns das zuzumuten! Als ob wir nur hergekommen wären, um uns über die Schulter behandeln zu lassen…«

Pech, dachte Fips. Er kannte seine Leute. Er war lange genug in diesem Hotel, und als er noch sein Bein hatte, war er in Baden-Baden an einer Bar gewesen. Er stellte die Flips zurecht und verbeugte sich. Es ist unnütz, dachte er, diese Sorte läßt sich auf den Pfennig herausgeben. Aber da sind ja noch die beiden Leutnants und die blonde Tochter des Bankdirektors. Und die wirklichen Gäste kommen erst später.

»Eigentlich dreht sich alles nur noch um das Aushalten!« erklärte Riebeck mit großem Ernst. Er hatte so viel getrunken, daß er imstande war, ohne Unterlaß zu reden. Er lächelte Gisela zu und entschuldigte sich: »Sie dürfen nicht böse sein, aber der Gedanke an den Sieg läßt selbst im Urlaub unsere Phantasie nicht los. Sehen Sie«, wandte er sich dann wieder an Alf, »ich zweifle beispielsweise nicht daran, daß man über kurz oder lang mit den Westmächten zu einer Art Übereinkommen gelangen kann. Man wird sie dazu zwingen können, denn sie merken längst selbst, wie weit sich der Kommunismus in ihr Einflußgebiet vortastet. Darüber gibt es kaum Sorgen, das werden unsere Diplomaten schaffen, obwohl man darüber heute besser noch nicht redet, weil es zu viele Leute gibt, die ein zu eng begrenztes Denkvermögen haben. Und die Russen muß man mit andern Mitteln ausschalten. Man hört da so einiges, ich rechne damit, daß wir auf dem Gebiet der Kriegstechnik eine umwälzende Änderung erleben werden. Unsere Chance ist die Massentötung. Was aus dem Osten anmarschiert kommt, kann man nicht mit den herkömmlichen Waffen bekämpfen. Der Führer weiß das, und er wird seine Maßnahmen längst getroffen haben. Eines Tages wird man uns damit überraschen, daß man vermittels einer neuen Waffe, über deren Beschaffenheit man sich heute noch gar keine Vorstellungen machen kann, ganze Frontabschnitte der Russen im Zeitraum von Sekunden ausradiert. Das ist unsere Chance. Wenn der Westen dann nicht klein beigeben will, wird er damit rechnen müssen, daß man ihm gegenüber die gleichen Waffen anwendet wie gegenüber den Horden aus Asien. Das wird den Westen gefügig machen, darüber gibt es keinen Zweifel. Trinken wir doch, Kamerad! Gnädiges Fräulein!«

Er hob sein Glas, aber es war nicht mehr viel darin. Es sah kurios aus, wie er den Tropfen mit einer feierlichen Handbewegung zum Mund führte.

Als er das Glas absetzte, erkundigte sich der Mixer höflich: »Bleiben die Herren bei derselben Sorte?«

»Bei derselben…«, sagte Alf über die Schulter und stellte ihm das Glas hin. Er hatte Lust zum Trinken bekommen. Er beobachtete mit einer gewissen Freude, daß Gisela ihm immer näher gerückt war. Sie lehnte leicht an seiner Schulter, und er roch ihr Parfüm. Eigentlich wollte er diesen Leutnant von den Nachrichten los sein, aber es war schließlich gleich, mit wem man an der Bar trank. Als der Mixer begann, ihre Getränke unauffällig aufzuschreiben, weil er die Zahlen nicht mehr im Kopf behalten konnte, erklärte Alf dem Nachrichtenmann mit gehobener Stimme: »Eines Tages werde ich mit meinen Leuten heimkehren! Wir werden am Sieg keinen geringen Anteil haben! Meine Leute sind tapfer, ich habe sie dazu erzogen. Mit Härte. Und mit dieser Härte werden wir auch siegen…« Er schwieg und nahm feierlich sein Glas. Er war betrunken, und mit einem mal erinnerte er sich an das, was ihm in der Nähe der Front klargeworden war. Er wollte nicht mehr daran denken. Er hob verwirrt sein Glas. Dabei verschüttete er ein wenig von dem Inhalt. Der Mixer beobachtete es mit unbewegtem Gesicht.

»Trinken wir auf den Sieg. Er bedeutet unser Leben!« sagte er einigermaßen fest. Riebeck hob sein Glas. Er saß kerzengerade. Gisela tat ein wenig gelangweilt mit.

Der Mixer füllte die Gläser unaufgefordert wieder. Jetzt kommt der Verdienst, dachte er. Jetzt muß man an die Rechnung denken. Er schrieb bei jedem Glas, das er von nun an ausschenkte, zweimal den Preis auf das Papier unter dem Schanktisch. Auf den Sieg, dachte er. Immer drauf auf den Sieg. Das gibt einen Anzug für mich. Die Stoffe sind verflucht teuer geworden, und mit diesem Holzbein macht man sich alle paar Monate eine Hose zuschanden. Dann beugte er sich zu Gisela und flüsterte ihr ins Ohr: »Ich empfehle Ihnen, einen Kaffee zu bestellen. Es ist welcher da. Ich gebe Salz daran, das bringt ihn wieder auf die Beine. Sie müssen ihm einreden, daß er ihn trinken muß!«