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Aber Alf wurde nicht mehr nüchtern. Auch nicht, als der Mixer von irgendwoher eine Flasche Schaumwein herbeizauberte und Alf ein Getränk zusammenbraute, das aus Sekt, aus Bier und Fruchtsaft gemischt war.

»Schade«, sagte er bedauernd, als die beiden Offiziere immer lauter worden, anstatt zu ernüchtern, »diese Mixtur hat schon Leuten geholfen, die das Delirium hatten, Er muß an gar nichts gewöhnt sein.«

Aber Gisela konnte selbst nicht mehr genau begreifen, was der Mixer sagte. Sie tranken weiter. Abwechselnd auf Gisela, auf die Nachrichtentruppe, auf Alfs Kompanie, auf die Methode, Massentötungen vorzunehmen, und auf den Sieg.

»Das ist…«, brabbelte Alf unsicher, »… unser Leben, oder auch nicht! Die einzige Chance ist, zu siegen… ganz überraschend zu siegen… noch dieses Jahr…« Er fühlte nicht, daß er so viel von dem Alkohol auf die Hose geschüttet hatte, daß sie durchnäßt war. Er legte den Arm um Gisela und führ mit der Hand unter ihre Achsel. Der Nachrichtenrnann beobachtete es mit schläfrigen Augen.

»Gisela«, lallte Alf, »noch eine… Woche! Dann bin ich… nicht mehr bei dir…«

Der Mixer brannte sich eine Zigarette an. Es war ein flauer Betrieb heute. Eine Bar, an der sich nichts weiter abspielte, als daß sich zwei Männer und eine Frau systematisch betranken, war langweilig.

»Sehen Sie diesen Mann an…«, begann Riebeck feierlich, »sehen Sie ihn an, wie er hier sitzt und Sie im Arm hält! Er kommt aus der Hölle! Und er wird wieder dort hingehen. Für Sie! Das dürfen Sie ihm nie vergessen! Mit seinem Leib schützt er Sie. Für Sie wird er den Sieg erringen! Das ist die heilige Lebensauffassung eines deutschen Soldaten…« Er rülpste und entschuldigte sich ungeniert.

Das mit dem Sieg wird schwerhalten, dachte der Mixer. Sie sollen Osnabrück bombardiert haben. Und Schweinfurt und Darmstadt. Wird wohl nicht mehr viel davon stehen. Verdammt Zeit, daß es aufhört, sonst kommen sie womöglich auch noch hierher. »Noch einmal dasselbe?« erkundigte ersieh.

»Haben wir jemals etwas anderes getrunken als immer dasselbe?« lallte Alf ziemlich laut.

»Nein, zu Befehl!« grinste der Mixer.

»Ha…« Alf zog die Augenbrauen hoch. »Soldat gewesen?«

»Jede Menge!« grinste der Mixer.

Alf schüttelte den Kopf. »Jede Menge“, antwortet der Mensch! Und so was war Soldat! Seien Sie froh, daß wir es bald geschafft haben! Aus Ihnen hätten wir einen… einen Soldaten gemacht, einen richtigen! Nicht so was mit ,jede Menge‘! Österreicher, was? Ostmärker? Klare ostmärkische Schlamperei! Hätten wir schon hingekriegt…«

»Davon bin ich überzeugt, Herr Leutnant!« grinste der Mixer. Er stellte ihnen die Gläser hin und schrieb zwei Runden an. Heute komme ich dem Anzug ein Stück näher, dachte er. Dann sagte er höflich: »jawohl, Herr Leutnant. Bin überzeugt davon, Herr Leutnant.«

»Alles keine Soldaten mehr…«, stellte der Nachrichtenmann traurig fest, »alles keine Soldaten. Schäbige Zivilisten… keine Ahnung…«

»Bubi…«, flüsterte Gisela Alf ins Ohr, »es ist so… das ist langsam zuviel…«

Alf rief mit erhobenem Glas: »Meine Jungens solltet ihr sehen! Kerle! Meine Jungens, wenn sie hier wären…«

Jawohl, dachte der Mixer, wenn sie alle so viel saufen würden, dann bekäme ich den Anzug an einem Tag zusammen.

Plötzlich schüttelte Alf den Kopf. »Wo ist… der Oberst? Wo ist er, wenn hier exerziert wird? Immer die Frauen… Gisela, ich glaube…«

»Ja«, sagte das Mädchen schnell, es klang einigermaßen nüchtern, »wir wollen uns lieber noch ein bißchen ausruhen. Morgen wollen wir hinauf in die Berge.« Sie schob das Glas zurück und winkte ab, als der Mixer es erneut füllen wollte.

Das ist unfair von ihr, dachte er, während er schnell noch eine Runde auf den Zettel schrieb. Es ist unfair, denn heute bekommt er sowieso nichts mehr fertig, und wenn sie ihn hiergelassen hätte, wären noch ein paar Runden herausgekommen. Sie hat das letzten Winter nicht gemacht, als sie mit dem von der Waffen-SS hier war. Aber der vertrug auch mehr als dieser komische Fallschirmonkel. Dabei sollen die ganz schön saufen, habe ich gehört…

« Er nahm ihnen eine Menge Geld ab, aber sie merkten nicht, daß er sie betrog. Er war äußerst zufrieden, als er die beiden Offiziere davonwanken sah. Es hatte sich gelohnt. Er genehmigte sich schnell einen Kognak.

Er war ein schlechter Soldat gewesen, und in seiner Rekrutenzeit hatten sie ihn geschunden, daß er manchmal nahe daran gewesen war, sich auf der Latrine zu erhängen. Fips bleibt euch nichts schuldig, dachte er, Fips läßt euch dafür zahlen 1 In solchen Augenblicken waren der ganze Jammer seines Soldatenlebens und das Holzbein vergessen. In solchen Augenblicken war Fips, der Mixer, stolz darauf, wie furchtlos et Rache nahm, und in solchen Augenblicken hatte er das erhabene Gefühl, mit seinem zerstörten Körper Herr über alle Offiziere der Armee, der Luftwaffe und der Marine zu sein.

Alf fand sich auf seinem Zimmer wieder, wo er in einer höchst unbequemen Stellung neben Gisela auf dem Bett lag. Er fühlte mit einem Male, wie sein Magen sich zusammenkrampfte, und das machte ihn einigermaßen nüchtern. Er stolperte nach der Toilette, und als er nach längerer Zeit ein wenig erleichtert wieder ins Zimmer trat, hatte er plötzlich Augen für Gisela. Sie lag quer über dem Bett, so wie er sie verlassen hatte. Das Kleid hatte sich verschoben, und es gab eine Schulter frei. Alf ließ sich neben ihr nieder und fuhr unsicher mit der Hand in den Ausschnitt. Das Mädchen stieß einen unwilligen Laut aus. Sie hatte unter dem Kleid nicht viel an, aber Alf hatte unsichere Finger. Sie wälzte sich ärgerlich auf die Seite.

»Was ist, Liebling?« fragte er einfältig.

»Schade um mein Kleid…«, murmelte sie, ohne die Augen zu öffnen.

Er näherte sich ihr wieder, aber sie stieß ihn lustlos beiseite. »Das wird nichts, Bubi. Du bist betrunken. Du ruinierst nur mein Kleid. Das ist die Geschichte nicht wert…«

»Liebling…«, bettelte Alf.

Sie erhob sich schwankend und streifte mit verwunderlicher Geschicklichkeit das Kleid über den Kopf. Er hob es auf und legte es auf einen Stuhl. Als er sich umdrehte und wieder zu ihr wollte, lag sie bereits in seinem Bett und hatte sich die Steppdecke übergezogen. »Leg dich hin…«, sagte sie sanft, »schlaf dich aus. Du hast viel zuviel getrunken…«

»Aber… es ist doch…«

Sie rückte beiseite und machte ihm Platz. Schließlich ließ er sich unbeholfen neben ihr nieder und streckte sich aus. Er vergaß, sich auszuziehen, und erst als er die Steppdecke ein wenig anhob, merkte er, daß das Mädchen tatsächlich am Einschlafen war. Er berührte sie ein paarmal, aber sie bewegte unwillig die Schultern und sagte abweisend: »Sei kein Kind! Es muß nicht heute sein. Wir haben noch ein paar Tage.«

Es kränkte ihn, denn er fühlte sich stark und nüchtern. Er hatte von der Toilette her noch den bitteren Geschmack im Mund und wagte nicht, sie zu küssen. Er streckte sich neben ihr aus und fühlte ihren Körper, und das einzige, was sie ihm erlaubte, war, seine Hand auf ihre Brust zu legen. Nach einer Weile zog er sie fort und verschränkte beide Arme unter dem Kopf.

»Du kennst unser Leben nicht«, sagte er, »du weißt nicht, was wir durchmachen müssen…«

»Nein«, sagte sie schläfrig, »und wenn ich es wüßte, würde sich heute nacht auch weiter nichts mehr abspielen, mein Lieber. Aber erzähl noch ein bißchen von dem, was ihr durchmachen müßt. Dabei schläft es sich schön ein…«

Er war beleidigt und überlegte, ob er sie vor die Tür setzen sollte. Aber er besaß keine Kraft, so etwas zu tun. Er zog nur die Stirn in Falten und sagte: »Keiner weiß, was wir leisten. Keiner wird es je erfahren. Auch du nicht. Tag für Tag und Nacht für Nacht sein Leben einsetzen…«