Sie rekelte sich behaglich. Ihr blondes Haar lag gelöst über dem Kissen. Er sah sie nicht an. Er starrte an die Decke. Er fühlte sich beleidigt und verletzt, abgewiesen. Er hatte sich diese Nacht anders vorgestellt.
»Erzähl ein bißchen, wie ihr euer Leben einsetzt…«, brabbelte sie, »das ist ganz schön, so vor dem Einschlafen…« Er reagierte nicht darauf, aber er sprach trotzdem weiter. Er sah die Kompanie so deutlich vor sich, als stünde er mitten unter den Soldaten, jetzt, in diesem Augenblick, während er neben dem blonden Mädchen im Bett lag.
Er sah das Raubvogelgesicht Zados, die fragenden Augen Bindigs und den verkniffenen Blick Timms. Er erinnerte sich, daß sie unterwegs waren, eingesetzt am selben Tag, an dem er seinen Urlaub begonnen hatte. Und er begann von ihnen zu erzählen. Er erzählte der betrunkenen Frau alles, was er selbst nicht gesehen, nur gemeldet bekommen hatte. Die Nächte, bewegungslos in irgendeinem Gehölz verbracht, der blitzschnelle, lautlose Mord an einem Posten und das trockene Bellen der Pistolenschüsse. Die Angst, entdeckt zu werden, und die Verzweiflung, wenn man entdeckt war. Er schilderte die Detonation einer Sprengladung und den Todesschrei eines Russen, das Blut, das an den Uniformen der Männer klebte, und ihre bleichen, eingefallenen Gesichter, wenn sie zurückkamen. Er schilderte es so brutal und grausam, daß er selbst daran zu glauben begann, es erlebt zu haben. Er wollte die Frau treffen mit all dieser Grausamkeit, er wollte ihr Achtung vor sich einflößen, und es war ihm ein beinahe sadistisches Vergnügen, ihr zu beschreiben, auf welche Weise man Menschen töten kann. Er hatte nie einen toten Russen gesehen, aber er beschrieb ihn sehr genau.
Einmal hatte Zado ihm geschildert, wie sie einen Posten erledigt hatten. Er beschrieb auch das alles und spürte, wie ihm das Blut dabei zu Kopfe stieg, wie er immer nüchterner wurde, immer wütender in seiner Hilflosigkeit. Er wollte sie treffen und ihr Angst einflößen und Achtung. Hier lag nicht ein Leutnant wie dieser andere von den Nachrichten. Hier lag Alf, der eine Truppe führte, die zu töten gewohnt war, kalt und brutal, der ein Mensch nicht viel mehr wert war als eine verlorene Patrone, eine Frau soviel wie die wertlose Abzugsschnur einer Handgranate.
»Gnade Gott, wer uns in die Finger gerät…«, sagte er. Seine Stimme begann vor Erregung zu beben. »Manchmal möchte ich das allen Leuten sagen. Es wird eine Zeit kommen, da werden wir von jedem Rechenschaft fordern über das, was er selbst getan hat, während wir unser Leben einsetzten… Dann wird mancher, der es heute noch nicht weiß, merken, wer wir sind… und…«
Es war warm im Zimmer. Der Schweiß trat ihm auf die Stirn. Er bewegte sich impulsiv. Er wollte ihr irgendeine Kränkung zufügen. Er wollte ihr eine Verletzung beibringen, die sie an ihn erinnerte und an diese vertane Nacht, und er suchte nach Worten, während sie neben ihm ruhig atmete, mit geöffnetem Mund, die Lippen noch rot vom Lippenstift, und mit dem vollen, gebleichten Haar, das sie älter machte, als sie in Wirklichkeit war. Er reckte sich und setzte von neuem an, bemüht, alle Sinne auf das zu konzentrieren, was er sagte. Und während er sich reckte, noch bevor er wußte, was er weiter sagen wollte, hörte er sie leise und unwillig murmeln:
»Mein Gott, du hättest wenigstens die Schuhe ausziehen können. Ich habe meine besten Strümpfe an, und du kannst mir aus diesem lausigen Osten nicht einmal ein paar neue schicken, wenn du sie zerreißt…«
Als sie das sechste Fahrzeug angehalten und von der Straße nach dem Holzplatz gefahren hatten, war Bindig auf seinem Posten so durchgefroren, daß seine Zähne aufeinanderzuschlagen begannen. Es war schon ziemlich viel Zeit vergangen, und bis jetzt hatte es keinen Zwischenfall gegeben. Es schien, als träte für einige Zeit Ruhe ein. Bindig erhob sich langsam. Er stand unsicher auf den Beinen und machte eine Weile Bewegungen, um das Blut schneller durch die Adern zu treiben.
Paniczek lag mißmutig in den Schnee gepreßt und hauchte in die Hände.
Bindig ging ein wenig abseits, um sich die Füße zu vertreten. Er wäre gern zur Straße hinab und über den Waldweg bis zum Holzplatz gegangen, aber er wagte es nicht, seinen wichtigen Posten zu verlassen. Denn Timm hatte ihm eingeschärft, die Abzweigung des Weges von der Straße keinen Augenblick unbeobachtet zu lassen. So bewegte er sich nur ein paar Schritte rückwärts in den Wald hinein und schlug die Füße in den kalten Stiefeln aneinander. Er trug zum erstenmal Stiefel; sonst, wenn sie in der deutschen Uniform gesprungen waren, hatten sie stets die elastischen Schnürschuhe angehabt. Er hatte, wie die anderen auch, die Knöchel besonders gut bandagiert, aber die Bandagen saßen ein wenig zu fest, und er hätte sie gern gelockert. Er überlegte, ob er es wagen konnte, die Stiefel auszuziehen und die Bandagen neu zu wickeln, aber er unterließ es dann doch, denn es würde zu lange dauern, und jeden Augenblick konnte es an der Straße Alarm geben.
Durch die verschneiten Bäume fiel ein fahles, kraftloses Mondlicht. Die Nacht hatte nichts von dem fließenden Silber anderer Nächte. Sie hatte keinen Zauber. Vor dem Mond schwamm eine dünne Wolkenwand. Bindig überlegte, daß es in den nächsten Nächten viel Schnee geben würde. Es ging auf Weihnachten zu.
Er wußte selbst nicht, weshalb er mit einem mal den weißen Tarnumhang, der zusammengerollt an seinem Koppel hing, aufknüpfte und überwarf. Er zog ihn über die Schultern und klappte die Kapuze über den Kopf.
Paniczek schnaufte und spuckte in weitem Bogen in den Schnee, als er wieder zu ihm trat. »Du hast dich zurechtgemacht wie ein Nachtgespenst«, sagte er halblaut. Dann holte er eine Zigarette aus der Manteltasche und brannte sie an. »Wenn ich das heute hinter mir habe, wird mir wohler sein«, sagte er dabei.
Er meinte es ehrlich. Er hatte zum erstenmal Angst. Ihm war nicht wohl in der Nachbarschaft der Toten, die drüben, jenseits des Weges, im Wald lagen. Hoffentlich haben sie wenigstens ein bißchen Schnee drübergeworfen, dachte er; wenn irgendwas schief geht, und sie finden die Toten, dann ist der Teufel los. Aber der Teufel ist überhaupt los, wenn etwas schief geht. Wir sitzen hier wie die Maus in der Falle. Nicht sie haben die Falle gebaut, sondern wir. Sie bekommen uns auf jeden Fall. Sie brauchen sich nicht sehr anzustrengen. Er sah schnell auf die Uhr, aber die Zeit, die die Zeiger ihm wiesen, befriedigte ihn nicht. Es war noch zu lange hin bis zu der Stunde, da die Maschine sie abholen sollte. Es war, als habe jede Minute in sich den Tod eingeschlossen und als habe nichts mehr einen Sinn, weder das stille Verharren in der Dunkelheit unter den Bäumen noch das Warmhalten der Finger oder das aufmerksame Lauschen auf jedes Geräusch. Er zog hastig an der Zigarette, nicht darauf achtend, daß er sie dabei hell aufglühen ließ. Er drückte sie halb aufgeraucht aus und tastete nach der Schokolade, die er in der Tasche hatte. Er aß davon ein Stück, und als er die Schokolade weggesteckt hatte, griff er nach dem Keks, der lose im Mantel steckte. Der bärenstarke Paniczek war so unruhig, daß Bindig schließlich sagte: »Was ist bloß mit dir los? Geh mal nach hinten und mach dir ein bißchen Bewegung, ich glaube, du frierst!«
Paniczek fühlte sich erleichtert, als er aufgestanden war und ein paar Schritte machte. Er ging an der dünnen Kabelleitung entlang, denn Timm hatte ihm aufgetragen, von Zeit zu Zeit die Verbindung zu kontrollieren. Es war unnütz, denn auf dem Weg zwischen Paniczeks Posten und der Kreuzung, wo der Obergefreite neben dem Telefon lag, geschah nichts.
Bindig griff mechanisch nach dem Telefon und zog es zu sich heran. Er sah zur Straße hinab, aber er konnte den kleinen Russen nicht entdecken. Der hielt sich am anderen Rand versteckt, bis von der Kreuzung die Anweisung kam, die Paniczek aufnahm und ihm zurief.
Neben dem Telefon hockend, in den weißen Umhang gehüllt, horchte Bindig in die Nacht. Vom Holzplatz waren bis vor einiger Zeit noch ab und zu Motorengeräusche gekommen, aber jetzt war es auch dort still. Sie stellten auf dem Platz, den sie vorher vermint hatten, die Fahrzeuge zusammen und verminten auch über der Erde die Fahrzeuge noch einmal. Unternehmen Friedhof, dachte Bindig, das gilt für die Fahrzeuge, die sie zusammenstellten. Aber es gilt auch für die Fahrer, die irgendwo abseits im Walde liegen.