Paniczek lag neben dem Obergefreiten an der Kreuzung und brannte sich eine Zigarette an, als das Autogeräusch aus der Ferne hörbar wurde. Er überlegte, ob er jetzt zurücklaufen sollte, aber es schien dafür zu spät zu sein, und so drehte er nur schnell an der Kurbel, bis sich am anderen Ende Bindig meldete. Er sagte ihm, daß ein Fahrzeug heranrolle, und Bindig antwortete: »In Ordnung, das mache ich schon. Bleib so lange da, bis es vorbei ist.«
Dann war der Wagen auch schon zu sehen. Er fuhr ziemlich schnell auf die Kreuzung zu, wo die beiden Posten standen. Es war ein Jeep, trotz der kalten Nacht ohne Verdeck fahrend und mit vier in Mäntel gehüllten Personen besetzt. Der Russe an der Kreuzung hob die Signalflagge, und der Jeep rollte langsamer. Er hielt genau zwischen dem Posten mit der Flagge und dem anderen, der mit hochgeschlagenem Mantelkragen, die Maschinenpistole über der Brust, am Straßenrand stand. Im gleichen Augenblick, als der Russe mit der Signalflagge an den Wagen herantrat, erkannte er die Abzeichen des Generals auf der Uniform eines der Männer. Er stand automatisch stramm und hob die Hand an die Pelzmütze.
Es war der Mann, mit dem Zado zuletzt über das Messer gesprochen hatte, und er hätte jetzt das sagen müssen, was Timm ihm für solche Falle eingeschärft hatte, nämlich daß einige Schleppfahrzeuge mit defekten Panzern auf der Straße unterwegs waren und der Jeep vorsichtig fahren solle, weil die Schlepper ohne Licht fuhren. Dann hätte der General genickt, der Fahrer hätte gleichmütig Gas gegeben, und dann wäre der Jeep weitergefahren, ohne sich weiter um die beiden Posten zu kümmern.
Er tat das nicht, sondern er sagte, immer noch die Hand an der Pelzmütze, das gleiche, was er den Fahrern der sechs Fahrzeuge gesagt hatte, die jetzt bereits auf dem Holzplatz standen. Er blickte den General dabei an, und seine Augen zogen sich sehr schmal zusammen. Diesen General zu töten, das war etwas Einmaliges. Es war der Versuch, Rache zu üben. Der Fahrer fuhr langsam wieder an, und während der Jeep davonrollte, gab der Posten dem Obergefreiten das vereinbarte Zeichen. Bindig hob den Hörer ab, und zwei Sekunden später gab er dem Russen an der Abzweigung des Waldweges das Zeichen. Der trat auf die Straße und hob die Signalflagge.
Der Fahrer lenkte den Wagen an die rechte Straßenseite, und während der Posten mit der Flagge herantrat, fragte der General unwillig: »Wer hat denn diese Umleitung verfügt?«
»Verfügung vom Armeestab, Genosse General!« antwortete der kleine Russe.
Der General schüttelte den Kopf und sagte: »Eigenartig.« Dann wandte er sich an den Offizier, der neben ihm saß, und sagte ärgerlich: »Hier ordnet irgendeiner Unsinn an. Die Straße ist breit genug für zwei T34.«
»Ich denke auch«, antwortete der Angeredete mit einem Blick auf die Straße. »Übrigens sind diese Waldwege hier oft sumpfig. Es ist nicht sicher, ob wir…«
»Haben Sie den Weg kontrolliert?« fragte der General den Posten mit der Signalflagge.
Der ahnte, daß hier etwas begann, was nicht glatt ablaufen würde. Er erklärte, daß der Weg in Ordnung sei, aber der General klopfte ungeduldig mit den Fingern, die in dicken Wollhandschuhen steckten, auf die eiserne Lehne des Vordersitzes. Er dachte an die Panzerkolonne, die ein paar Minuten hinter ihm heranfuhr, und erinnerte sich daran, daß die Fahrt der Kolonne mit dem Armeestab vereinbart war. Niemand hatte von einer Umleitung gesprochen.
Ganz plötzlich befahl der General dem Fahrer ärgerlich: »Zurück. Zum Funkwagen zurück. Wir werden sehen, wer hier auszuweichen hat.« Der Fahrer wendete den Jeep mit einer eleganten Kurve. Der Schnee wirbelte unter den Rädern hervor, und dann rollte das Fahrzeug seinen Weg zurück, auf die Kreuzung zu. Es fuhr schnell, und die beiden Russen an der Kreuzung hielten diese Schnelligkeit für das Zeichen der Entdeckung des ganzen Unternehmens. Paniczek konnte aus seinem Versteck neben dem Obergefreiten nicht erkennen, wer von den beiden zuerst auf den Jeep schoß. Aber er hörte die Salve aus der einen MP und kurz darauf die der zweiten. Er sah, wie der Jeep auf der Straße im Zickzack zu fahren begann, wie aus ihm Mündungsfeuer kam und er schließlich stehenblieb. Im gleichen Augenblick fiel einer der beiden Russen an der Kreuzung langsam zu Boden. Da griff Paniczek schnell nach dem Telefonhörer und rief Bindig durch den Draht ein paar Worte zu. Er ließ den Hörer achtlos fallen, denn der Obergefreite neben ihm hatte das Maschinengewehr hochgerissen und sprang auf die Straße. Paniczek griff sich die beiden Munitionstrommeln, die neben dem Telefon lagen, und sprang ihm nach. Aus dem Jeep, der schräg auf der Straße stand, schössen vier Maschinenpistolen mit geradezu unglaublicher Präzision. Noch bevor Paniczek den Ober- gefreiten erreichte, der hinter dem Maschinengewehr lag, spürte er den Schlag auf der Brust. Er machte einen unbeholfenen Satz nach vorn und schaffte es bis zu dem Obergefreiten, aber als er neben dem Maschinengewehr hinfiel, hatte er die Munitionstrommeln aus den Händen verloren, und hinten, wo die Straße sich in der Dunkelheit verlor, tauchte der erste Panzer auf.
Bindig lauschte auf die Schüsse. Es war nicht zu unterscheiden, wer schoß, denn sie hatten dort vorn an der Kreuzung alle russische Waffen. Der Posten mit der Flagge war von der Straße verschwunden. Bindig rief ein paarmal nach ihm, aber es meldete sich niemand. Dann hörte er die Panzer. Zuerst war nur das dumpfe, hohle Gedröhn der Rohölmotoren zu hören, aber dann klirrten Ketten, und gleich darauf krachte der erste Abschuß aus einer Panzerkanone. Der Schuß war kurz gezielt, denn der Einschlag verschmolz mit dem Abschuß. Es folgte ein zweiter, ein dritter.
Plötzlich huschte eine Gestalt aus dem Waldweg. Sie verhielt ein paar Sekunden lang an der Straße und huschte dann zu Bindig hinüber. Es war Timm. Er warf sich, ohne zu zögern, neben Bindig und drehte wild an der Telefonkurbel. Er schüttelte den Hörer und blies in die Muschel, aber es meldete sich niemand am anderen Ende. Da fluchte er leise und spähte auf die Straße.
»Wo ist der Iwan, der hier unten stand?« fuhr er Bindig an.
»Weg«, sagte Bindig, »ist er nicht zu euch gelaufen?«
»Das Schwein!« schimpfte Timm. »Er ist weg. Und einer von den beiden anderen auch. Hättest ihn umlegen sollen…«
Er horchte auf den Feuerwechsel an der Straße, aber das war schon kein Feuerwechsel mehr, denn das Maschinengewehr, mit dem der Obergefreite geschossen hatte, schwieg. Es gab nur noch einzelne Abschüsse von Panzerkanonen und dazwischen das bösartige Bellen der Maschinenpistolen. Die Motoren schienen gedrosselt zu sein. Die Panzer wußten nicht, was sie noch erwartete, sie hielten an.
»Wir müssen fort!« sagte Timm. Es klang eigenartig gepreßt, Bindig hörte ihn zum erstenmal so sprechen, aber er war sich nicht darüber klar, ob es vielleicht daran lag, daß er flüstern mußte.
»Wohin?« fragte er. Vor ihm lag die Maschinenpistole. Daneben ein paar bereitgelegte Magazine. Timm merkte den Blick.
»Damit hältst du sie nicht auf. Das sind mindestens ein halbes Dutzend Panzer.«
»Es sind mehr«, sagte Bindig, »jetzt hört man sie nicht, aber vorhin, bevor die Schießerei anfing, hat man es merken können. Es sind mehr als ein halbes Dutzend.«
»Los!« forderte Timm ihn auf. »Wir hauen ab, ehe sie heran sind. Jeder einzeln versuchen, den See zu erreichen, wo die Maschine landet.« Er erhob sich und beobachtete die Straße. Er hatte die Pelzmütze tief in die Stirn gezogen. Mit dem Lauf der Maschinenpistole schob er die Zweige beiseite. Dann drehte er sich noch einmal um und befahl Bindig: »Wir lassen jetzt die paar Kähne hochgehen und hauen ab. Du wartest, ob von denen da vorn noch einer zurückkommt. Dem sagst du Bescheid. Wenn du den ersten Panzer siehst, haust du ab. Dann kommt keiner mehr.«