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Gerade ging die Sonne unter. Der ganze Himmel glühte und glomm in feurigen Tränen und eine milde Brise fegte über das Deck. Eine Tafel war aufgestellt worden und die Sturmjäger vertrieben sich die Zeit bis zum Abendessen mit Kartenspielen.

Als sie Hel bemerkten, hörten sie zu spielen auf und bestürmten sie mit Fragen. Was war auf der Schwalbe geschehen? Wie hatte sie überlebt? Wie war sie nach Har’punaptra gekommen? Hel konnte nur vage Antworten geben und erntete immer mehr misstrauische Blicke. Schließlich setzte Nova der Fragerei ein Ende, indem er einen Arm um sie legte und darauf hinwies, dass sie in Trauer sei. Hel starrte vor sich auf den Tisch und hoffte, dass niemand sah, wie sie errötete. Manche Sturmjäger nickten einsichtig, andere wandten sich enttäuscht ab, aber einer – da war Hel sicher – grinste verstohlen. Novas Arm fühlte sich plötzlich sehr schwer an.

Zum Glück kam gerade da die Köchin, eine alte Sturmjägerin, mit dem Essen an Deck. Die anderen halfen ihr, Geschirr, Besteck und Brotkörbe zu holen. Auch der Kapitän erschien in sauberer Kleidung und wirkte wesentlich ausgeruhter als am Morgen. Nachdem er sämtliche Kelche, Gabeln und Sturmjäger auf ihre Sauberkeit überprüft hatte, nahm er am Ende der Tafel Platz und ließ sie vor den dampfenden Schüsseln und Obsttabletts warten. Hel war nicht die Einzige, die die Anwesenheit der Magierin herbeiwünschte, damit das Essen endlich anfangen konnte.

Schließlich kam sie aus ihrer Kabine. Statt in Rüschen war sie nun in perlenblauen Samt gehüllt. Nur der hohe Kragen und die Puffärmel waren aus gefalteter veilchenblauer und mit Goldfäden durchwirkter Seide. Hel staunte. Der Anblick der Magierin war eindrucksvoll. Beeindruckend war auch die Tatsache, dass sie bestimmt Stunden damit verbrachte, die raffinierten Gewänder zu wechseln.

Nachdem sie sich vergewissert hatte, dass die Sonne bereits untergegangen war, ließ sie ihre Dienerin den Schirm zusammenfalten und schritt nach draußen ins Freie. Kapitän Nord grüßte sie höflich, Nova erhob sich und lief um die Tafel herum, um ihr den Stuhl zurechtzurücken. Mit einem gnädigen Nicken ließ sie sich nieder, die Zofe nahm auf dem Stuhl daneben Platz.

Das Essen verlief so still und gesittet, wie Hel es bei Sturmjägern noch nie erlebt hatte. Keiner sprach, außer dem Kapitän und der Magierin, die von ihrer künftigen Ausbildung in Aradon erzählte. Denn alle Sprösslinge magischer Familien mussten ihre Heimat verlassen, sobald sie ihr siebzehntes Lebensjahr vollendeten. Von ihrem Vater hatte Aricaa einiges gelernt, doch die echten Geheimnisse der Magie wurden in den Bibliotheken von Aradon gehütet und nur dort gelehrt. In drei Jahren würde sie als vollwertiges Mitglied in die Magierschaft aufgenommen werden und, wenn sie sich bewährte, als Vertreter Aradons in die Dienste eines Hofes treten.

All dies erklärte sie ruhig, aber mit unüberhörbarem Stolz. Hel schielte zu ihr hinüber, während sie in ihren Röstkartoffeln stocherte. Jedes »ich« klang in die Länge gezogen und »wir Magier« übermäßig betont. Missmutig schob Hel sich einen Bissen in den Mund. Im Grunde wusste sie, dass sie nur neidisch war, weil Aricaa eine Zukunft hatte und sie nicht. Der Neid machte sie noch niedergeschlagener – sie wollte niemandem etwas missgönnen. Das taten nur schlechte Menschen. Verbitterte Menschen. Menschen, die weniger hatten ...

Hastig trank sie ihren Kelch leer und spülte auch die Gedanken hinunter. Als sie zu Nova hinüberspähte, hatte sie eigentlich erwartet, dass er mit zusammengebissenen Zähnen dasitzen würde. Schließlich sprach die Magierin von genau dem Leben, das auch ihm zugestanden hätte. Seine Mutter war die berühmte Magierin von Moia; in ihm floss das Blut einer mächtigen Familie, aber eben auch das eines Sturmjägers. So hatte seine Mutter ihn gleich nach der Geburt in die Obhut Kapitän Nords gegeben und damit seinen Platz in der Welt bestimmt.

Aber Hel konnte keine Eifersucht an ihm entdecken. Er schien hellauf begeistert von den Geschichten der Magierin. Vielleicht war er einfach zufrieden und wollte gar nichts anderes als ein Sturmjäger sein – es gab ja auch nichts, worüber Nova sich hätte beklagen können. Sein Vater war eine Legende und er wurde ebenfalls von allen bewundert ...

Nachdem die Magierin ihr Mahl beendet hatte, zog sie sich höflich dankend mit ihrer Dienerin zurück. Sobald die Tür ins Schloss gefallen war, lockerte Kapitän Nord seinen Kragen, gerade Rücken sackten rings um die Tafel ein, und lautstarke Gespräche begannen. Nur Nova blieb schweigsam und knabberte lächelnd an ein paar Weintrauben.

Je weiter die Nacht fortschritt, umso heiterer wurde die Stimmung, und Hel fühlte sich so befreit wie lange nicht mehr, als die Sturmjäger sie mit ein paar derben Scherzen zum Lachen brachten. Schließlich befahl der Kapitän, dass man ein Trinklied sang, und alle mühten sich, mit seiner lauten Stimme mitzuhalten.

Spät begannen die Sturmjäger, sich nach und nach zu verabschieden. Zuletzt saßen nur noch drei Jäger um den betrunkenen Kapitän herum, darunter Nova und Hel, und lauschten mit gesenkten Blicken den alten Abenteuern. Man unterbrach den Kapitän nicht; nur manchmal, wenn er plötzlich laut wurde, mahnte ihn Nova, dass die Magierin bereits schlief.

Als Kapitän Nord endlich einnickte, hob Nova sein Gesicht aus dem Teller, legte sich den schlaffen Arm über die Schulter und brachte seinen murmelnden und grunzenden Vater ins Bett. Müde schlurfte der andere Jäger unter Deck. Hel aber sammelte das übrige Geschirr ein und sah dem Kapitän und Nova nach. Er redete ihm gut zu, setzte seine Füße auf die Stufen und tätschelte ihm den Rücken. Sie musste an Gharra denken. An seine glasigen Augen und das Leuchten darin, als er sie zu seiner Erbin ernannt hatte. Nova war so alt wie sie, mit ihr einer der jüngsten Sturmjäger der Liga. Und doch, erkannte sie in diesem Moment, war er erwachsen. Er war längst der Kapitän der Taube – sein Vater hatte ihn in Wahrheit schon vor langer Zeit dazu gemacht. Ob sie so viel Verantwortung wie er schultern konnte ... sie würde es nie erfahren. Vielleicht war das ganz gut so. Sie stellte das Geschirr wieder ab und ging mit leisen Schritten in ihre Kabine.

Karat

Es war nicht der erste Angriff auf sein Leben, den Karat der Schakal überstand.

Als die Detonationen die Stadt erschütterten und Menschen zerfetzten, blieb er in seiner durch Magie gestärkten Rüstung unverletzt. Von der Arena, in der er eben noch gegen die Trolle gekämpft hatte, schaffte er es durch das panische Gewühl bis zum äußersten Stadtring. Hier fand er ein Pferd und floh blindlings in die Wüste.

Sein Weg führte immer in die Wüste zurück. Er kämpfte für Gold, tötete für weniger. Das Geld rief ihn von Stadt zu Stadt, Königreich zu Königreich, er war ein Rächer der Reichen, manchmal auch ein Söldner des unterhaltungshungrigen Volkes, wenn es zahlen konnte. Aber wohin er auch reiste, sie wartete bereits auf ihn.

Wenn seine Klinge aus der Brust eines Mannes glitt, hörte er Sand kichern. Sobald irgendein bedauernswertes Ungeheuer in den Staub fiel, kam sie, die Wüste, und saugte den Jubel der Masse in ihren heulenden Schlund. In der feuchtwarmen Umarmung der Dirnen lauerte sie auf ihn, leer, atemlos, forderte, dass er sich in ihrer gesichtslosen Weite verlor.

Die Wüste war größer, viel größer als die Grenzen des Horizonts. Er wusste, er würde sie nie verlassen können.

Nachdem er der Windigen Stadt entkommen war, brach er nach Har’punaptra auf. Das hatte er sowieso vorgehabt, aber mit dem Preisgeld des Trollkampfes in der Tasche. Fast ein Jahr lang hatte ihn das Schicksal durch die Räuberstädte getrieben, er war gut bezahlt worden und hatte alles verzecht, verspielt und versoffen. Dabei wollte er auf einen schweren Geldring sparen, um sich eine Weile in der Zwergenhauptstadt zu vergnügen. Egal, dann nahm er eben in Har’punaptra Arbeit an, auch wenn er sich in seinen Rückzugsorten lieber ruhig verhielt. Wenn man sichs aussuchen konnte, war es besser, in der Fremde zu arbeiten und danach zu verschwinden.