Nach vier Tagen erschienen die ersten Wälder im Osten, ein dunkelgrüner Pelz zwischen den Hügeln und Feldern. Am Horizont kräuselten sich ein paar wattige Wolken, und Hel wäre gerne hindurchgeflogen, denn sie mochte Wolken, und in der Wüste gab es sie nur selten.
Weil es auf dem Schiff nicht allzu viel zu tun gab, weder für Hel noch für die anderen Sturmjäger, verbrachten sie die meiste Zeit an Deck und spielten Karten, rätselten über die Angriffe und die Absichten der Magierschaft. Hel half hier und da beim Reparieren der Rohre und Ausmisten der Trollquartiere; eine Sturmjägerin lieh ihr ein Buch aus, und Hel war froh, sich die Zeit so vertreiben zu können. Doch dabei drifteten ihre Gedanken immer wieder zu Jureba ab, die ihr das Lesen beigebracht hatte ... fast war sie erleichtert, als Nova kam und sie dreist darum bat, ihm etwas vorzulesen, aber bitte von Anfang an, und mit wechselnden Stimmen für jede Figur. »Ich würde ja selbst lesen, aber meine Augen sind überanstrengt! Ich verbringe doch die ganze Zeit am Fernrohr, um Gefahren rechtzeitig zu entdecken.«
Hel warf ihm einen scheelen Blick zu. »Komisch, hinter dem Fernrohr sehe ich dich nur, wenn die Magierin an Deck kommt.«
Er lächelte liebenswürdig. »Lies doch bitte vor. Mir wird immer so schnell langweilig, wenn ich mit mir allein bin.«
»Das wundert mich nicht«, grummelte sie, gab aber nach und las ihm vor. Zumindest bis er anfing zu schnarchen und sie ihm das Buch auf den Kopf fallen ließ. So war Nova. Sobald er bekam, was er wollte, interessierte es ihn nicht mehr.
Während der langen Tage auf dem Schiff begann Hel, ihn eingehend zu beobachten, und stellte fest, dass er noch viel eitler war, als sie gedacht hatte. Ständig zupfte er an seinen Haaren herum und strich sie sich zurück, nur um sie gleich wieder zu zerstrubbeln. Einmal bekam Hel mit, wie er fast fünf Minuten lang sein Spiegelbild in der Suppenschüssel musterte, die Wangen einzog und die Zähne bleckte und verschiedene Verführerblicke übte. Mit ein paar Sturmjägern machte er Liegestütze um die Wette und lief so puterrot an, dass Hel schon fürchtete, sein Kopf würde platzen. Als er tatsächlich alle übertroffen hatte, rollte er über Deck und blieb eine halbe Stunde reglos liegen. Dabei war Hel sicher, dass er nicht bewusstlos war und sehr wohl mitbekam, wie man ihn bejubelte.
Am schlimmsten aber stellte er sich an, wenn die Magierin in der Nähe war. Dann packte er inbrünstig das Steuerrad und reckte sich dem Fahrtwind entgegen oder er hechtete plötzlich die Strickleiter hinauf und suchte den seidenglatten Himmel nach Stürmen ab. Als er mitbekam, dass die Magierin sich jeden Morgen den Sonnenaufgang ansah, begann er wie zufällig, genau um die Zeit Landkarten zu studieren und mit zarten Messinstrumenten knifflige Luftströme zu errechnen – natürlich immer in ihrer Sichtweite.
Aber obwohl seine Gegenwart Hel jedes Mal eine säuerliche Miene ins Gesicht trieb und sie so schnippisch machte, dass sie sich selbst kaum ausstand, vermisste sie doch etwas, sobald er weg war. Und dass er auf all ihre Seitenhiebe unverändert freundlich reagierte, ärgerte sie wohl am meisten. Manchmal fühlte sie sich wegen ihrer Feindseligkeit ihm gegenüber schlecht, obwohl es doch gute Gründe gab, diesem selbstverliebten Aufschneider am Selbstbewusstsein zu kratzen.
Allerdings schien Hel mit ihrer Abneigung ziemlich alleine dazustehen. Die Sturmjäger belächelten Novas Eitelkeit zwar, aber er schaffte es doch immer irgendwie, ihnen Respekt einzuflößen. Wenigstens die Magierin ließ sich nicht beeindrucken ... jedenfalls am Anfang.
Eines Abends dann erwischte Hel ihn dabei, wie er Aricaa über die Tafel hinweg mit einem dunklen Lächeln anstarrte – und die Magierin erwiderte das Lächeln. Ganz sicher: Für einen kurzen Augenblick, bevor Aricaa aus ihrem Kelch trank, hatten ihre Mundwinkel gezuckt. Hel war wie gelähmt vor Schreck.
Übellaunig ging sie nach dem Essen in ihre Kammer und kletterte ins Bett, ohne die Dienerin zu grüßen, die wieder einmal in den Gepäckkisten wühlte. Die junge Zwergin beachtete sie auch nicht. Bis jetzt hatte sie wohl noch mit niemandem an Bord außer ihrer Herrin ein Wort gewechselt; wenn Hel »Guten Morgen« oder »Gute Nacht« sagte, nickte sie nur scheu. Vielleicht, dachte Hel gehässig, hatte die Magierin ja einen Schweigezauber über ihre Dienerin gelegt, damit sie niemandem erzählen konnte, was für eine Tyrannin sie hinter verschlossenen Türen war. Wer nach außen hin immer so kühl und still war, musste im Geheimen doch ein Drache sein.
Endlich schien die Zwergin gefunden zu haben, was sie suchte, und das Geraschel verstummte. Hel linste hinab. Die Dienerin eilte mit Döschen und Nachtkleidern hinaus zu ihrer Herrin. Als sie die Tür schloss, kippte eine Schachtel von einem Stapel.
Hel richtete sich auf. Ein Finger Lirium rollte unter das Bett. Sie kletterte hinunter und tastete durch Staub und Dunkelheit, bis sie den Finger fand. Eine Weile wog sie das feine Glasfläschchen in der Hand. Schwarze Funken schwebten träge auf und ab.
Hel drehte sich nach der Schachtel um. In lilafarbenem Seidenpapier lagen lauter magische Gegenstände. Ein Zauberstab, kaum so lang wie ihr Unterarm und nicht breiter als ein Finger. Eine faustgroße Glaskugel. Drei reich verzierte Eilige Federn, die man verschicken konnte, damit sie dem Empfänger eine Nachricht schrieben. Offensichtlich waren sie schon benutzt worden, denn darunter lagen drei zerknitterte und oft gelesene Zetteclass="underline"
Liebe Aricaa, alles Gute zum Geburtstag! Morgen kannst du mich in der Bibliothek besuchen.
Dein Vater
Allerliebste Tochter, dein Blumenzauber hat mir gefallen. Lerne fleißig weiter.
Vater
Der letzte Zettel war ebenfalls eine Nachricht ihres Vaters. Überschwängliche Herzlichkeit lag jedenfalls nicht in der Familie. Neben den Briefen waren fünf volle und zwei halb volle Finger Lirium. Hel betrachtete die Fläschchen. Manche hatten die Form von Feen, waren hübsch verziert oder hingen an feinen Goldketten. Was für schönes, teures Spielzeug. Hel schloss die Schachtel und stellte sie zurück.
Dann ließ sie den Blick über die vielen anderen Truhen und Kisten schweifen, die sich in der Kammer türmten. Ob der Magierin je auffallen würde, wenn ein Finger Lirium fehlte ...? Hel schüttelte den Gedanken ab. Sie war keine Diebin. Sie würde das Fläschchen zurücklegen, wie es sich gehörte.
... nachher. In einem Anflug von Verwegenheit schloss Hel die Faust um das Fläschchen und lief aus der Kammer.
Nachtluft schwappte ihr entgegen, als sie nach draußen trat. Aus der Kapitänskajüte drang Licht und eine Leuchtkugel hing beim Mastkorb, doch sonst war alles mit reinem Mondschein überzogen. Hel ging an den vibrierenden Rohren entlang bis zum Bug und lehnte sich an die Reling. Unter ihr war nur Schwärze. Sie stellte sich vor, dass es kein Land mehr gab, nur Tiefe, bis zur Unendlichkeit. Nachdem der Gedanke sie einen Moment in weite Verlorenheit warf, kam ein Gefühl von Nähe, so als schrumpfte die große Nacht zu einem Umhang, und die Dunkelheit war plötzlich nicht mehr riesig, sondern dicht, vertraut. Der Fahrtwind ließ sie schaudern, mit einem Mal war sie grundlos froh und schwermütig zugleich. Sie fühlte, dass sie am Leben war. Und dachte zugleich an die, die es nicht mehr waren.
Nun, in der Finsternis, schienen Gharra und die Sturmjäger gar nicht so weit weg. Sie musste nicht einmal die Augen schließen, um sich vorzustellen, dass sie wieder auf der Schwalbe stand und hinter ihr Jureba die Trolle bewachte und oben im Schiffsinnern Bassia Sandwurm kochte und die Jäger Karten spielten und Gharra am Fernrohr döste ... Sie befühlte das Fläschchen in ihren Händen und öffnete es.