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Ein fiependes Kichern brachte das Licht zum Flackern.

»Was suchst du dann hier?«, schnaubte Hel.

»Frag ich mich auch.« Der Pixie zog die Beine an und begann, sich langsam um sich selbst zu drehen. »Du bist arm, du bist dumm und du schnarchst! Du bist absolut keine Konkurrenz.«

»Was soll das heißen?«

Tix ließ sich auf den Bauch sinken und rotierte weiter, das Gesicht in die Patschhände gestützt. »Dieser grinsende Gockel, ist er in dich verknallt?«

»Was?«

»Das Würstchen-Bürschchen, der Schnulzenschmeißer. Mag er dich?«

»Falls du Nova meinst – nein! Und was interessiert dich das?«

»Danke für die Auskunft!« Tix brauste los und war durch den Türspalt verschwunden. Einen Augenblick lang konnte Hel ihm nur perplex nachstarren. Dann dämmerte es ihr ... aber das war doch ... konnte es sein?

Sie beugte sich nach unten, das Bett der Zwergin war leer. Mit klopfendem Herzen kletterte Hel hinab und lief barfuß, wie sie war, nach draußen.

An Deck war Licht. Beim Steuerrad schwebte eine Leuchtkugel. Stimmen und Lachen schwangen in der Brise. Hel kam näher, bis sie verstehen konnte, was sie sagten.

Nova lehnte am Steuerrad. Vor ihm saß die Magierin, das lange Nachthemd um die Knie geschlungen, und spielte mit den Spitzen ihrer offenen Haare, während er ihr Kichern mit Komplimenten und Witzen nährte.

»... aber klar, eine angehende Magierin ohne Hausgeist ist undenkbar! Wer soll denn die anderen Lehrlinge ausspionieren und deinen Meistern die Schreibfedern stibitzen? Du brauchst auf jeden Fall einen Gehilfen an deiner Seite. Ich würde ja meine eigenen Dienste anbieten, aber die Liga kann mich leider nicht entbehren.«

Kichern. Ein Ring an der Hand der Magierin, violett leuchtend: ein in Glas gefasstes Pixieherz. »Das ist eines der schönsten Geschenke, die ich je bekommen habe!«

»Für die schönste Magierin, die ich je gesehen habe ... was konnte ich anderes tun, als dir einen unverschämten Pixie zu schenken? Schließlich muss mich in meiner Abwesenheit jemand ersetzen.«

Wieder Kichern. »Erzähl noch mal, wie du ihn gefangen hast!«

»Ach, es war ganz einfach ... eigentlich war es verdammt schwer. Ein Kampf um Leben und Tod, Mensch gegen Pixie!«

Hel sog die Luft ein, bis sie zu platzen glaubte. Nicht nur dass Nova Gharras Pixie gefangen hatte, er verschenkte ihn auch noch an die Magierin! Es war nicht Novas Pixie, und noch viel weniger Aricaas! Tix gehörte niemandem, nur der Erinnerung, und diese Erinnerung war heilig.

Hel war so entrüstet, so wütend, dass sie gar nichts tun konnte. Mit einem zitternden Schnauben floh sie unter Deck.

»Du bist ein Dieb!«

»Ich bin verliebt.«

Fassungslos starrte Hel Nova an, als sie ihn am nächsten Tag am Frühstückstisch stellte. Die Sturmjäger waren längst fertig, es war schon Vormittag, als Nova schlaftrunken aus seiner Kabine kam. Hel hatte sich freiwillig gemeldet, den Tisch abzuräumen, damit sie Nova abfangen konnte. Es ging schließlich nichts über einen guten Start in den Tag.

Mit einem seligen Lächeln nahm er einen Apfel und warf ihn in die Luft. »Du hast recht, ich bin ein Dieb: Ich habe Aricaas Herz gestohlen! Aber ich hab ihr meins dagelassen, als Pfand.«

»Nein ... du hast ihr das Herz von Tix gegeben, meinem Pixie!«

»Deinem Pixie?«

»Gharras Pixie. Und Gharra hat mir alles vererbt!«

Nova hörte auf, den Apfel zu werfen, und sah sie skeptisch an. »Soweit ich weiß, war er frei wie der Himmelswind. Und genauso garstig. Regst du dich wirklich wegen dem Pixie auf, oder geht es dir in Wahrheit um Aricaa und mich?«

»Was?« Hel verschluckte sich fast. »Du bist wohl ... völlig ...! Eingebildeter ...!«

Er zuckte die Schultern. »Du regst dich immer so auf, was weiß ich denn, warum?«

»Weil Tix ihr nicht zusteht!«

»Sondern dir?« Er kniff die Augen zusammen. »Entschuldige, aber das klingt, als wärst du eifersüchtig.«

Hel lachte schrill. »Du denkst tatsächlich, dass alle Welt dich lieben muss. Auch wenn es ungeheuerlich klingt: Es geht nicht immer nur um dich! Und ich wäre die Letzte, die eifersüchtig ist auf irgendein armes Huhn, das dich anhimmelt!«

»Aricaa ist kein Huhn. Sie ist eine Magierin.« Seine Augen glommen vor so viel Begeisterung, dass Hel ihn am liebsten geschüttelt hätte.

»Eben. Am Ende dieser Reise wird sie aus deinem Leben verschwinden.«

»Hel«, fragte er nachdenklich, »wieso musst du eigentlich immer alles so schwarz sehen?«

Sie wollte sich verteidigen, aber ihre Zunge fühlte sich wie verknotet an.

»Ich verehre Aricaa. Und sie liebt mich, das weiß ich. Liebe überwindet alle Grenzen.«

Hel musste ganz ruhig vorgehen, um nicht die Beherrschung zu verlieren. »Erstens kennt ihr euch seit genau einer Woche. Zweitens wurde Aricaas ›Liebe‹ mit einem gestohlenen Pixie erkauft! Und drittens ... könnte es vielleicht sein, dass du sie nur magst, weil sie eine Magierin ist?«

Er sah sie groß an. »Aber natürlich mag ich sie deswegen.«

Hel erwiderte seinen offenen Blick. Und begriff, dass ihn mehr mit seinem Vater verband als nur die Abenteuerlust und Aufschneiderei. Und dass seine Mutter, die große Magierin von Moia, trotz ihrer Abwesenheit erheblichen Einfluss auf ihn hatte.

»Außerdem hat deine geliebte Magierin mich ausspioniert, weißt du das? Jawohl, sie hat Tix in mein Zimmer geschickt, um herauszufinden, ob unter meinem Kopfkissen dieselben Gedichte liegen, die du ihr wahrscheinlich zugesteckt hast!«

»Ehrlich?« Nova schien nicht im Geringsten entrüstet. Im Gegenteil. Mit einem Seufzen schmolz er über dem Tisch zusammen und umarmte die Schüsseln. »Ach, Aricaa! Du kennst mich viel besser als alle anderen Mädchen!«

Die letzten zwei Tage ihrer Reise war Nova praktisch nicht mehr vorhanden. Dafür erschien ein großes rosafarbenes Ungeheuer: Die Magierin stellte ein Seidenzelt im Bug des Schiffes auf, das Vanilleduft verströmte und zu ihrem und Novas Heim wurde. Die ganze Zeit kicherten sie hinter den Tüchern, gerade so laut, dass man sie nicht ignorieren konnte. Hin und wieder sprühten Funken magischer Minifeuerwerke hervor und Musikdosen trällerten wieder und wieder dieselben Lieder. Pausenlos hetzte die Zwergin zwischen Kabine und Zelt hin und her, um Spielzeug und Süßigkeiten zu liefern. Wenn Nova sich nicht gerade mit kandierten Früchten mästen ließ, verfolgten ihn Eilige Federn und kritzelten jedes Blatt Papier im Umkreis von drei Metern mit kindischen Liebesschwüren voll.

Bei den Sturmjägern rief Novas neuste Eroberung Belustigung hervor, aber auch Anerkennung, und Kapitän Nord war regelrecht stolz auf ihn. Hel konnte es nicht fassen. Der Magier von Har’punaptra hatte ihnen seine Tochter anvertraut. Dass sie sich kurz vor ihrem Studium von einem Sturmjäger ablenken ließ, würde ihm gewiss missfallen. Ja, vielleicht sorgte er sogar dafür, dass die Taube ihre Zulassung verlor! Doch niemand schien sich Gedanken zu machen.

Hel konnte die Leichtfertigkeit der anderen einfach nicht verstehen. Aber aus Angst, dass man sie für eifersüchtig hielt – was der Wahrheit nicht ferner liegen konnte -, bewahrte sie schweren Herzens Schweigen.

Es war später Nachmittag, als die Türme von Aradon am Horizont auftauchten, blass wie Nadeln im roten Fleisch des Himmels. Trotz aller Zukunftsängste wurde Hel plötzlich zuversichtlich. Die Magierschaft würde sich um sie kümmern. Alles würde gut werden. Schlimmer konnte es sowieso nicht kommen.

Während der letzten Fahrtstunde wurde es sehr leise um das rosafarbene Zelt, bis Aricaa und Nova schließlich mit gefassten Mienen herauskamen und in der Kabine verschwanden. Wenig später kehrte Nova allein zurück. Wahrscheinlich hatte die Magierin ihn verbannt, weil sie sich jetzt in ein Kleid begeben musste, das dem Anlass entsprechend schwer anzuziehen war.