Nova erhob sich verwundert. »Äh, ja, natürlich. In der weißen Kommode gegenüber von meinem Bett, in einer der oberen Schubladen müsste was sein. Soll ich dir ...?«
Kapitän Nord wehrte ab. »Nein, nein, keine Umstände. Ich finde es schon. Bleibt ihr nur zusammen.«
Nova setzte sich wieder. Staunend blickten sie dem Kapitän nach, der leise summend mit dem Licht verschwand.
»Normalerweise ... schläft er um diese Zeit schon«, murmelte Nova. Hel wusste, dass er mit »schlafen« sich betrinken meinte. Tatsächlich war der Kapitän seit ihrem Aufbruch auffällig oft nüchtern. Dass sie die Magierin von Moia wiedersehen würden, hatte offenbar einen gewaltigen Einfluss auf seinen Lebenswandel.
Hel bemerkte ein Lächeln auf Novas Lippen. Mitleid und Stolz spiegelten sich in seiner Miene, und selten hatte sie so viel Wärme in seinen Augen gesehen wie jetzt, da er zu den erleuchteten Fenstern der Kapitänskajüte blickte.
»Kriegst du noch Eilige Federn von deiner Verlobten?«
»Ständig.« Grunzend ließ er sich auf den Rücken sinken und streckte die Arme aus. »Und die Dinger sind gefährlich! Ich schwöre, die Federn versuchen, mir ihre Nachrichten in die Haut zu ritzen. Ich wette, sie hat sie mit einem Eifrigkeitszauber belegt.«
Hel schielte auf ihn hinab. »Ich glaube, ich kann dir verzeihen, wie du mit den Mädchen umspringst ... weil ich deine Mutter kenne.«
»Wieso? Meine Mutter ist wundervoll«, erwiderte er sofort. »Sie ist die Magiern von Moia.«
Hel sah ihn nur an. Nova sah zu den Sternen auf. Nach einer Weile sagte er: »Übrigens behandle ich die Mädchen längst nicht so schlecht, wie du denkst. Es ist ja sehr schmeichelhaft, dass du mich für einen Herzensbrecher hältst, vielen Dank. Aber man sagt mir mehr Abenteuer nach, als ich für mich verbuchen kann.«
Hel fürchtete, dass sie nicht überzeugend klingen würde, wenn sie nun widersprach, also schwieg sie. Sie wusste außerdem, dass sie ihn damit am meisten ärgerte.
Es war der sechste Morgen ihrer Reise, als das Meer in Sicht kam. Hel erblickte den dünnen blauen Streifen, der jenseits des Landes am Horizont aufstieg, ganz unvermittelt.
Den ganzen Tag war sie nicht vom Bug wegzubekommen und beobachtete, wie das Meer heranwuchs. Der Rand der Welt. Die unbegreifbare, unendliche Masse, die alles Bekannte umschloss. Die irgendwo dort draußen auch das Nichts berühren musste, wo alles Irdische aufhörte. Bald ließen sich einzelne Wellen erkennen, dann die Schaumkronen, die die Küste umspielten. Das Wasser war dunkel und wirkte gefährlich.
Es dämmerte schon, da stieg ein Umriss aus dem Land. Es war eine Burg, schwer und klotzig wie der Fels, auf dem sie thronte. Sie hatten den Hof von Moia erreicht.
Die Taube landete auf dem Dach des Hauptgebäudes, einem runden, massiven Steinbau, den ein Dutzend stumpfnasige Türme flankierten. Als sie die Planke vom Deck schoben, stand bereits der Hof von Moia bei der Rundtreppe, die ins Schloss hinabführte. Leuchtkugeln in blassen Farben umschwebten die kleine Menge, ringsum auf der Mauerkrone standen Pagen und bliesen eine Fanfare.
Meister Olowain verließ das Schiff zuerst, gefolgt von Arill, Hel, Nova, Kapitän Nord und den anderen drei Söldnern. Harlem hatte nicht vor Arills Männern gehen wollen und bildete nach den Sturmjägern das Schlusslicht.
»Medeah!« Olowain breitete die Arme aus.
Aus der Menge trat eine Frau in einem bestickten grauen Cape und einem violetten Kleid. Für eine Magierin ihres Ranges war Medeahs Erscheinung überraschend unauffällig. Sie war klein, trug das weiße Haar zu einem schlichten Knoten gesteckt und hatte ein eher herbes Gesicht, das keinen Anspruch auf Besonderheit erhob. Doch in ihrer Haltung und ihrem Blick lag eine stille Anmut.
»Olowain, welche Ehre! Auch ihr anderen, seid herzlich willkommen in Moia. Wie war die Reise?«
Olowain lächelte freundlich. »Man kann sich nicht beklagen. Das Schiff ist nicht abgestürzt.«
Plötzlich lachte Kapitän Nord laut auf. »Abstürzen? Nicht solange ein Nord am Steuerrad steht!« Er sah Medeah an und verneigte sich nur vor ihr. »Guten Abend. Ich habe mein Bestes getan, Euren Gast sicher zu Euch zu führen.«
Medeah lächelte kühl. Hel stellte fest, dass sie dieselben Grübchen hatte wie Nova. Die Ähnlichkeit verwirrte sie für einen Moment. »Wir haben Eure Ankunft bereits erwartet, das Mahl ist bereitet. Wenn Ihr uns folgen wollt ...« Sie wies die Treppe hinab. Die Höflinge setzten sich in Bewegung. Medeah wartete ab, um neben Olowain zu gehen. Dabei fing sie endlich Novas Blick auf und ein fröhliches Leuchten ging durch ihre Augen. Dann drehte sie sich um und begann, in leisem Ton mit Olowain zu sprechen.
Die Treppe führte durch einen hohen Korridor in eine Halle. Rauch hing in der Luft, über dem riesigen Kaminfeuer brieten mehrere Hammel und ein ganzer Ochse. Eine lange, hufeisenförmige Tafel war davor angerichtet, um die Diener, Harfenspieler und Narren warteten. An der Mitte der Tafel saß auf einem breiten Thron der König von Moia und hatte sein Mahl bereits begonnen. Als er die Menge eintreten sah, wischte er sich über den zotteligen roten Bart und nahm einen Schluck aus seinem Kelch.
Die Höflinge blieben stehen und verneigten sich, bis er ihnen mit einem Wink seiner Hammelkeule zu verstehen gab, dass sie sich setzen durften. »Meister Olowain! Herzlich willkommen. Nehmt Platz, alle, es ist genug da. Speist und ruht nach Eurer langen Reise!«
Mit höflichen Dankesworten setzten sie sich. Kapitän Nord versuchte, neben Medeah zu kommen, doch sie ließ sich neben dem König nieder und zog Olowain an ihre andere Seite. Kapitän Nord wählte einen Stuhl am Rand der Tafel, von wo aus er Medeah beinahe gegenübersaß und ihr zumindest zulächeln konnte.
Während die Diener ihre Teller beluden, führte der König das Gespräch. Hauptsächlich erkundigte er sich bei Meister Olowain nach der Zukunft der Sturmjäger, beschwerte sich über die Liriumpreise und wollte wissen, was die Magierschaft dagegen zu tun gedächte. Ausnahmsweise fielen Olowains Antworten kurz aus, vielleicht weil das Thema ihn nicht reizte oder er schlichtweg erschöpft war wie sie alle. Über die Mission fiel kein Wort, dafür waren zu viele Außenstehende da. Hel bezweifelte, dass selbst der König wusste, warum Olowain nach Moia gekommen war. Die Magierschaft hielt ihre Angelegenheiten geheim, sogar – oder gerade – vor Königen.
Schließlich setzte das Harfenspiel ein, die Narren und Tänzer sorgten für Unterhaltung, und bald war es so laut in der Halle, dass man sein eigenes Wort nicht verstand. Der Rauch machte Hels Augen schwer. Sie war müde und hoffte, dass es nicht mehr lange dauerte, bis man ihnen ihre Schlafquartiere zeigte.
Als das Mahl beendet war, sah die Tafel wie ein Schlachtfeld aus, und selbst Hel, die vor Aufregung nicht so tüchtig zugelangt hatte wie manch anderer, war pappsatt.
Der König winkte die Hafenspieler fort, erhob sich und schwenkte seinen Kelch. »Auf diesen fröhlichen Abend, liebe Freunde! Bleibt in Moia, so lange ihr wollt. Meine Männer werden euch euer Lager für die Nacht zeigen.«
Nach einem letzten Zuprosten verließen der König und sein Gefolge die Halle. Auch Medeah erhob sich und bedeutete Olowain und den restlichen Gefährten, ihr zu folgen. »Kommt. Wir haben noch etwas zu besprechen.« Lauter sagte sie zu den Sturmjägern: »Euer Nachtlager ist bereit. Schlaft wohl.«
Drei Wachen warteten, um die Sturmjäger hinauszuführen. Kapitän Nord räusperte sich. Dann schritt er auf Medeah zu, nahm ihre Hand und küsste sie. Hel beobachtete das Gesicht der Magierin und glaubte, Überraschung aufglimmen zu sehen, doch sie hatte sich sofort wieder unter Kontrolle.
»Danke, Medeah«, sagte Neremias Nord mit samtiger Stimme. »Bleibt nicht zu lange wach. Ich sehe Euch morgen.«