Olowain hielt sich den Ärmel vor Mund und Nase. Dann ging er in einem weiten Bogen um den Troll herum. Die anderen folgten ihm. Sobald der Geruch nicht mehr so penetrant war, rang Hel nach Luft. »Irgendwas hat den Troll getötet! Hier ist irgendwas!«
»Ja, irgendwas und Trolle!«, sagte Nova und schwenkte die Arme. In beiden Fäusten hielt er einen Finger Lirium. »Bitte, nimm diese unsinnige Augenklappe ab und halte Ausschau nach Trollen!«
»Ich hab den Silberling doch gar nicht drin.« Nervös sah Hel zurück. Aber es war stockfinster, auch auf der zweiten Sicht.
Die Gefährten tauschten unruhige Blicke. Inzwischen liefen sie so schnell, dass Hel allmählich außer Atem geriet. Der Tunnel führte bergauf. Rechts gähnte ein Abgrund, links führten zerklüftete Felsen in eine unbekannte Höhe. Der Verwesungsgeruch ging Hel nicht aus der Nase. Sie atmete nur noch durch den Mund, doch die Übelkeit blieb.
Dann machte der Weg eine Biegung und fiel steil ab. Hel stieß einen Schreckenslaut aus.
»Was?«, riefen mehrere auf einmal. Sie wies nach vorne.
»Leben«, krächzte sie.
»Trolle?!« Nova zog einen Liriumflakon auf.
»Nein, nein. Der Felsen. Da ist Licht im Gestein.«
Olowain seufzte angespannt. »Wir tragen Feenlichter. Und König Moradin hat versichert, dass der Berg tot ist. Dieser Tunnel ist Jahrhunderte alt und hat sich nie verschoben. Weiter, Freunde.«
»Vielleicht ist es ja der Ausgang«, sagte Caiden hoffnungsvoll.
Hel starrte nach vorne. Es sah nicht so aus, als würde Land vor ihnen liegen. Es war ein stilles, leicht pulsierendes Licht, das nur an einer Stelle glomm. Mit weichen Knien ging sie weiter.
Im Näherkommen erkannten sie, dass der Weg endete. Olowain ließ seinen Stab stärker aufleuchten. Der Gang erhellte sich. Vor ihnen lag ein großer Geröllberg. Mit der zweiten Sicht sah Hel, wie das Leben in ihm schwelte. Fäulnis hing in der Luft. Plötzlich erklang ein dumpfes Grummeln. Und Hel begriff, dass es kein lebendiges Gestein war. Sondern ein lebendiges Wesen.
Nach Westen
Der Tunnel bebte, als sich das Wesen zu regen begann. Wassertropfen fielen zitternd aus der Höhe. Dann öffneten sich in der grauen Masse zwei Augen und blinzelten ins Licht.
Es war ein Troll. Aber Hel hatte nie einen gesehen, der auch nur im Entferntesten so groß gewesen war. Langsam hob er den Kopf; er überragte sie um drei Mannslängen. Auf einem Sturmjägerschiff hätte er niemals Platz gehabt – die Kurbel, an der immerhin sechs Trolle drehten, hätte für ihn gerade einmal zum Sitzen gereicht.
Verwirrt starrte er Olowains leuchtenden Stab an. Ein Knurrlaut drang aus dem mächtigen Spalt, der sich irgendwo unter den Augen auftat, und sein Atem schlug ihnen entgegen. Hel wurde schwindelig. Dem Geruch nach hatte er einen Friedhof gefressen.
Er begann leicht zu schwanken und blinzelte träge. Dann schlug er eine Pranke auf die Erde und polterte plötzlich auf sie los.
Die Gefährten stießen Schreie aus.
»Macht das Licht aus!«, brüllte Arill.
»Rennt!«, rief Harlem.
Sie stürzten los, um die Biegung, den steilen Weg bergauf. Der Boden donnerte unter ihnen. Hel konnte kaum etwas sehen. Nur noch Schemen tanzten um sie her. Direkt hinter ihnen brüllte der Troll. Eine heiße Atemwoge spülte über sie hinweg.
»Hier!« Kelda, der vor ihr rannte, verschwand zur Seite und packte Hel am Arm. Er zog sie einen Felsen hinauf. Die anderen Gefährten erklommen ebenfalls den Geröllhang. Ein grelles Licht strahlte auf. Hel sah zurück.
Olowain stand unter ihnen, den Stab erhoben. Ein Blitz schoss auf den Troll zu und traf ihn vor die Brust. Er stieß ein dumpfes Grölen aus und taumelte zur Seite. Felsen krachten. Splitter und Steine stürzten in die Tiefe. Dann holte der Troll aus und ließ eine Faust durch die Luft sausen. Olowain stieß den Stab empor. Ein Lichtstrahl warf den Arm des Trolls so heftig zurück, dass er erneut ins Taumeln geriet. Er wirbelte im Kreis und donnerte seine andere Faust auf die Erde nieder. Nur knapp verfehlte er Olowain. Der Magier wich aus, stolperte über seinen eigenen Stab und fiel auf die Knie. Der Abgrund war nur Zentimeter von ihm entfernt.
Panisch tauchte Nova einen Finger in seinen Liriumflakon und pustete auf den Troll. Der zuckte kaum, als die Funken ihn berührten. Nova warf den ganzen Flakon. Das Glas zerklirrte an seiner Schulter und der Troll stieß einen ohrenbetäubenden Laut aus, halb Husten, halb Niesen. Mit zusammengekniffenen Augen starrte er zu den Gefährten empor, schien aber nicht zu begreifen, dass der Angriff von Nova gekommen war. Er hob eine Pranke, um sich vor dem Licht zu schützen, und grunzte tief.
Inzwischen hatte Olowain sich wieder aufgerappelt und umklammerte seinen Stab. Er feuerte auf den Kopf, doch traf nur die Pranke. Der Troll holte mit dem Fuß aus, um ihn zu zertreten. Olowain sprang zur Seite.
»Das Licht!«, schrie Harlem. »Er ist hinter dem Licht her!«
Olowain begriff. Statt auf den Troll zu zielen, richtete er seinen Stab in den Tunnel zurück. Eine leuchtende Blase schoss hervor, prallte an den Felswänden ab und schwebte davon. Im gleichen Moment ließ Olowain seinen Stab erlöschen. Wabernde Finsternis fiel über sie.
Der Troll sank brüllend auf alle viere und jagte dem Licht hinterher.
»Schnell«, japste Olowain. In der Dunkelheit rutschen die Gefährten den Geröllhang hinunter. Hel spürte gar nicht, wo sie sich überall die Haut aufschürfte. Sich gegenseitig an den Armen und Händen haltend, stolperten sie den Weg bergab. Als sie wieder um die Biegung kamen, entfachte Olowain ein schwaches Glimmen.
»Sind alle da?«, keuchte er. Sie sahen sich an, ohne stehen zu bleiben. In der Ferne hörten sie das Poltern des Trolls. Hel konnte nicht sagen, ob es sich entfernte oder näher kam. Wie betäubt rannten sie weiter, weiter, so rasch ihre Füße sie trugen. Dort, wo der Troll gelegen hatte, türmten sich die fauligen, halb aufgefressenen Kadaver von kleineren Artgenossen. Hel wollte nicht sehen, über was sie alles stolperte.
Sie rannten so lange, bis sie nichts mehr hörte außer ihrem eigenen Keuchen und dem Blut, das in ihren Ohren rauschte. Schließlich wateten sie durch tiefe Pfützen und merkten, dass es still um sie geworden war. Olowain bückte sich, um sein Gesicht mit Wasser zu benetzen und etwas zu trinken. Erschöpft taumelten sie weiter.
Irgendwann erschienen tiefe Spalten in den Wänden. Geisterhaftes Tageslicht zog Vorhänge in den Weg. Hel versuchte, einen Blick nach draußen zu erhaschen, doch es war viel zu hell, sie sah nur blendendes Weiß. Auch auf der zweiten Sicht ließ sich das Land jenseits der Felswände nicht erkennen, entweder weil es zu fern war oder weil es zu wenig Leben gab.
Dann sahen sie Licht am Ende des Tunnels. Von der Aussicht angetrieben, beschleunigten sie ihren Schritt.
Wieder ging es steil bergauf. Die Wände rückten enger zusammen und die Decke wurde niedrig. Das letzte Stück führte beinahe senkrecht nach oben. Sie mussten sich an den narbigen Wänden vorwärtsziehen und aufpassen, nicht auf den Steinen auszurutschen, die den Boden bedeckten. Kochend rotes Sonnenlicht stürzte zu ihnen herab. Als sie aus der Dunkelheit traten, war Hel, als würden sie in gefärbtes Badewasser eintauchen.
Blinzelnd kletterten sie aus dem Tunnel. Sie standen auf einem Felsvorsprung, der sich über tiefe Klippen beugte. Wind spülte an ihnen vorbei, doch die Luft war dünn, und Hel hatte das Gefühl, nicht richtig atmen zu können. Sie waren sehr weit oben. Nebel und Wolken vereinten sich ringsum und schluckten die dunkelnde Welt zu ihren Füßen. Die Sonne verblutete in den seidigen Schwaden, roh und leuchtend wie ein junges Herz.
Eine Weile standen sie im Licht, betrachteten die Welt, genossen die Freiheit. Hel öffnete die Hände, um den Wind zwischen ihren Fingern zu spüren. Ob es an der langen Dunkelheit lag und der plötzlichen Freude, die das Licht bewirkte – auf einmal war Hel glücklich. Sie musste lächeln. Sie waren weit gekommen. Und sie hatten den Troll überlebt.