Weder Wohlgelauntheit noch Freundlichkeit ließen sich in Kodells Gesichtsausdruck erkennen, als er die Verbindung trennte und sein Bild verschwand.
Offenen Mundes starrte Thoobing dorthin, wo er es eben noch gesehen hatte.
68
Golan Trevize raufte sich das Haar, als versuche er, durch Tasten von außen den Zustand seines Denkvermögens abzuklären. »Wie fühlen Sie sich?« wandte er sich unvermittelt an Pelorat.
»Wie ich mich fühle?« wiederholte Pelorat verdutzt.
»Ja. Da sind wir nun geschnappt worden — unser Raumschiff ist unter fremder Kontrolle und wird unwiderstehlich von einer Welt angezogen, über die wir nichts wissen. Verspüren Sie Panik?«
Pelorats langes Gesicht spiegelte eine gewisse Melancholie wider. »Nein«, antwortete er. »Ich bin nicht gerade voller Vorfreude. Ich empfinde eine gewisse Spannung, aber keine Panik.«
»Ich auch nicht. Ist das nicht sonderbar? Weshalb sind wir nicht aufgeregter?«
»Weil dies etwas ist, womit wir gerechnet haben, Golan. Mit irgend so was.«
Trevize drehte sich zum Bildschirm um. Die Außenübertragung war fest auf die fremde Raumstation eingestellt, die inzwischen bedrohlich nähergerückt war.
Er hatte aber keineswegs den Eindruck, daß es sich um eine allzu beeindruckend konstruierte Raumstation handelte. Nichts an ihr wies auf Superwissenschaft hin. Tatsächlich wirkte sie sogar ein wenig primitiv. Trotzdem hatte sie das Raumschiff in der Gewalt.
»Ich bin regelrecht analytisch, Janov«, sagte er. »Echt kühl! Ich halte mich ohnehin keineswegs für einen Feigling, ich finde, ich behalte im allgemeinen auch unter dem Druck schwieriger Bedingungen ganz gut die Nerven, aber ich gebe zu, dabei pflege ich mir auch ein bißchen zu schmeicheln. Das geht wohl jedem so. Eigentlich sollte ich aber in dieser Situation auf und ab hüpfen und ein wenig schwitzen. Kann sein, daß wir irgend etwas erwartet haben, aber das ändert nichts an der Tatsache, daß wir hilflos sind und man uns vielleicht umbringt.«
»Ich bezweifle es, Golan«, sagte Pelorat. »Wenn die Gaianer über eine solche Entfernung hinweg ein Raumschiff anziehen können, dürften sie ja wohl auch dazu in der Lage sein, es auf diese Distanz zu vernichten. Da wir aber noch leben…«
»Trotzdem sind wir nicht völlig unangetastet geblieben.
Ich sage Ihnen, wir sind zu ruhig. Ich glaube, sie haben uns irgendwie ruhiggestellt.«
»Warum?«
»Um uns psychisch in guter Verfassung zu halten, nehme ich an. Es ist möglich, daß sie uns zu verhören beabsichtigen. Vielleicht bringen sie uns erst anschließend um.«
»Falls Sie vernünftig genug sind, uns befragen zu wollen, kann es sein, daß sie auch so vernünftig sind, uns nicht ohne guten Grund umzubringen.«
Trevize lehnte sich in seinen Sessel (der immerhin noch nachgab — diese Funktion war nicht unterbunden worden) und legte seine Füße auf das Pult, auf dem er normalerweise durch die Hände mit dem Computer Kontakt aufnahm. »Sie könnten allerdings auch einfallsreich genug sein«, entgegnete er, »um sich etwas auszudenken, das Sie für einen guten Grund halten. Aber wenn sie unseren Geist beeinflußt haben, dann jedenfalls nur ganz geringfügig. Wären dort solche Typen wie der Fuchs, sie hätten uns vermutlich richtiggehend wild darauf gemacht, Gaia aufzusuchen — restlos versessen, voll mit Sehnsucht, mit jeder Faser unseres Daseins geil auf Gaia.« Er deutete in die Richtung zur Raumstation. »Ist Ihnen so zumute, Janov?«
»Bestimmt nicht.«
»Und Sie sehen, daß ich mich in einer Verfassung befinde, die mir unterkühltes, nüchternes Überlegen erlaubt. Höchst merkwürdig! Oder bin ich mir überhaupt bewußt, in welcher Verfassung ich bin? Befinde ich mich in Wahrheit im Zustand der Panik, Auflösung, des Irrsinns — und nur in der Illusion, ich könne unterkühlt und nüchtern überlegen?«
Pelorat zuckte die Achseln. »Mir kommen Sie geistig völlig klar vor. Vielleicht bin ich ebenso irrsinnig wie Sie und stehe unter der gleichen Illusion, aber derartige Argumentationen führen zu nichts. Die ganze Menschheit könnte an einem gemeinschaftlichen Wahnsinn kranken und sich einer gemeinsamen Illusion hingeben, während sie gemeinsam im Chaos haust. So eine Annahme läßt sich nicht widerlegen, aber wir haben keine andere Wahl, als uns an unseren Sinnen zu orientieren.« Für einen Moment schwieg er. »Im übrigen«, ergänzte er dann, »habe ich selber einige Überlegungen angestellt.«
»Ja?«
»Na, wir reden doch dauernd von Gaia, als wäre sie eine Welt der Füchse oder die wiederauferstandene Zweite Foundation. Haben Sie schon mal daran gedacht, daß es eine dritte Möglichkeit gibt, die viel einleuchtender ist als die beiden anderen?«
»Welche dritte Möglichkeit?«
Pelorats Blick schien konzentriert nach innen gerichtet zu sein. Er sah Trevize nicht an, und seine Stimme klang leise und versonnen. »Wir haben da eine Welt — Gaia —, die während einer unbestimmt langen Zeitspanne alles getan hat, um eine strikte Isolation aufrechtzuerhalten. Sie hat keinerlei Anstrengungen unternommen, um Kontakte mit anderen Welten zu etablieren — nicht einmal mit den relativ nahen Welten der Sayshell-Union. Und falls diese Geschichten um vernichtete Raumflotten wahr sind — und ihre Fähigkeit, uns so unter Kontrolle zu nehmen, wie’s gegenwärtig geschieht, spricht stark dafür —, verfügt man auf Gaia über hochentwickelte Wissenschaften, aber trotzdem hat es an Versuchen gemangelt, den eigenen Machtbereich auszudehnen. Gaia will nur in Ruhe gelassen werden.«
Trevize kniff die Augen zusammen. »Na und?«
»Das macht einen nichtmenschlichen Eindruck. Die über zwanzigtausend Jahre menschlicher Raumfahrt sind eine einzige, ununterbrochene Geschichte der Expansion und von versuchter Expansion. So gut wie jede Welt, die bewohnt werden kann, ist bewohnt. Um nahezu jede bewohnbare Welt ist im Laufe der galaktischen Besiedlung gezankt worden, und fast jede Welt hat irgendwann einmal jeden ihrer Nachbarn kleinzukriegen versucht. Wenn Gaia so wenig menschlich ist, daß sie in dieser Beziehung eine Ausnahme bildet, dann kann das vielleicht daran liegen, daß sie genau das ist — nämlich eine nichtmenschliche Welt.«
Trevize schüttelte den Kopf. »Ausgeschlossen.«
»Warum ausgeschlossen?« meinte Pelorat leicht hitzig. »Ich habe Ihnen doch erläutert, wie rätselhaft es ist, daß sich in der Galaxis als einzige Intelligenz die Menschheit entwickelt hat. Wenn das nun doch nicht der Fall ist? Könnte es nicht andere Intelligenzen geben — mindestens auf einem Planeten —, denen lediglich die menschliche Neigung zum Expansionismus abgeht?« Pelorat begann sich zu ereifern. »Was wäre, wenn’s tatsächlich Millionen anderer intelligenter Rassen in der Galaxis gäbe, von denen jedoch nur eine expansionistisch ist — wir selbst? Die anderen bleiben vielleicht alle hübsch daheim, verhalten sich unauffällig, bleiben verborgen…«
»Lächerlich!« behauptete Trevize. »Wir wären schon längst auf sie gestoßen. Wir wären auf ihren Welten gelandet. Sie müßten alle Typen und Stadien von Technik haben, und die Mehrzahl hätte uns nicht aufhalten können. Aber wir haben nie irgendwo fremde Rassen gefunden. Raum und Zeit! Wir sind nicht einmal irgendwo auf Relikte oder Ruinen irgendwelcher Fremdrassen gestoßen, stimmt’s? Sie sind Historiker, also müssen Sie’s sagen können. Stimmt’s, oder nicht?«
Pelorat schüttelte den Kopf. »So was haben wir nie gefunden, nein. Aber eine Fremdrasse könnte es doch geben, Golan! Diese eine hier.«
»Das bezweifle ich. Der Name lautet Gaia, haben Sie gesagt, und das sei eine alte mundartliche Version von ›Erde‹. Wie könnte so was nichtmenschlicher Herkunft sein?«