»Möglich.«
»Sie glauben doch sicher nicht, auch die Foundation hätte wegen Gaia die Finger von Sayshell gelassen, wenn es keinen Hinweis darauf gibt, daß man bei uns je von dieser Welt gehört hat?«
»Ich gebe zu, daß Gaia in unseren Archiven nirgends erwähnt wird, aber andererseits gibt’s eigentlich keine einleuchtende Erklärung für unsere gemäßigte Haltung zur Sayshell-Union.«
»Dann wollen wir hoffen, daß die sayshellische Regierung — trotz Thoobings gegenteiliger Auffassung — von Gaias Macht und tödlicher Natur überzeugt ist — wenigstens ein bißchen.«
»Warum das?«
»Weil die Sayshell-Union dann keine Einwände gegen unseren Vorstoß nach Gaia erheben dürfte. Je unangenehmer ihr unser Vordringen ist, um so eher reden sie sich dort unter Umständen ein, man solle es zulassen, damit Gaia uns eine harte Abfuhr erteilt. So eine Lektion, werden sie sich vielleicht denken, müßte eine heilsame Wirkung auf potentielle künftige Eindringlinge haben.«
»Und wenn sie nun mit einer solchen Annahme völlig recht haben sollten, Bürgermeisterin? Falls Gaia wirklich eine tödliche Gefahr verkörpert?«
Die Branno lächelte. »Jetzt fangen Sie selber mit dem ›Was wäre, wenn‹ an, oder, Liono?«
»Ich muß alle Möglichkeiten in Erwägung ziehen, Bürgermeisterin. Das ist meine Aufgabe.«
»Wenn Gaia eine tödliche Gefahr ist, wird Trevize ihr zum Opfer fallen. Das ist seine Aufgabe als mein Blitzableiter. Und Compor möglichst auch — hoffe ich!«
»Das hoffen Sie? Weshalb?«
»Weil die Gaianer dadurch übertrieben selbstsicher werden könnten, und das wäre für uns nützlich. Sie würden unsere Kräfte unterschätzen und uns um so leichter unterliegen.«
»Und wenn nun wir es sind, die sich durch überhöhte Selbstsicherheit auszeichnen?«
»Wir sind’s nicht«, entgegnete die Branno rundheraus.
»Diese Gaianer — was immer sie auch sein mögen — könnten doch irgendwelche Eigenschaften besitzen, von denen wir uns gar keine Vorstellung machen, so daß wir die Gefahr unzureichend einschätzen. Ich erwähne das lediglich, Bürgermeisterin, weil ich der Ansicht bin, daß auch diese Möglichkeit nicht außer acht gelassen werden darf.«
»Tatsächlich? Und wie kommen Sie zu dieser Ansicht, Liono?«
»Weil ich mir denke, daß Gaia im schlimmsten Fall vielleicht die Zweite Foundation ist. Ich vermute, Sie sind sogar der Überzeugung, daß wir’s mit der Zweiten Foundation zu tun haben. Sayshells Geschichte war jedoch schon zur Zeit des Imperiums recht interessant. Nur Sayshell allein hat jederzeit ein gewisses Maß an Souveränität genossen. Ausschließlich Sayshell sind einige der ärgsten Steuern erspart geblieben, wie ein paar der sogenannten schlechten Kaiser sie erhoben haben. Kurz gesagt, anscheinend hat Sayshell schon immer unter Gaias Schutz gestanden, auch in der Ära des Imperiums.«
»Na und?«
»Aber die Zweite Foundation ist von Hari Seldon gleichzeitig mit unserer Foundation gegründet worden. In der Ära des Imperiums hat die Zweite Foundation noch nicht existiert — Gaia dagegen sehr wohl. Gaia ist also nicht die Zweite Foundation. Sie ist irgend etwas anderes — und möglicherweise noch Schlimmeres.«
»Ich halte nichts davon, sich vom Unbekannten erschrecken zu lassen, Liono. Es gibt nur zwei Quellen von Gefahr — materielle Waffen und geistige Waffen —, und auf beide sind wir gut vorbereitet. Sie kehren jetzt zurück auf Ihr Schiff und warten mit den Einheiten im Randbereich der Sayshell-Union. Dies Schiff wird zuerst allein nach Gaia vorstoßen, aber wir werden mit Ihnen in ständigem Kontakt stehen und erwarten, daß Sie uns notfalls mit einem einzigen Hypersprung zu Hilfe kommen. Gehen Sie, Liono, und lassen Sie diesen verstörten Ausdruck von Ihrem Gesicht verschwinden!«
»Ist eine letzte Frage gestattet? Sind Sie sicher, daß Sie wissen, was Sie tun?«
»Das bin ich«, antwortete die Branno grimmig. »Auch ich habe die Geschichte Sayshells studiert und daraus entnommen, daß Gaia nicht die Zweite Foundation sein kann, aber mir liegen, wie bereits erwähnt, die Berichte der Scouts komplett vor, und infolgedessen weiß ich…«
»Ja?«
»Na, ich weiß, wo sich die Zweite Foundation befindet, und wir werden uns um beide kümmern, Liono. Erst befassen wir uns mit Gaia, und danach mit Trantor.«
Siebzehntes Kapitel
Gaia
70
Es dauerte Stunden, bis das Schiff von der Raumstation aus die Nähe der Far Star erreichte — sehr lange Stunden, die Trevize eine nach der anderen durchzustehen hatte.
Wäre die Situation normal gewesen, hätte Trevize versucht, ein Signal zu geben und auf eine Reaktion zu warten. Wäre eine Reaktion ausgeblieben, hätte er ein Ausweichmanöver vollzogen.
Weil sie jedoch unbewaffnet waren und man bisher nicht auf ihre Annäherung reagiert hatte, blieb ihnen nichts anderes übrig, als alles weitere abzuwarten. Der Computer befolgte keinerlei Anweisungen, die irgend etwas außerhalb des Raumschiffs betrafen.
Im Innern dagegen funktionierte alles weiterhin bestens. Die Lebenserhaltungssysteme arbeiteten tadellos, so daß Trevize und Pelorat keine körperlichen Unannehmlichkeiten zu erdulden brauchten. Irgendwie war das jedoch kein besonderer Trost. Das Dasein schleppte sich mehr oder weniger nur noch so dahin, und die Ungewißheit dessen, was bevorstand, zermürbte Trevize. Es irritierte ihn, feststellen zu müssen, daß Pelorat vollkommen ruhig wirkte. Wie um alles noch unerträglicher zu machen, öffnete Pelorat, während Trevize überhaupt keinen Hunger verspürte, eine kleine Büchse mit Hähnchenfleisch in Stücken, das sich nach dem Öffnen automatisch rasch erwärmte. Nun verzehrte Pelorat seine Mahlzeit wie nach Plan.
»Raum und Zeit, Janov!« meinte Trevize gereizt. »Das stinkt.«
Pelorat schaute verblüfft drein und roch an der Büchse. »Für meine Begriffe riecht’s völlig einwandfrei, Golan.«
Trevize schüttelte den Kopf. »Haben Sie Nachsicht. Ich bin bloß unruhig. Aber benutzen Sie eine Gabel, sonst werden Ihre Finger den ganzen Tag lang nach Geflügel riechen.«
Überrascht betrachtete Pelorat seine Finger. »Entschuldigung! Ist mir gar nicht aufgefallen. Ich habe an etwas anderes gedacht.«
»Würden Sie gerne raten, was für eine Art von Nichtmenschen die Geschöpfe auf dem Schiff dort sein könnten?« meinte Trevize sarkastisch. Er schämte sich, weil er weniger gefaßt war als Pelorat. Er war ein Veteran der Raummarine (obwohl er natürlich nie an einer richtigen Schlacht teilgenommen hatte), Pelorat bloß ein Historiker. Trotzdem saß sein Begleiter hier vollkommen gelassen herum.
»Es dürfte unmöglich sein«, sagte Pelorat, »sich einfach auszumalen, welchen Gang die Evolution unter ganz anderen Bedingungen, als sie ursprünglich auf der Erde vorhanden waren, genommen haben könnte. Sicher gibt’s nicht unendlich viele Möglichkeiten, aber es sind so viele denkbar, daß es auf das gleiche hinausläuft. Ich kann allerdings ziemlich sicher voraussagen, daß diese Kreaturen nicht blindwütig gewalttätig sind und uns auf zivilisierte Art und Weise behandeln werden. Andernfalls wären wir längst tot.«
»Sie können wenigstens noch klar denken, Janov, mein alter Freund — Sie sind noch immer ganz ruhig. Meine Nerven dagegen beginnen sich immer mehr gegen die Ruhe durchzusetzen, die man uns anfangs irgendwie eingegeben hat. Ich verspüre einen starken Drang zum Aufstehen und Hinundherlaufen. Warum ist das verdammte Schiff denn noch nicht da?«
»Ich bin ein Mann der Passivität, Golan«, sagte Pelorat.
»Ich habe mein ganzes Leben damit verbracht, über irgendwelchen Aufzeichnungen zu hocken und auf das Eintreffen weiterer Aufzeichnungen zu warten. Ich habe nie was anderes getan als gewartet. Sie sind ein Mann der Tat, und Ihnen wird mies zumute, wenn Sie einmal nicht handeln können.«