Trevize fühlte, wie von seiner Anspannung ein wenig wich. »Ich habe Ihren gesunden Menschenverstand gehörig unterschätzt, Janov«, murmelte er.
»Nein, durchaus nicht«, widersprach Pelorat, »aber selbst ein naiver Akademiker versteht es manchmal, seinem Leben irgendwie einen Sinn abzugewinnen.«
»Und selbst der cleverste Politiker kann manchmal darin scheitern.«
»Das habe ich nicht gesagt, Golan.«
»Nein, aber ich. Na gut, ich muß mich also irgendwie betätigen. Auf jeden Fall bin ich zum Beobachten imstande. Das andere Schiff ist mittlerweile so nah, daß man feststellen kann, es ist anscheinend ziemlich primitiv.«
»Anscheinend?«
»Falls es ein Produkt nichtmenschlichen Denkens und nichtmenschlicher Hände ist«, sagte Trevize, »kann das, was für uns primitiv aussieht, in Wirklichkeit nur nichtmenschlich konzipiert sein.«
»Meinen Sie, es könnte sich um ein nichtmenschliches Artefakt handeln?« fragte Pelorat, indem er leicht errötete.
»Kann ich nicht sagen. Ich vermute, daß Artefakte, wie verschieden sie von Kultur zu Kultur auch sein mögen, ihre Kultur niemals ganz so plastisch widerspiegeln können wie moderne Produkte genetischer Andersartigkeit.«
»Das ist lediglich eine Vermutung Ihrerseits. Wir kennen nur unterschiedliche Kulturen. Wir kennen keine verschiedenen intelligenten Spezies und haben daher keine Möglichkeit, zu beurteilen, wie unterschiedlich entsprechende Artefakte sein müßten.«
»Fische, Delphine, Pinguine, Tintenfische, sogar die Ambiflexen, die nicht irdischer Abstammung sind — einmal vorausgesetzt, die anderen sind’s —, sie alle lösen das Problem der Bewegung durch ein flüssiges Medium durch eine Stromlinienform, so daß ihr Aussehen keineswegs so verschieden ist, wie ihre genetische Herkunft vermuten lassen könnte. Ähnlich ließe es sich mit Artefakten denken.«
»Die Tentakel eines Tintenfisches und die Helivibratoren eines Ambiflexes unterscheiden sich gewaltig voneinander, ebenso von den Flossen, Schwänzen und Gliedmaßen der Wirbeltiere. Ähnlich könnte es sich mit Artefakten verhalten.«
»Jedenfalls fühle ich mich schon besser«, sagte Trevize. »Unsinn mit Ihnen zu reden, beruhigt meine Nerven, Janov. Und ich nehme an, wir werden nun bald wissen, mit wem wir’s zu tun haben. Das Schiff dort kann nicht andocken, und wer auch an Bord ist, er wird über eine altmodische Verbindungsleine zu uns kommen — oder man wird uns irgendwie dazu veranlassen, nach drüben überzusetzen —, denn unsere Normschleuse ist so nutzlos. Es sei denn, irgendwelche Nichtmenschen werden ein ganz anderes System verwenden.«
»Wie groß ist das Schiff?«
»Da ich den Bordcomputer nicht benutzen und deshalb nicht das Radar einsetzen kann, um die Entfernung festzustellen, kann ich die Größe nicht ermitteln.«
Eine Verbindungsleine schoß auf die Far Star zu.
»Entweder sind Menschen an Bord«, sagte Trevize, »oder Nichtmenschen, die eine gleichartige Vorrichtung haben. Vielleicht kann man nichts anderes nehmen.«
»Sie könnten eine Röhre ausfahren«, sagte Pelorat, »oder eine horizontale Leiter, so was wie ein Laufsteg durchs All.«
»Solche Geräte sind für so etwas nicht flexibel genug. Es wäre viel zu kompliziert, damit zwischen zwei Raumschiffen eine Verbindung herzustellen. Man braucht etwas, in dem Stabilität und Flexibilität kombiniert sind.«
Mit einem dumpfen Dröhnen prallte die Verbindungsleine gegen den Rumpf der Far Star und versetzte ihn in Schwingung (und damit auch die darin befindliche Luft). Danach ertönte das übliche Schleifgeräusch, während das andere Schiff die erforderliche Feinkorrektur seiner Geschwindigkeit vornahm, um die Geschwindigkeit beider Raumschiffe einander anzugleichen. Die Verbindungsleine blieb im Verhältnis zu beiden Raumern bewegungslos.
Auf dem Rumpf des anderen Schiffs erschien ein schwarzer Punkt, weitete sich wie die Pupille eines Auges.
Trevize stieß ein Brummen aus. »Ein dehnbares Diaphragma statt einer Schleusenluke.«
»Nichtmenschlich?«
»Nicht zwangsläufig, würde ich sagen. Aber interessant.«
Eine Gestalt kam zum Vorschein.
Pelorat preßte einen Moment lang die Lippen aufeinander. »Wie schade«, meinte er dann mit deutlicher Enttäuschung in der Stimme. »Menschlich.«
»Nicht unbedingt«, erwiderte Trevize sachlich. »Bis jetzt können wir nur erkennen, daß fünf Extremitäten vorhanden sind. Das können ein Kopf, zwei Arme und zwei Beine sein — vielleicht aber auch nicht. Warten Sie mal!«
»Was ist denn?«
»Unser Besucher bewegt sich viel schneller und gleichmäßiger herüber, als ich gedacht habe. Aha!«
»Was denn?«
»Er benutzt irgendeine Art von Antrieb. Keine Raketen, soweit ich das schon sagen kann, aber er hangelt sich auch nicht ausschließlich an den Händen herüber. Aber es muß noch immer keineswegs unbedingt ein Mensch sein.«
Obwohl die Gestalt an der Verbindungsleine entlang zügig näherkam, schien das Warten auf sie sich unglaublich lange hinzuziehen, aber endlich erscholl das Geräusch des Kontakts.
»Was für ein Geschöpf das auch ist, es kommt herein«, konstatierte Trevize. »Ich habe Lust, mich auf es zu stürzen, sobald es sich zeigt.« Er ballte eine Hand zur Faust.
»Ich glaube, wir behalten lieber die Nerven«, riet Pelorat. »Kann sein, es ist stärker als wir. Es kann unseren Geist beherrschen. Außerdem sind drüben im Schiff bestimmt noch mehr von seiner Art. Wir warten besser, bis wir mehr über das wissen, mit dem wir es zu tun haben.«
»Sie werden mit jeder Minute vernünftiger, Janov«, sagte Trevize. »Bei mir ist es umgekehrt.«
Sie hörten die Luftschleuse in Funktion treten, und schließlich betrat die Gestalt das Innere des Raumschiffs.
»Ungefähr normale Größe«, bemerkte Pelorat gedämpft. »Der Raumanzug könnte durchaus einem Menschen passen.«
»So ein Modell habe ich noch nie gesehen, und ich habe von so was auch noch nicht gehört, aber es fällt sicher nicht außerhalb der Grenzen menschlicher Fabrikation, finde ich. Der Anzug besagt gar nichts.«
Die in den Raumanzug gehüllte Gestalt blieb vor ihnen stehen und hob ein Glied zum Helm, der offenbar nur von innen transparent war, falls er überhaupt aus einer Glassubstanz bestand, denn in seinem Innern ließ sich nichts erkennen.
Das Glied berührte mit einer raschen Bewegung, die Trevize nicht ganz zu beobachten vermochte, irgend etwas, und der Helm löste sich vom Rest des Anzugs. Er klappte zurück…
…und entblößte das Gesicht einer jungen und unbestreitbar schönen Frau.
71
Pelorats ausdruckslose Miene, so schien es, tat alles, um möglichst entgeistert zu wirken. »Sind Sie ein Mensch?« stammelte er.
Die Frau hob ruckartig die Brauen und spitzte die Lippen. Daraus ließ sich nicht ersehen, ob sie in diesem Augenblick etwas in einer fremden Sprache gehört hatte, die sie nicht verstand, oder ob sie sehr wohl verstand und sich über die Fragestellung wunderte.
Ihre Hand glitt schnell an die linke Seite des Raumanzugs, der sich daraufhin der Länge nach öffnete, als hielten ihn nur lauter winzige Scharniere in einem Stück zusammen. Sie trat heraus, und der Anzug blieb einen Moment lang ohne Inhalt reglos stehen. Dann sank er mit einem Seufzen zusammen, das nahezu menschlich klang.
Ohne den Anzug sah die Frau sogar noch jünger aus. Ihre Kleidung war weit und durchsichtig, und die kaum wahrnehmbare Unterwäsche war nur in Umrissen sichtbar. Die Oberbekleidung reichte bis zu den Knien hinab.
Sie hatte kleine Brüste und eine schmale Taille, aber ihre Hüften waren rund und voll. Ihre Schenkel, die man schattenhaft sah, waren kräftig, aber ihre Beine verschmälerten sich unten zu anmutigen Knöcheln. Ihr Haar war dunkel und schulterlang, die Augen waren groß und braun, die Lippen voll und leicht ungleichmäßig.