»Richtig. Mein Bewußtsein ist dem einer einzelnen Zelle weit überlegen — unglaublich weit voraus. Die Tatsache, daß wir unsererseits Teile eines höheren Kollektivbewußtseins sind, setzt uns jedoch nicht auf die Daseinsebene von Körperzellen herab. Ich bleibe ein menschliches Wesen — aber über uns existiert ein Kollektivbewußtsein, das soweit außerhalb meines Begriffsvermögens liegt, wie mein Bewußtsein sich außerhalb des Verstehens der Muskelzellen meines Bizeps befindet.«
»Aber sicher hat doch irgend jemand die Anordnung erteilt, unser Raumschiff aufzubringen«, sagte Trevize.
»Nein, nicht irgend jemand. Gaia hat es angeordnet. Wir alle haben es angeordnet.«
»Die Bäume und der Erdboden auch, Wonne?«
»Sie leisten nur einen geringen Beitrag, aber sie tragen zu allem bei. Sehen Sie, wenn ein Musiker eine Sinfonie schreibt, fragen Sie dann danach, welche besondere Zelle ihn dazu gedrängt hat, sie zu schreiben, durch welche Einzelzelle seine Arbeit überwacht worden ist?«
»Und das Gruppenbewußtsein, um das Kollektiv einmal so zu nennen«, sagte Pelorat, »ist viel stärker als der individuelle Verstand, nehme ich an, so wie ein Muskel stärker als eine einzelne Zelle ist. Infolgedessen kann Gaia ein Raumschiff aus großer Entfernung aufbringen, indem sie den Computer unter Kontrolle nimmt, während keinem Individuum auf diesem Planeten so etwas allein möglich wäre.«
»Sie verstehen vollkommen, Pel«, sagte Wonne.
»Ich versteh’s auch«, sagte Trevize. »So schwer ist es ja nun wieder nicht zu verstehen. Aber was wollen Sie von uns? Wir sind nicht gekommen, um Sie zu überfallen. Wir sind hier, weil wir Informationen suchen. Warum haben Sie uns zur Landung gezwungen?«
»Um mit Ihnen zu reden.«
»Sie hätten an Bord unseres Raumers mit uns reden können.«
Bedächtig schüttelte Wonne den Kopf. »Ich bin nicht Ihr Gesprächspartner.«
»Sind Sie kein Teil des Kollektivbewußtseins?«
»Doch, aber deswegen kann ich noch längst nicht fliegen wie ein Vogel, summen wie ein Insekt oder so wie ein Baum in die Höhe wachsen. Ich erledige, was ich am besten erledigen kann, und es ist nicht am besten, wenn ich Ihnen Informationen gebe — obwohl die entsprechenden Kenntnisse mir ohne weiteres mitgeteilt werden könnten.«
»Wer hat entschieden, sie Ihnen nicht mitzuteilen?«
»Wir alle.«
»Und wer wird uns die Informationen geben?«
»Dom.«
»Und wer ist Dom?«
»Tja«, sagte Wonne, »sein voller Name lautet Endomandiovizamarondeyaso… und so weiter. Verschiedene Leute rufen ihn zu verschiedenen Zeiten mit unterschiedlichen Silben seines Namens, aber mir ist er als Dom bekannt, und ich glaube, Sie beide werden diese Silbe ebenfalls als Anrede verwenden. Er besitzt wahrscheinlich größeren Anteil an Gaias Gesamtheit als jeder andere auf dem Planeten, und er lebt auf dieser Insel. Er hat darum ersucht, Ihnen begegnen zu dürfen, und es ist ihm gestattet worden.«
»Wer hat’s gestattet?« fragte Trevize, aber er gab sich unverzüglich selber die Antwort. »Ja, ich weiß, alle haben’s gemeinsam getan.«
Wonne nickte.
»Wann werden wir Dom treffen können, Wonne?« erkundigte sich Pelorat.
»Sofort. Wenn Sie mir folgen, bringe ich Sie zu ihm, Pel. Und Sie natürlich auch, Trev.«
»Und dann werden Sie sich von uns verabschieden?« fragte Pelorat.
»Fänden Sie das unerfreulich, Pel?«
»Um ehrlich zu sein, ja.«
»Da haben wir’s«, sagte Wonne, während sie ihr eine ebenmäßig gepflasterte Straße entlang folgten, die die Obstplantage säumte. »Männer gewöhnen sich sehr schnell an mich. Selbst würdige ältere Männer werden von jungenhaftem Eifer befallen.«
Pelorat lachte. »Ich rechne bei mir nicht gerade mit jungenhaftem Eifer, Wonne, aber sollte mich trotzdem welcher befallen, ich glaube, ich könnte ihn an Schlechteres verschwenden, als wenn ich ihn in der Hingabe an Sie aufwende.«
»Oh, Sie sollten jugendlichen Eifer nicht geringschätzen«, empfahl Wonne. »Ich wirke in dieser Beziehung Wunder.«
»Sobald wir dort sind«, fragte Trevize ungeduldig, »wohin wir jetzt gehen, wie lange werden wir dann auf diesen Dom warten müssen?«
»Er wartet bereits auf Sie. Immerhin hat sich Dom durch Gaia jahrelang darum bemüht, Sie zu uns zu bringen.«
Trevize blieb ruckartig stehen und warf Pelorat einen raschen Blick zu. Sie hatten recht, bekannten Pelorats Lippen stumm.
»Ich weiß, Trev«, sagte Wonne gelassen, die nach vorn schaute, »Sie haben vermutet, daß ich/wir/Gaia an Ihnen interessiert sind.«
»›Ich/wir/Gaia?‹« wiederholte Pelorat leise.
Sie wandte den Kopf und lächelte ihm zu. »Wir verfügen über eine ganze Gruppe von verschiedenen Pronomen, um der Differenziertheit der Individuen Ausdruck zu verleihen, wie sie auf Gaia existiert. Ich könnte versuchen, Sie Ihnen allesamt zu erklären, aber vorerst dürfte ›Ich/wir/Gaia‹ genügen, um mehr oder weniger treffend auszudrücken, was ich meine. Trev, bitte gehen Sie weiter. Dom wartet, und ich möchte Ihre Beine ungern gegen Ihren Willen bewegen. Wenn man nicht daran gewöhnt ist, hat man dabei ein recht unangenehmes Gefühl.«
Trevize ging weiter. Der Blick, den er Wonne widmete, verriet tiefsten Argwohn.
74
Dom war ein Mann in fortgeschrittenem Alter. Er zählte die zweihundertdreiundfünfzig Silben seines vollständigen Namens in einer melodischen Singsangfolge von Lauten und Betonungen auf.
»In gewisser Weise«, erläuterte er, »ist mein Name eine Kurzbiographie meiner Person. Er gibt dem Hörer — oder Leser oder sonstwie Wahrnehmenden — darüber Aufschluß, wer ich bin, welche Rolle ich in meinem bisherigen Dasein im Ganzen gespielt und was ich geleistet habe. Seit über fünfzig Jahren bin ich allerdings zufrieden, wenn man mich Dom ruft. Falls andere namens Dom anwesend sind, kann man mich Domandio nennen — und im Rahmen meiner diversen professionellen Tätigkeiten sind auch noch andere Varianten gebräuchlich. Einmal in jedem Gaia-Jahr — an meinem Geburtstag — wird auf kollektiv-psychischer Ebene mein Name in ganzer Länge gelobt, so wie ich ihn vorhin für Sie mündlich aufgesagt habe. Sehr effektvoll, aber mir persönlich bereitet das jedesmal Verlegenheit.«
Er war von hochgewachsener, hagerer Gestalt — so mager, daß er ausgezehrt wirkte. Seine in tiefen Höhlen liegenden Augen jedoch funkelten in ungewöhnlicher Jugendlichkeit, wenngleich er sich ziemlich gemächlich bewegte. Seine Nase ragte lang und schmal aus dem Gesicht, und die Nasenflügel blähten sich unablässig. Seine Hände wiesen, obwohl ihre Adern sich stark abhoben, keine Anzeichen von Arthritis auf. Er trug ein langes Gewand, das grau war wie sein Haar. Es reichte ihm bis an die Fußknöchel hinab, und die Sandalen, in denen seine Füße staken, ließen die Zehen frei.
»Wie alt sind Sie, Sir?« forschte Trevize nach.
»Bitte nennen Sie mich doch Dom, Trev. Andere Arten der Anrede bedeuten Förmlichkeit und könnten den freien Gedankenaustausch zwischen Ihnen und mir hemmen. Nach Galaktischer Standardzeit bin ich etwas über dreiundneunzig, aber eine größere Festlichkeit steht in wenigen Monaten bevor, wenn ich nach gaianischer Zeitrechnung meinen neunzigsten Geburtstag begehe.«
»Ich hätte Sie nicht älter als fünfundsiebzig geschätzt, S… Dom«, sagte Trevize.
»Nach gaianischem Durchschnitt bin ich nicht außergewöhnlich, weder an Jahren noch in meinem Aussehen, Trev. So, sind wir fertig mit dem Essen?«
Pelorat betrachtete seinen Teller, auf dem noch größere Reste einer reichlich uninteressanten und gleichgültig zubereiteten Mahlzeit lagen. »Dom«, meinte er in sachlichem Ton, »dürfte ich wohl versuchen, eine möglicherweise etwas peinliche Frage vorzutragen? Sollte sie geschmacklos sein, müssen Sie’s mir natürlich sofort sagen, dann verzichte ich darauf.«