»Nur zu!« sagte Dom; er lächelte. »Ich werde Ihnen alle Fragen bezüglich Gaias, die Sie aufgrund Ihrer Neugier haben, gerne beantworten.«
»Warum?« hakte Trevize augenblicklich ein.
»Weil Sie in Ehren empfangene Gäste sind. Darf ich Ihre Frage hören, Pel?«
»Wenn alle Dinge auf Gaia am gemeinsamen Kollektivbewußtsein Anteil haben«, lautete Pelorats Frage, »wie kommt es dann, daß Sie — eines der Elemente dieser Ganzheit — etwas verzehren können, was eindeutig ein anderes Element desselben Ganzen war?«
»Eine berechtigte Frage, gewiß. Aber alle Dinge unterliegen einem Kreislauf. Wir müssen essen, und alles, was wir essen können — Pflanzen ebenso wie Tiere, selbst leblose Gewürze —, ist Teil Gaias. Sie müssen aber wissen, daß kein Wesen aus Lust oder sogenanntem Sport getötet wird, und es wird ohne Zufügung vermeidbarer Qualen getötet. Und ich muß leider erwähnen, wir unterlassen alles, um das Zubereiten von Mahlzeiten zu verherrlichen, denn kein Gaianer würde essen, müßte es nicht sein. Sie hatten keine Freude an diesem Essen, Pel? Sie auch nicht, Trev? Nun, da sehen Sie’s, für unsere Begriffe sind Mahlzeiten nichts, um sich daran zu vergnügen. Zu guter Letzt bleibt jedoch auch das, was verzehrt wird, Teil des planetaren Bewußtseins. Insofern gewisse Portionen von Speise in meinem Körper aufgenommen werden, können sie an einem größeren Anteil des Totalbewußtseins partizipieren. Wenn ich gestorben bin, werde ich ebenfalls verzehrt — obschon lediglich von Fäulnisbakterien — und kann von da an nur noch an einem weit geringeren Anteil des Ganzen partizipieren. Eines Tages werden jedoch Teile von mir Teile anderer Menschen sein, Teile vieler Menschen.«
»Eine Art von Seelenwanderung«, bemerkte Pelorat.
»Von was, Pel?«
»Ich meine einen alten Mythos, wie er auf manchen Welten noch verbreitet ist.«
»Ah, davon habe ich noch nichts gehört. Sie müssen mir gelegentlich mehr darüber erzählen.«
»Aber Ihr individuelles Bewußtsein — eben das, was Sie zu dem Individuum Dom macht — wird niemals wieder vollständig wiederhergestellt«, sagte Trevize.
»Nein, natürlich nicht. Aber ist das von Bedeutung? Ich werde weiterhin ein Teil Gaias sein, und das ist es, worauf es ankommt. Es gibt unter uns Mystiker, die Überlegungen anstellen, ob wir versuchen sollten, kollektive Erinnerungen an vergangene Existenzen zu entwickeln, aber nach gesamtgaianischer Auffassung ist so etwas auf keine richtig praktikable Weise durchführbar und könnte auch keinem sinnvollen Zweck dienen. Es würde lediglich zu Verschwommenheiten im gegenwärtigen Bewußtseinszustand führen. Naturgemäß kann sich, indem die Bedingungen sich verändern, auch die gesamtgaianische Haltung in dieser Frage ändern, aber ich sehe in überschaubarer Zukunft keinen solchen Wandel voraus.«
»Warum sollten Sie sterben müssen, Dom?« meinte Trevize. »Schauen Sie doch, in was für einer prächtigen Verfassung Sie mit Ihren über neunzig Jahren sind. Könnte das Kollektivbewußtsein nicht…«
Erstmals schnitt Dom eine düstere Miene. »Niemals«, unterbrach er Trevize. »Ich kann zum Ganzen nur soundsoviel beitragen. Jedes neue Individuum ist eine Umverteilung von Molekülen und Genen zu einer neuen Einheit. Das heißt, es ergeben sich neue Talente, neue Fähigkeiten, also neue Beiträge zur Gesamtheit Gaias. Wir brauchen sie — und der einzige Weg, an sie zu gelangen, besteht darin, daß die Alten Platz machen. Ich habe mehr geleistet als die meisten, aber auch mir ist eine Grenze gesetzt. Es ist nicht erstrebenswerter, über seine Zeit hinaus zu leben, als das Leben verfrüht zu beenden.«
Urplötzlich, als sei ihm aufgefallen, daß er der Unterhaltung eine trübsinnige Note verliehen hatte, erhob er sich und streckte seinen beiden Besuchern die Hände entgegen. »Trev, Pel, kommen Sie — lassen Sie uns in mein Arbeitszimmer gehen, dort kann ich Ihnen einige meiner eigenen Kunstgegenstände zeigen. Ich hoffe, Sie werden einem alten Mann seine kleinen Eitelkeiten nicht verübeln.«
Er ging voraus in einen anderen Raum, wo auf einem kleinen, runden Tisch eine Anzahl rauchiger Linsen lag, paarweise miteinander verbunden. »Das sind von mir entworfene Partizipationen«, sagte Dom. »Ich bin keiner der wahren Meister, aber ich habe mich auf Inanimalitäten spezialisiert, mit denen nur wenige der wirklichen Meister sich beschäftigen.«
»Darf ich so was anfassen?« fragte Pelorat. »Oder sind die Gläser sehr zerbrechlich?«
»Nein, nein. Sie können sie auf den Boden werfen, wenn Sie wollen. Oder vielleicht doch lieber nicht. Erschütterungen könnten die Schärfe der Visualität beeinträchtigen.«
»Wie benutzt man sie, Dom?«
»Man legt sie sich über die Augen. Sie haften selbsttätig. Sie lassen kein Licht durch. Ganz im Gegenteil. Sie halten das Licht fern, weil es nur ablenken würde — trotzdem erreicht die Wahrnehmung Ihr Gehirn über den Sehnerv. Das Prinzip ist im wesentlichen, daß Ihr Bewußtsein sensibilisiert wird und infolgedessen an anderen Facetten Gaias teilhaben darf. Mit anderen Worten, wenn Sie durch die Linsen diese Wand da anschauen, werden Sie die Wand so wahrnehmen, wie sie selbst sich wahrnimmt.«
»Faszinierend«, kommentierte Pelorat unterdrückt. »Darf ich’s mal versuchen?«
»Sicherlich, Pel. Nehmen Sie irgendein Paar. Jedes ist eine andere Konstruktion, die die Wand — und jedes sonstige unbelebte Objekt, das Sie dadurch anschauen — unter einem andersartigen Aspekt des Bewußtseins dieses jeweiligen Objekts zeigt.«
Pelorat hob ein Paar Linsen an seine Augen, und tatsächlich hafteten sie sofort. Bei der Berührung fuhr er zusammen, dann stand er für eine längere Weile reglos da.
»Wenn Sie genug haben«, sagte Dom, »legen Sie die Hände an die Seiten der Partizipationsbrille und drücken Sie die Linsen gegeneinander. Dann lösen sie sich ohne Umstände.«
Pelorat tat es, zwinkerte heftig, rieb sich die Augen. »Was für eine Erfahrung haben Sie gemacht?« fragte Dom nach.
»Schwer zu beschreiben«, antwortete Pelorat. »Die Wand schien zu glitzern und zu schillern, und manchmal schien es, als wolle sie sich verflüssigen. Sie schien Rippen und eine veränderliche Symmetrie zu haben. Ich… ich bedaure, Dom, aber ich fand es nicht sonderlich attraktiv.«
Dom seufzte. »Da Sie keinen Anteil an Gaia haben, können Sie nicht erkennen, was wir sehen. Das habe ich schon mit ziemlicher Sicherheit befürchtet. Wie schade! Ich versichere Ihnen, man schätzt diese Partizipationsbrillen hauptsächlich wegen ihres ästhetischen Werts, aber sie haben durchaus auch praktischen Nutzen. Eine zufriedene Wand ist eine langlebige Wand, eine praktische, eine nützliche Wand.«
»Eine zufriedene Wand?« wiederholte Trevize und lächelte andeutungsweise.
»Es gibt sehr wohl eine schwache Wahrnehmung, die besagt, daß eine Wand etwas empfinden kann, was bei uns Menschen ›Zufriedenheit‹ heißt«, erklärte Dom. »Eine Wand ist zufrieden, wenn sie gut gebaut ist, fest auf ihrem Fundament ruht, wenn ihre Komponenten sich in ausgeglichenem Gleichgewicht befinden und keine unschönen Spannungen entstehen. Schon mit den mathematischen Grundlagen der Mechanik kann man eine gute Mauer bauen, aber dank der Verwendung einer geeigneten Partizipationsbrille ist Feinarbeit bis in buchstäblich atomare Dimensionen möglich. Hier auf Gaia kann kein Bildhauer ein erstklassiges Kunstwerk ohne eine gutgefertigte Partizipationsbrille schaffen, und die Modelle, die ich herstelle, gelten als von hervorragender Qualität — falls ich das selbst dazu bemerken darf.« Dom sprach nun in der Art von angeregter Lebhaftigkeit weiter, wie man sie bei Leuten erleben kann, die ganz für ihr Hobby leben. »Animatisierte Partizipationen, die nicht mein Fachgebiet sind, gewährleisten uns — analog zu dem hier — direkte Wahrnehmungen im Bereich des ökologischen Gleichgewichts. Auf Gaia ist das ökologische Gleichgewicht ziemlich simpel, wie eigentlich auf der Mehrzahl aller Welten, aber wir hier haben die Hoffnung, es komplexer gestalten und damit das ganze Kollektivbewußtsein enorm bereichern zu können.«