Dom schwieg einen Moment lang. Dann ließ er seinen Blick zwischen Trevize und Pelorat hin- und herwandern. »Nun, neigen Sie dazu«, erkundigte er sich, »das alles zu glauben?«
Trevize schüttelte den Kopf. »Nein. Ich kenne keine historischen Aufzeichnungen, in denen Hinweise auf so was enthalten wären. — Sie, Janov?«
»Es gibt einige Mythen«, konstatierte Pelorat, »die gewisse Ähnlichkeiten aufweisen.«
»Kommen Sie, Janov, es gibt genug Mythen, die in dieser oder jener Hinsicht allem ähneln dürften, was jemand von uns überhaupt aushecken kann, wenn man sich nur um eine genügend erfinderische Interpretation bemüht. Ich rede von Historie — von zuverlässigen Aufzeichnungen.«
»Nun gut. Soviel ich weiß, gibt’s nichts dergleichen.«
»Das überrascht mich keineswegs«, sagte Dom. »Ehe sich die Roboter zurückzogen, verließen zahlreiche Gruppierungen von Menschen ihre Welten und besiedelten in entfernteren Bereichen des Alls roboterlose Welten, um sich eigene Maßstäbe ihrer Freiheit zu schaffen. Sie kamen vor allem von der überbevölkerten Erde mit ihrer langen Geschichte des Widerstands gegen die Roboter. Auf den neuen Welten erfolgten regelrechte Neugründungen, weil man sich an die Zeiten der Erniedrigung als Unmündige unter Robot-Aufpassern nicht einmal noch zu erinnern wünschte. Man zeichnete darüber nichts auf, und folglich geriet es in Vergessenheit.«
»Das finde ich unwahrscheinlich«, bemerkte Trevize.
»Nein, Golan«, erhob Pelorat Widerspruch, »das ist keineswegs unwahrscheinlich. Jede Gesellschaft schreibt ihre eigene Geschichte und hat dabei eine Tendenz, primitive Anfänge zu verschweigen, entweder durch allgemeines Vergessen oder durch das Erfinden irgendwelcher völlig aus der Luft gegriffener heroischer Anfänge. Auch die Herrscher des Galaktischen Imperiums haben Versuche unternommen, jedes Wissen um eine präimperiale Vergangenheit restlos auszumerzen, um ihre mystische Aura ewiger Herrschaft zu verstärken. Zudem existieren so gut wie keine historischen Unterlagen aus der Ära vor dem Beginn der Hyperraumfahrt — und Sie wissen, heute ist den allermeisten Menschen nicht einmal noch bekannt, daß es einmal so etwas wie die Erde gegeben hat.«
»Wenn die Galaxis die Roboter vergessen hat«, wandte Trevize ein, »wie ist es dann möglich, daß Gaia sich noch an sie entsinnt? Man kann schwerlich beides annehmen, Janov.«
Ein plötzliches Gelächter entfuhr Wonne. »Wir sind anders.«
»So?« meinte Trevize. »In welcher Weise?«
»Laß mich antworten, Wonne«, sagte Dom. »Ja, wir sind anders, Menschen von Terminus. Von allen Flüchtlingsgruppen, die sich der Bevormundung durch die Roboter entzogen, haben nur wir, die wir uns auf Gaia niederließen — im Gefolge anderer, die Sayshell besiedelten —, von den Robotern die Gabe der Telepathie zu beherrschen gelernt. Es ist eine Gabe, müssen Sie wissen. Die Veranlagung dazu ist dem menschlichen Verstand inhärent, aber die entsprechende Fähigkeit muß auf sehr subtile und diffizile Art und Weise herausgebildet werden. Es braucht viele Generationen, um das Potential voll zu entwickeln, aber sobald man erst einmal einen guten Anfang gemacht hat, vollzieht sich die Fortentwicklung beinahe im Selbstlauf. Wir praktizieren die Telepathie seit zwanzigtausend Jahren, und trotzdem ist Gaias Kollektivbewußtsein der Überzeugung, daß wir noch immer nicht die volle Nutzung des Potentials erreicht haben. Es ist schon lange her, daß die telepathische Praxis uns die Möglichkeit zur Schaffung eines Kollektivbewußtseins gewiesen hat — zuerst hatten nur Menschen daran teil, dann auch Tiere, danach Pflanzen, und schließlich, vor noch nicht allzu vielen Jahrhunderten, war der Weg geebnet, um auch dem leblosen Gefüge des Planeten selbst eine Teilhabe zu ermöglichen. Weil wir diese Entwicklung auf die Roboter zurückzuführen haben, konnten sie bei uns nicht dem Vergessen verfallen. Wir haben in ihnen weniger unsere Aufpasser als unsere Lehrer gesehen. Wir hatten das Gefühl, daß uns von ihnen die Sinne für etwas geöffnet worden waren, dem wir sie nie wieder, nicht einmal für einen Moment, verschließen wollten. Deshalb erinnern wir uns mit einer gewissen Dankbarkeit an die Roboter.«
»Aber so wie Sie früher einmal Unmündige unter der Obhut von Robotern gewesen sind«, sagte Trevize, »sind Sie heute Unmündige unter der Vormundschaft des Kollektivbewußtseins. Haben Sie nicht heute, genau wie damals, wieder die Menschlichkeit verloren?«
»Dieser Fall ist anders gelagert, Trev. Was wir heutzutage tun, beruht auf unseren eigenen Entscheidungen — auf nichts als unserem eigenen Willen. Das ist es, was zählt. Es wird uns nicht von außen aufgezwungen, sondern es ergibt sich von innen her. Diesen Unterschied übersehen wir niemals. Und wir sind auch noch in anderer Hinsicht anders. Wir sind einzigartig in der Galaxis. Es gibt keine zweite Welt wie Gaia.«
»Wie können Sie sicher sein?«
»Etwas anderes würden wir bemerken, Trev. Ein planetenweites Bewußtsein in der Art, wie unseres beschaffen ist, könnten wir sogar am anderen Ende der Galaxis feststellen. Wir beobachten zum Beispiel erste Ansätze zu einem vergleichbaren Kollektivbewußtsein bei der Zweiten Foundation, allerdings erst seit zwei Jahrhunderten.«
»Zur Zeit des Fuchses?«
»Ja. Er war einer von uns.« Dom machte eine grimmige Miene. »Ein verkommenes Subjekt, das sich von uns losgesagt hatte. Wir waren so naiv und glaubten, so etwas sei unmöglich, deshalb konnten wir nicht mehr früh genug eingreifen, um ihn aufzuhalten. Und dann, als wir unsere Beachtung den extragaianischen Welten schenkten, sind wir auf diese Menschen aufmerksam geworden, die Sie die Zweite Foundation nennen, und ihr haben wir’s überlassen, ihn zu Fall zu bringen.«
Trevize starrte einige Sekunden lang fassungslos geradeaus. »Soviel taugen also unsere Geschichtsbücher!« murmelte er dann und schüttelte erneut den Kopf. »Das war ziemlich feige von Gaia, meinen Sie nicht auch?« fügte er hinzu. »Die Verantwortung lag bei Ihnen.«
»Sie haben recht. Aber sobald wir unsere Aufmerksamkeit endlich wieder einmal den Ereignissen in der Galaxis gewidmet hatten, erkannten wir etwas, für das wir vorher völlig blind gewesen waren, und deshalb ist die Tragödie des Fuchses für uns zur Chance unserer Rettung geworden. Zu dem Zeitpunkt nämlich haben wir bemerkt, daß eine gefährliche Krise bevorsteht. Und sie ist gekommen — doch dank des Zwischenspiels mit dem Fuchs ist es uns gelungen, zuvor geeignete Maßnahmen in die Wege zu leiten.«
»Was für eine Art von Krise soll das sein?«
»Eine Krise des drohenden Untergangs.«
»Das kann ich nicht glauben. Sie haben sich das Imperium, den Fuchs und Sayshell vom Halse gehalten. Sie besitzen ein Kollektivbewußtsein, das sich über Millionen von Kilometer hinweg eines Raumschiffs bemächtigen kann. Was sollten Sie denn zu fürchten haben? Schauen Sie Wonne an! Sie macht auf mich nicht im geringsten einen beunruhigenden Eindruck. Sie meint nicht, daß eine Krise besteht.«
Wonne hatte ein wohlgeformtes Bein über die Armlehne ihres Sessels geschwungen und wippte mit den Zehen in Trevizes Richtung. »Natürlich bin ich nicht beunruhigt, Trev. Sie werden schon damit fertig.«
»Ich?« schnob Trevize mit nachdrücklicher Betonung.
»Durch hundert und mehr behutsame Manipulationen hat Gaia Sie zu uns gebracht«, sagte Dom. »Sie sind es, der unsere Krise bereinigen muß.«
Trevize starrte ihn an, und währenddessen verwandelte sich sein Gesichtsausdruck von Verblüffung in eine Miene wachsenden Zorns. »Ich? Raum und Zeit, wieso ich? Ich habe mit all dem nichts zu schaffen.«
»Trotzdem, Trev«, sagte Dom mit nahezu hypnotischer Ruhe. »Sie. Nur Sie. Im ganzen All nur Sie allein.«