Achtzehntes Kapitel
Kollision
75
Stor Gendibal näherte sich Gaia fast so vorsichtig, wie Trevize es getan hatte — und nun, da der Stern sich als deutlich sichtbare Scheibe erkennen ließ und nur durch starke Filter betrachtet werden konnte, hielt er es für richtig, eine Pause zum Zweck gründlichen Nachdenkens einzulegen.
Sura Novi saß an seiner Seite und hob ab und zu auf schüchterne Weise den Blick zu ihm.
»Meister?« sprach sie ihn schließlich gedämpft an.
»Was ist, Novi?« fragte er zerstreut.
»Bist du unglücklich?«
Er warf ihr einen flüchtigen Blick zu. »Nein. Ich mache mir lediglich Gedanken. Ich bin besorgt. Entsinnst du dich noch an das Wort? Ich versuche zu entscheiden, ob ich rasch handeln oder lieber noch eine Zeitlang warten soll. Meinst du, ich sollte sehr mutig vorgehen, Novi?«
»Ich glaube, daß du immer sehr mutig bist, Meister.«
»Manchmal ist es eine Dummheit, sehr mutig zu sein.«
Novi lächelte. »Wie soll ein Meister Dummheiten begehen können?« Sie deutete auf den Bildschirm. »Das ist eine Sonne, nicht wahr, Meister?«
Gendibal nickte.
»Ist das die Sonne, die auf Trantor scheint?« fragte Novi nach kurzem, unentschlossenem Schweigen weiter. »Ist es die hamische Sonne?«
»Nein, Novi«, antwortete Gendibal. »Das ist eine ganz andere Sonne. Es gibt viele Milliarden Sonnen.«
»Ah! Ja, und in meinem Kopf habe ich das doch selbst auch gewußt. Aber ich konnte es nicht so richtig glauben. Wie kommt so was, Meister, daß man etwas in seinem Kopf weiß und es trotzdem nicht richtig glauben kann?«
Gendibal lächelte matt. »In deinem Kopf, Novi…«, begann er, und als er zu sprechen anfing, befand er sich nahezu automatisch mit ihrer Psyche verbunden, und auf mentale Weise streichelte er sie sacht, wie er es in so einem Fall immer tat; er nahm mit äußerst zarten mentalen Fühlern eine beruhigende Berührung vor, um ihr Gemüt gelassen und unbekümmert zu halten — und wie jedesmal hätte er sich auch diesmal sofort wieder zurückgezogen, wäre er nicht durch etwas stutzig geworden.
Was er spürte, ließ sich in anderen als mentalistischen Begriffen nicht beschreiben, aber metaphorisch ausgedrückt, glomm Sura Novis Hirn. Ein ganz schwacher Glanz ging davon aus.
Dergleichen war ohne die äußere Einwirkung eines mentalen Feldes undenkbar — eines mentalen Feldes von in diesem Fall so geringer Intensität, daß selbst die feinsten Wahrnehmungsfunktionen von Gendibals gutgeschulter Psyche es nur mit knapper Not bemerken konnten, obwohl das völlig ebenmäßige Profil der geistigen Struktur Sura Novis derartige Beobachtungen erheblich begünstigten.
»Novi«, fragte er in scharfem Ton, »wie fühlst du dich?«
Sie riß die Augen auf. »Ich fühle mich tadellos, Meister.«
»Ist dir schwindlig, fühlst du dich benommen? Schließ die Augen und bleib ganz ruhig sitzen, bis ich ›Jetzt‹ sage!«
Gehorsam schloß sie die Lider. Mit größter Behutsamkeit befreite Gendibal ihren Verstand von allen störenden Empfindungen, beruhigte ihre Gedanken, besänftigte ihr Gemüt, begütigte es zärtlich, zärtlich… Er ließ nichts außer dem Glanz zurück; das Glimmen war so schwach, daß er sich fast eingeredet hätte, es sei gar nicht vorhanden.
»Jetzt«, sagte er, und Sura Novi schlug die Augen auf.
»Wie fühlst du dich nun, Novi?«
»Sehr ruhig, Meister. Wie gut erholt.«
Offenbar war das Phänomen zu schwach, um irgendeinen spürbaren Einfluß auf sie auszuüben.
Er widmete sich dem Computer und begann sich mit ihm auseinanderzusetzen. Wie er sich schon hatte eingestehen müssen, paßten er und der Computer nicht besonders gut zusammen. Die Ursache war vielleicht seine starke Gewöhnung daran, seine geistigen Mittel direkt zu gebrauchen, ohne irgendeine Art von Mittler zu arbeiten. Aber er hegte nun die Absicht, nach einem Raumschiff zu suchen, nicht nach einem anderen Bewußtsein, und die anfängliche Suche ließ sich mit Hilfe des Computers wirksamer durchführen.
Und er entdeckte die Sorte von Raumer, die er in der Nähe vermutete. Das Raumschiff befand sich eine halbe Million Kilometer entfernt und war im wesentlichen so konstruiert wie das, in dem er selbst sich aufhielt, jedoch viel größer und vielseitiger ausgerüstet.
Sobald er es unter Verwendung des Computers geortet hatte, konnte Gendibal das Weitere auf direktem mentalen Wege erledigen. Mit straff gebündelten mentalen Impulsen tastete er das Raumschiff (bzw. er befleißigte sich eines mentalistischen Äquivalents des Tastens) innen und außen ab.
Anschließend richtete er seine mentale Aufmerksamkeit auf den Planeten Gaia, begutachtete ihn über eine Distanz von mehreren Millionen Kilometern hinweg — und zog sich zurück. Keine der beiden Examinationen hatte ihm einwandfrei darüber Aufschluß zu geben vermocht, was von beidem — falls überhaupt das Raumschiff oder Gaia in Frage kamen — für das festgestellte mentale Feld die Quelle war.
»Novi«, sagte er, »ich möchte, daß du während alles Weiteren dicht neben mir sitzt.«
»Meister, besteht Gefahr?«
»Du bist in keiner Weise davon betroffen, Novi. Ich werde dafür sorgen, daß du sicher und geschützt bist.«
»Meister, ich sorge mich nicht, ob ich sicher und geschützt bin. Wenn Gefahr besteht, möchte ich dir helfen können.«
Gendibals Stimmung milderte sich. »Novi, du hast mir bereits geholfen. Durch dich bin ich auf eine ganz geringfügige Kleinigkeit aufmerksam geworden, die zu bemerken sehr wichtig war. Ohne dich wäre ich möglicherweise in eine ziemlich große Patsche geraten, und vielleicht wäre es mir nur mit erheblichen Schwierigkeiten gelungen, mich wieder daraus zu befreien.«
»Aber wie habe ich das geschafft, Meister?« fragte Sura Novi verwundert.
»Dank deines Geistes, Novi. Kein Instrument hätte sensitiver reagieren können. Nicht einmal mein Geist kann so etwas leisten — er ist viel zu kompliziert.«
Sura Novis Miene spiegelte Freude wider. »Ich bin ja so froh, daß ich behilflich sein kann.«
Gendibal lächelte und nickte — und dann fügte er sich in die verdrießliche Einsicht, daß er andere Hilfe ebenso nötig haben würde. Irgendeine kindliche Regung in ihm bäumte sich dagegen auf. Dies war seine Aufgabe — ganz allein seine.
Aber es konnte unmöglich allein seine bleiben. Seine Chancen sanken…
76
Auf Trantor spürte Quindor Shandess die Verantwortung, Erster Sprecher zu sein, auf sich lasten wie eine beklemmende Bürde. Seit Gendibals Raumschiff in der Dunkelheit jenseits der Atmosphäre verschwunden war, hatte er keine neue Sitzung der Tafel der Sprecher mehr einberufen. Er war vollauf in den eigenen Gedanken aufgegangen.
War es weise gewesen, Gendibal allein fliegen zu lassen. Gendibal war brillant, aber nicht so brillant, daß er über jeder Selbstüberschätzung stand. Gendibals großer Fehler war seine Arroganz, so wie Shandess’ eigener großer Mangel (wie er sich mit Bitterkeit dachte) die Schwäche seines Alters war.
Immer wieder hielt er sich vor, daß vom Beispiel Preem Palvers, der durch die Galaxis gereist war, um diese und jene Dinge in Ordnung zu bringen, im Grunde genommen eine Gefahr ausging. Konnte es denn einen zweiten Preem Palver geben? Selbst wenn man Gendibals Tüchtigkeit berücksichtigte? Und Palver hatte seine Frau dabei gehabt.
Gewiß, Gendibal hatte diese Hamerin mitgenommen, aber sie war eigentlich ohne Bedeutung. Palvers Frau war selbst Sprecherin gewesen.
Shandess fühlte sich mit jedem Tag altern, während er auf eine Nachricht Gendibals wartete; und mit jedem Tag, an dem sie erneut ausblieb, verspürte er anwachsende Spannung.