»Ziemlich starker Verkehr, fand ich sogar. Und als wir in die Stadt gefahren sind, war sie da vielleicht leer?«
»Das nicht gerade. Aber Sie müssen zugeben, hier drin war’s auf jeden Fall ziemlich leer.«
»Ja, das war’s. Es ist mir besonders aufgefallen. Aber nun kommen Sie, Janov, ich habe Hunger. Hier muß es irgendwo etwas zu essen geben, und wir können uns die besten Restaurants leisten. Auf jeden Fall müßte irgendein Lokal zu finden sein, in dem wir irgendeine interessante sayshellische Spezialität probieren können, oder falls wir davor zurückschrecken, halten wir uns eben an ein anständiges galaktisches Standardgericht. Kommen Sie, sobald wir in sicherer Umgebung sind, werde ich Ihnen erzählen, was hier nach meiner Ansicht wirklich geschehen ist.«
46
Mit einem wohligen Gefühl des Gestärktseins lehnte sich Trevize zurück. Nach den Maßstäben auf Terminus war das Restaurant nicht teuer, aber es hatte ohne Zweifel allerlei Neues zu bieten. Teilweise erwärmte ein offenes Feuer es, an dem man Speisen zubereitete. Das Fleisch servierte man vornehmlich in häppchengroßen Brocken und mit verschiedenen scharfen Soßen; zu essen pflegte man sie mit den Fingern, welche man jedoch vor Hitze und Verschmutzung mit weichen, grünen Blättern schützte, die kalt und feucht waren und einen leichten Minzegeschmack besaßen. Für jedes Stückchen Fleisch benutzte man ein solches Blatt und schob sich beides zusammen in den Mund. Der Kellner hatte ihnen ausführlich erläutert, wie man es machte.
Anscheinend an außerplanetare Gäste gewohnt, hatte er väterlich gelächelt, als Trevize und Pelorat mit spitzen Fingern die brühheißen Fleischstückchen betasteten, und er freute sich unverkennbar über die Erleichterung der Fremden, als sie bemerkten, daß sie mit den Blättern ihre Finger kühlhalten konnten und sie beim Kauen auch das Fleisch kühlten.
»Köstlich!« kommentierte Trevize und bestellte eine zweite Portion. Pelorat tat das gleiche.
Schließlich verzehrten sie eine schwammige, stark gesüßte Nachspeise, tranken dazu eine Tasse Kaffee mit leichtem Karamelaroma, über das sie verwundert den Kopf schüttelten. Sie taten Sirup hinein, und darüber schüttelte der Kellner wiederum den Kopf.
»Tja, was ist denn nun eigentlich im Tourismusbüro geschehen?« fragte Pelorat endlich.
»Sie meinen, mit Compor?«
»Ist dort irgend etwas anderes passiert, worüber wir reden könnten?«
Trevize schaute umher. Sie saßen in einer tiefen Nische, die ihnen eine gewisse, nur beschränkte Absonderung gewährleistete, aber es war voll im Restaurant, und das natürliche Durcheinander von Stimmen bot ihnen vor Lauschern ausreichenden Schutz.
»Ist es nicht seltsam«, meinte er mit unterdrückter Stimme, »daß es ihm gelungen ist, uns nach Sayshell zu folgen?«
»Er hat behauptet, das sei seinen intuitiven Fähigkeiten zu verdanken.«
»Ja, was die Hyperorientierung anging, war er der Beste am ganzen College. Seine diesbezügliche Begabung stelle ich bis heute nicht in Frage. Wenn jemand ein gewisses Einfühlungsvermögen entwickelt hat, bestimmte Reflexe, kann ich mir durchaus vorstellen, daß er dazu in der Lage ist, anhand der zu beobachtenden Vorbereitungen zu erraten, wohin ein Hypersprung führen wird. Aber ich begreife nicht, wie selbst jemand mit einer so ausgeprägten Gabe der Hyperorientierung das Ergebnis einer ganzen Serie von Sprüngen absehen können soll. Man bereitet nur den ersten Hypersprung vor, den Rest erledigt unser Computer. Den ersten Sprung kann so ein Verfolger richtig schätzen, aber durch was für ein Wunder soll er wissen, was im Innern des Computers vorgeht?«
»Aber er hat’s geschafft, Golan.«
»Kein Zweifel«, sagte Trevize, »und der einzige mögliche Weg, den ich mir ausmalen kann, besteht darin, daß er vorher gewußt haben muß, wohin wir fliegen. Nicht erraten, gewußt haben.«
Pelorat dachte darüber nach. »Junge, das ist doch völlig ausgeschlossen. Wie hätte er das wissen sollen? Über unser wahres Ziel haben wir uns doch erst geeinigt, als wir uns schon an Bord der Far Star befanden.«
»Ich weiß. Und was hat’s mit diesem Meditationstag auf sich?«
»In der Beziehung hat Compor keineswegs gelogen. Als wir das Restaurant betreten und den Kellner gefragt haben, hat er bestätigt, daß heute ein Tag der Meditation ist.«
»Ja, stimmt, aber er hat sofort klargestellt, daß das Restaurant deswegen nicht geschlossen ist. Er hat wörtlich gesagt: ›Sayshell City ist kein Hinterwäldlerkaff. Hier schließt nichts.‹ Mit anderen Worten, die Leute meditieren, gewiß, aber nicht in den Großstädten, wo die Menschen kultivierter sind und für provinzielle Frömmelei kein Platz ist. Deshalb ist hier Verkehr, deshalb herrscht Geschäftigkeit… vielleicht ist weniger los als an normalen Tagen, aber jedenfalls läuft alles wie gewohnt.«
»Aber niemand hat das Touristenzentrum aufgesucht, solange wir dort waren, Golan. Ich hab’s genau beobachtet. Nicht eine Person ist hereingekommen.«
»Das habe ich auch bemerkt. Einmal bin ich sogar ans Fenster gegangen, um hinauszuschauen, und ich habe eindeutig festgestellt, daß es auf den Straßen rings um das Zentrum jede Menge Leute gab, zu Fuß, in Fahrzeugen, und trotzdem ist keine einzige Person hereingekommen. Dieser Meditationstag war ein guter Vorwand. Die Wahrscheinlichkeit war hoch, daß wir die Ungestörtheit begrüßten, die wir genossen, ohne sie zu hinterfragen, nur war ich ganz einfach innerlich nicht bereit, diesem Sohn zweier Fremdlinge je wieder Vertrauen zu schenken.«
»Was also hat das alles zu bedeuten?« wollte Pelorat wissen.
»Ich glaube, es verhält sich recht simpel, Janov. Wir haben’s mit jemandem zu tun, der weiß, wohin wir gehen, sobald wir uns entschließen, obwohl er und wir uns in zwei verschiedenen Raumschiffen befinden, und gleichzeitig mit jemandem, der dafür sorgen kann, daß eine öffentliche Einrichtung menschenleer bleibt, obwohl es ringsum von Menschen wimmelt, nur damit wir uns ungestört unterhalten können.«
»Soll ich vielleicht annehmen, daß er wirklich Wunder wirken kann?«
»Sicher, von mir aus. Sollte es so sein, daß Compor ein Agent der Zweiten Foundation ist und den menschlichen Geist zu beeinflussen vermag, daß er Ihre und meine Gedanken sogar lesen kann, während wir uns in zwei verschiedenen Raumschiffen aufhalten, wenn er die Einflugkontrolle dazu bewegen kann, ihn ungehindert passieren zu lassen, wenn er eine Gravo-Landung durchführen darf, ohne daß die Behörden sich über seine Mißachtung des Leitstrahls aufregen, und wenn er dazu imstande ist, eine ganze Anzahl von Menschen vom Betreten eines Gebäudes abzuhalten, in dem er niemanden wünscht, dann ergibt das alles einen Sinn, Wunder oder nicht.«
Trevize sprach mit deutlichem Kummer weiter. »Bei allen Sternen, ich kann das sogar bis zum Zeitpunkt seines College-Abgangs zurückverfolgen. Ich habe ihn nicht auf seiner Reise begleitet. Ich entsinne mich, ich hatte keine Lust. Kann das nicht ein Resultat seiner Einflußnahme gewesen sein? Er mußte wohl allein fort. Wohin ist er wirklich gegangen?«
Pelorat schob die Teller von sich, als wolle er sich Raum zum Nachdenken verschaffen. Das war anscheinend so etwas wie ein Zeichen für den Servierrobot, einen automatischen, beweglichen Tisch, der nämlich daraufhin heranrollte und wartete, bis sie die Teller und das Besteck auf ihm abgestellt hatten.
»Aber das ist doch verrückt«, sagte Pelorat, sobald sie wieder unter sich waren. »Es ist nichts geschehen, das sich nicht ganz natürlich hätte ergeben können. Wenn man sich erst einmal in den Kopf gesetzt hat, jemand kontrolliere alle Ereignisse, dann kann man alles so interpretieren, was überhaupt passiert, und man findet in keiner Hinsicht noch irgendeine ausreichende Sicherheit. Kommen Sie, mein Bester, alles ist eine Sache der Umstände und eine Frage der Interpretation. Verfallen Sie bloß keiner Paranoia!«