Sorgfältig informierten sie sich über die Museen und Universitäten, angefangen bei denen, die am nächsten lagen, und sahen auch nach, was sich an Informationen über Anthropologen, Archäologen und Experten in Vorgeschichte finden ließ.
»Aha!« machte plötzlich Pelorat.
»Aha?« wiederholte Trevize mit einer gewissen Schroffheit. »Was soll das heißen: ›aha‹?«
»Dieser Name: Quintesetz. Kommt mir bekannt vor.«
»Sie kennen den Mann?«
»Nein, natürlich nicht, aber es kann sein, daß ich irgendwelche Artikel von ihm gelesen habe. Im Schiff, wo sich mein Archiv befindet, könnte ich sofort nachprüfen, um was…«
»Wir gehen nicht eist zurück ins Schiff, Janov. Wenn der Name Ihnen bekannt ist, können wir das als Punkt betrachten, an dem sich einhaken läßt. Selbst wenn er uns nicht helfen kann, zweifellos wird er uns weitere Ratschläge erteilen können.« Er stand auf. »Lassen Sie uns feststellen, wie man zur Sayshell-Universität gelangen kann. Und weil um die Mittagszeit sowieso niemand anzutreffen sein dürfte, wollen wir erst einmal was essen.«
Sie erreichten die Universität erst am Spätnachmittag, erfragten sich ihren Weg durch den Irrgarten ihrer vielen verschiedenen Einrichtungen, befanden sich schließlich in einem Vorzimmer, in dem sie auf eine junge Frau warteten, die Informationen einholen gegangen war, die sie beide zu Quintesetz führen mochten — oder auch nicht.
»Ich frage mich«, meinte Pelorat schließlich verdrossen, »wie lange wir hier noch warten sollen. Allmählich dürfte hier für heute geschlossen werden.«
Und als hätte er damit ein Stichwort ausgesprochen, kehrte die junge Frau, die sie zuletzt vor mindestens einer halben Stunde gesehen hatten, zügigen Schrittes zu ihnen zurück; ihre Schuhe glitzerten rot und violett, und beim Laufen verursachten sie auf dem Fußboden musikalische Klänge. Die Tonhöhe veränderte sich mit Geschwindigkeit und Härte ihrer Schritte.
Pelorat zog den Kopf ein. Er nahm an, auf jeder Welt besäße man, ebenso wie seinen eigentümlichen Geruch, auch seine eigene spezielle Art und Weise, gegen das Wohlbefinden der Sinne zu verstoßen. Er fragte sich nun, da er den Geruch nicht länger bemerkte, ob er wohl auch lernen könne, sich an die Kakophonie des Schuhwerks zu gewöhnen, die mit dem Erscheinen modischer junger Frauen einherging.
Sie kam zu Pelorat und blieb vor ihm stehen. »Dürfte ich wohl Ihren vollständigen Namen erfahren, Professor?«
»Er lautet Janov Pelorat, Miss.«
»Und Ihr Heimatplanet?«
Trevize begann eine Hand zu heben, als wolle er Schweigen empfehlen, aber entweder sah Pelorat es nicht, oder er achtete nicht darauf. »Terminus«, gab er zur Antwort.
Die junge Frau lächelte breit und wirkte erfreut. »Als ich Professor Quintesetz gesagt habe, daß ein Professor Pelorat nach ihm fragt, meinte er, wenn Sie Janov Pelorat von Terminus wären, wolle er mit Ihnen sprechen, aber sonst nicht.«
Pelorat zwinkerte nervös. »Sie… Sie meinen, er hat schon von mir gehört?«
»Den Eindruck habe ich.«
Pelorat brachte ein Lächeln zustande, das von einem Knarren begleitet zu werden schien, als er sich Trevize zuwandte. »Er hat von mir gehört. Das hätte ich nie gedacht… Ich meine, ich habe nur sehr wenig Artikel veröffentlicht, und ich hätte nicht gedacht, daß jemand…« Er schüttelte den Kopf. »Sie waren eigentlich nicht so wichtig.«
»Na, ist doch prima«, sagte Trevize. »Machen Sie jetzt endlich Schluß damit, sich in Ihrer Ekstase der Selbstunterschätzung selbst auf die Schulter zu klopfen, dann wollen wir gehen.« Er wandte sich an die Frau. »Ich nehme an, es gibt irgendein Beförderungsmittel?«
»Wir können zu Fuß hin. Wir brauchen diesen Gebäudekomplex nicht zu verlassen, und ich gehe gerne voraus. Sind Sie beide von Terminus?« Und schon marschierte sie los.
Die zwei Männer schlossen sich an. »Ja, beide«, entgegnete Trevize mit einer Andeutung von Ärger. »Macht das einen Unterschied?«
»O nein, natürlich nicht. Wissen Sie, es gibt auf Sayshell Leute, die können Foundationsbürger nicht leiden, aber hier an der Universität sind wir kosmopolitischer. Leben und leben lassen, sage ich immer. Ich meine, die Foundationsbürger sind ja auch Menschen. Verstehen Sie, was ich meine?«
»Ja, ich verstehe, was Sie meinen. Bei uns sagen ebenfalls viele Leute, die Saysheller seien auch Menschen.«
»Genauso muß es sein. Ich habe Terminus noch nie besucht. Terminus City muß eine riesige Stadt sein.«
»Tatsächlich ist sie das allerdings nicht«, erwiderte Trevize sachlich. »Ich schätze, sie ist kleiner als Sayshell City.«
»Sie zwicken mich wohl in den Finger«, sagte die Frau. »Terminus City ist doch die Hauptstadt der Foundation-Föderation, stimmt’s? Es gibt doch keinen zweiten Terminus, oder?«
»Nein, soviel ich weiß, gibt’s nur einen Terminus, und von dort kommen wir — aus Terminus City, der Hauptstadt der Foundation-Föderation.«
»Also, dann muß es doch eine enorme Stadt sein. Und Sie sind eine so weite Strecke gereist, um den Professor zu besuchen? Wir sind hier sehr stolz auf ihn, müssen Sie wissen. Man sieht in ihm die größte Autorität der ganzen Galaxis.«
»Wahrhaftig?« meinte Trevize. »In welcher Beziehung?«
Die Frau riß von neuem die Augen auf. »Sie sind aber ein Spaßvogel. Er weiß mehr über die Vorgeschichte als ich von… von meiner Familie weiß.« Und weiter schritt sie auf ihrem musikalischen Schuhwerk voran.
Man kann wohl nicht kurz hintereinander Fingerzwicker und Spaßvogel genannt werden, ohne tatsächlich eine gewisse Laune in diese Richtung zu entwickeln. Trevize lächelte, als er seine nächste Frage stellte. »Ich vermute, dann weiß der Professor auch alles über die Erde?«
»Erde?« Die Frau blieb vor einer Tür stehen und sah die beiden Männer verständnislos an.
»Sie wissen doch, die Welt, auf der die Menschheit früher mal entstanden ist.«
»Ach, Sie meinen diesen Planeten, der als erster da war.
Ja, ich denke, er müßte auch darüber alles wissen. Immerhin befindet er sich ja im Sayshell-Sektor. Das weiß jeder. Hier ist Professor Quintesetz’ Büro. Ich werde Sie anmelden.«
»Nein, halt, ein Momentchen noch!« sagte Trevize. »Erzählen Sie uns noch mehr über die Erde!«
»An sich habe ich noch nie gehört, daß jemand ›Erde‹ dazu sagt. Wahrscheinlich ist das ein Wort aus der Foundation. Wir hier nennen die fragliche Welt Gaia.«
Trevize warf Pelorat einen raschen Blick zu. »Ach? Und wo liegt sie?«
»Nirgends. Sie ist im Hyperraum, und niemand kann hin. Als ich ein Kind war, hat meine Großmutter mir mal erzählt, Gaia wäre früher einmal im richtigen Weltraum gewesen, aber angewidert von…«
»…den Verbrechen und der Dummheit der Menschen gewesen«, sagte Pelorat leise, »daß sie aus Scham den Normalraum verließ und mit der Menschheit, die sie in die Galaxis ausgesandt hatte, nichts mehr zu tun haben mochte.«
»Sehen Sie, Sie kennen die Geschichte genauso gut. Eine Freundin von mir behauptet immer, das sei bloß Aberglaube. Na, ich werde ihr erzählen, daß Sie sie auch kennen. Wenn sie sogar für Professoren von der Foundation gut genug ist…«
Im rauchigen Glas der Tür befand sich ein Ausschnitt, dessen Fläche schimmerte und in der schwer lesbaren sayshellischen Kalligraphie die Aufschrift ABT SOTAYN QUINTESETZ aufwies, und darunter stand in den gleichen Buchstaben: ABTEILUNG FÜR VORGESCHICHTE.
Die Frau legte einen Finger auf eine glatte, kreisförmige Metallfläche. Hören ließ sich nichts, aber die Rauchigkeit des Glases verfärbte sich für einen Moment milchig. »Bitte identifizieren Sie sich«, sagte eine leise Stimme in irgendwie geistesabwesendem Ton.