»Tatsächlich war mir bis jetzt davon nichts bekannt«, gab Pelorat zu. »Ich höre diese Darstellung zum erstenmal, S. Q., und ich versichere Ihnen, ich werde Ihnen ewig dafür dankbar sein, daß Sie mich darauf aufmerksam gemacht haben, mein Bester. Ich bin erstaunt, daß nicht einmal eine Andeutung davon in den Texten…«
»Das zeigt nur, wie effektiv unser soziales System ist«, sagte Quintesetz. »Diese Geschichte ist unser sayshellisches Geheimnis — unser großes Rätsel.«
»Kann sein«, bemerkte Trevize in seiner trockenen Art. »Aber diese zweite Siedlerwelle — die ohne Roboter — muß sich nach allen Seiten ausgebreitet haben. Wieso gibt’s trotzdem dies großartige Geheimnis nur auf Sayshell?«
»Es kann auch woanders existieren und einer vergleichbaren Geheimhaltung unterliegen«, antwortete Quintesetz. »Unsere hiesigen Konservativen glauben, nur Sayshell sei von der Erde aus besiedelt worden, die ganze restliche Galaxis dagegen von Sayshell aus. Das ist aber wahrscheinlich Unsinn.«
»Diese untergeordneten Merkwürdigkeiten kann man vielleicht beizeiten aufklären«, sagte Pelorat. »Aber nun, da ich über einen Ansatz verfüge, bin ich dazu in der Lage, auf anderen Welten nach ähnlichen Informationen zu forschen. Worauf es ankommt, ist doch, daß ich nun erkannt habe, welche Frage gestellt werden muß, und eine gute Frage ist bereits der Schlüssel zu einer Menge guter Antworten. Was für ein Glück, daß ich…«
»Gewiß, Janov«, sagte Trevize, »aber der gute S. Q. hat uns doch sicherlich noch nicht die ganze Geschichte erzählt. Was ist aus den älteren Kolonien und ihren Robotern geworden? Sagt die Überlieferung darüber etwas?«
»Keine Einzelheiten, nur den wesentlichen Kern. Anscheinend können biologische und mechanische Humanoide nicht zusammenleben. Die Welten mit Robotern gingen unter. Sie waren nicht lebensfähig.«
»Und die Erde?«
»Die Menschen haben sie verlassen und sich hier und wahrscheinlich — wenngleich unsere Konservativen das bestreiten würden — auch auf anderen Planeten angesiedelt.«
»Aber sicher haben doch nicht alle Menschen die Erde verlassen. Sie ist doch nicht menschenleer zurückgeblieben.«
»Vermutlich nicht. Ich habe keine Ahnung.«
»War sie radioaktiv?« fragte Trevize unvermittelt.
Quintesetz wirkte erstaunt. »Radioaktiv?«
»Ja, danach frage ich.«
»Von sowas weiß ich nichts. Dergleichen habe ich noch nie zu Ohren bekommen.«
Trevize legte einen Fingerknöchel an die Zähne und überlegte. »S.Q.«, sagte er schließlich, »es wird spät, und vielleicht haben wir Ihre Zeit schon zu sehr beansprucht.« (Pelorat vollführte eine Bewegung, als wolle er widersprechen, aber Trevize hatte eine Hand auf des anderen Knie und drückte fest zu — daher fügte sich Pelorat, wenn auch leicht verstört.)
»Es hat mich gefreut, Ihnen behilflich sein zu können«, erwiderte Quintesetz.
»Das waren Sie, und sollten wir unsererseits etwas für Sie tun können, sagen Sie’s ruhig.«
Quintesetz lachte leise. »Wenn der gute J. P. so freundlich wäre, meinen Namen bei allem herauszulassen, was er in bezug auf unser sogenanntes Rätsel schreibt oder unternimmt, soll mir das Gegenleistung genug sein.«
»Sie würden Ihre verdiente Anerkennung erhalten«, sagte Pelorat eifrig, »und man würde Sie womöglich höher einzuschätzen wissen, dürften Sie Terminus aufsuchen und an unserer Universität vielleicht für einige Zeit als Gastdozent tätig sein. Kann sein, es gelingt uns, so etwas zu arrangieren. Sayshell mag die Foundation nicht leiden können, aber man wird wohl kaum ein direktes Gesuch ablehnen, Ihnen zu erlauben, Terminus zu besuchen und, sagen wir mal, an einem Kolloquium über irgendeinen Aspekt der Frühgeschichte teilzunehmen.«
Der Saysheller erhob sich halb. »Wollen Sie damit sagen, Sie könnten das in die Wege leiten?«
»Nun, ich habe noch nicht daran gedacht, aber J. P. hat völlig recht«, erklärte Trevize. »Das wäre sehr gut vorstellbar — falls wir’s versuchen. Und um so mehr Sie uns zur Dankbarkeit verpflichten, um so größere Mühe werden wir natürlich aufwenden.«
Quintesetz stutzte, dann runzelte er die Stirn. »Wie meinen Sie das?«
»Sie haben nicht mehr zu tun, als uns nun endlich alles über Gaia zu erzählen, S. Q.«, antwortete Trevize.
Und aller Glanz in Quintesetz’ Miene erlosch.
53
Quintesetz betrachtete seinen Schreibtisch. Mit der Hand strich er geistesabwesend durch sein kurzes, drahtig-lockiges Haar. Dann schaute er Trevize an und schürzte ein wenig die Lippen. Er wirkte, als sei er fest zum Schweigen entschlossen.
Trevize hob die Brauen und wartete. »Es wird wirklich spät«, sagte Quintesetz schließlich mit irgendwie erstickter Stimme. »Ist schon ziemlich glimmrig draußen.«
Bis jetzt hatte er gutes Galakto-Standard gesprochen, doch nun nahmen seine Wörter eine sonderbare Klangfärbung an, als begänne die sayshellische Art des Sprechens seine erworbene Bildung zu verdrängen.
»Glimmrig, S.Q.?«
»Es ist schon fast dunkel.«
Trevize nickte. »Ich bin tatsächlich ein bißchen gedankenlos. Dabei bin ich inzwischen selbst hungrig. Dürfen wir Sie wohl zum Abendessen einladen, S. Q.? Dann könnten wir unser Gespräch vielleicht fortsetzen — über Gaia.«
Schwerfällig stand Quintesetz auf. Er war größer als die beiden Männer von Terminus, aber auch älter und schwammiger, und seine Körpergröße vermittelte keinen Eindruck von bedrohlicher Kraft. Er wirkte müder als zum Zeitpunkt ihrer Ankunft.
Er blinzelte die beiden an. »Ich vergesse die Regeln der Gastfreundschaft«, sagte er. »Sie sind Außerplanetarische, und es gehört sich nicht, daß Sie für meine Unterhaltung sorgen. Kommen Sie mit zu mir! Ich wohne im Bereich des Universitätsgeländes, so daß wir’s nicht weit haben, und wenn Sie das Gespräch weiterzuführen wünschen, können wir’s bei mir daheim unter angenehmeren Umständen tun. Allerdings muß ich zu meinem Bedauern sagen…« — hier wirkte er ein wenig unbehaglich —, »ich kann Ihnen nur eine beschränkte Mahlzeit bieten. Meine Frau und ich sind Vegetarier, und sollten Sie Fleischesser sein, kann ich mich nur entschuldigen und muß Sie um Verständnis bitten.«
»J. P. und ich werden es für ein Essen durchaus schaffen, unsere Fleischfressergelüste im Zaum zu halten«, entgegnete Trevize. »Was Sie uns erzählen, wird uns mehr als genug dafür entschädigen… hoffe ich.«
»Ich kann Ihnen ein interessantes Essen versprechen, wie immer sich das Gespräch auch entwickeln mag«, erwiderte Quintesetz, »falls unsere sayshellischen Gewürze Ihnen zusagen. Meine Frau und ich haben aus der Verwendung von Gewürzen eine wahre Kunst gemacht.«
»Mir ist alles recht, was Sie an Exotischem bieten möchten, S. Q.«, sagte Trevize unterkühlt. Pelorat dagegen erregte angesichts solcher Aussichten einen eher nervösen Eindruck.
Quintesetz ging voran. Sie verließen das Büro und wanderten einen scheinbar endlosen Korridor entlang, und unterwegs grüßte der Saysheller dann und wann Studenten und Kollegen, sah jedoch davon ab, ihnen seine beiden Begleiter vorzustellen. Trevize bemerkte mit Mißmut, daß so mancher seine Schärpe, zufällig eines seiner grauen Exemplare, befremdet anstarrte. Eine gedämpfte Farbe war in der Kleidung an dieser Universität anscheinend nicht de rigueur.
Schließlich traten sie durch eine Tür hinaus ins Freie. In der Tat war es nun völlig dunkel und ein bißchen kühl; in einigem Abstand sah man die Umrisse von Bäumen emporragen, und zu beiden Seiten des Fußwegs stand ziemlich hohes Gras.