Pelorat blieb stehen, den Rücken dem Lichtschein zugewandt, der aus dem Gebäude fiel, das sie gerade verlassen hatten, ebenso den Lichtquellen, die die Fußwege des Universitätsgeländes säumten. Er schaute direkt nach oben.
»Wunderschön!« sagte er. »Bei uns gibt’s ein berühmtes Zitat aus dem Gedicht eines unserer Dichter, worin vom ›Tüpfelschimmer an Sayshells weitem Firmament‹ die Rede ist.«
Trevize blickte ebenfalls angetan nach oben. »Wir kommen von Terminus, S. Q.«, sagte er mit leiser Stimme zu Quintesetz, »und mein Freund hier hat noch nie einen fremden Himmel gesehen. Auf Terminus sehen wir die Milchstraße nur als einheitlichen, trüben Fleck, dazu ein paar kaum sichtbare Sterne. Hätten Sie bisher nur immer unter unserem Himmel gelebt, Sie wüßten, was Sie hier haben, bestimmt noch mehr zu würdigen.«
»Ich versichere Ihnen«, sagte Quintesetz ernsthaft, »wir wissen durchaus, was wir daran haben. Er ist weniger deshalb so schön, weil wir uns hier in einer nicht allzu dichten Zone der Galaxis befinden, sondern weil die Verteilung der Sterne bemerkenswert gleichmäßig ist. Ich bezweifle, daß Sie sonst irgendwo in der Galaxis so viele Sterne erster Größenordnung so gleichmäßig verteilt sehen können. Aber andererseits sind’s auch nicht zu viele. Ich habe schon auf Welten den Himmel gesehen, die am Rande von Kugelwolken liegen, und dort sieht man viel zuviel helle Sterne. So was verdirbt die Dunkelheit eines Nachthimmels und vermindert den Gesamteindruck der Schönheit ganz erheblich.«
»Da bin ich völlig Ihrer Meinung«, sagte Trevize.
»Sehen Sie dies fast regelmäßige Fünfeck aus nahezu gleich hellen Sternen dort drüben?« meinte Quintesetz. »Wir nennen sie Fünf Schwestern. Da, in dieser Richtung, genau über dieser Reihe von Bäumen. Sehen Sie?«
»Ich sehe sie«, bestätigte Trevize. »Sehr hübsch.«
»Ja«, sagte Quintesetz. »Sie sollen Erfolg in der Liebe symbolisieren, und es dürfte kaum einen Liebesbrief geben, der nicht mit einem Fünfeck aus Punkten beendet wird, das den Wunsch nach einer Liebesbeziehung ausdrückt. Jeder der fünf Sterne steht für eine andere Stufe im Prozeß der Herstellung einer solchen Beziehung, und es gibt bekannte Dichtungen, die darin wetteifern, jede dieser verschiedenen Stufen so explizit erotisch wie möglich darzustellen. In meiner Jugendzeit habe ich selbst mal ein paar derartige Verse zu schmieden versucht, und damals hätte ich nie gedacht, daß einmal eine Zeit kommen würde, in der mir die Fünf Schwestern so gleichgültig sind, aber ich glaube, das geht jedem so. Erkennen Sie den trüben Stern genau in der Mitte des Fünfgestirns?«
»Ja.«
»Der soll die unerwiderte Liebe versinnbildlichen«, sagte Quintesetz. »Die Legende besagt, dieser Stern sei einmal so hell wie der Rest gewesen, aber im Laufe der Zeit aus Kummer dunkel geworden.« Und er ging rasch weiter.
54
Das Essen, so mußte Trevize sich insgeheim eingestehen, war ausgezeichnet gewesen. Es hatte eine nahezu unendliche Vielseitigkeit aufgewiesen, und die zahllosen Arten des Würzens und Verfeinerns hatten unaufdringliche, aber köstliche Geschmacksvariationen gewährleistet.
»Alle diese Gemüse — die mir übrigens bestens geschmeckt haben — sind doch gewissermaßen Bestandteil des allgemeinen galaktischen Nahrungsangebots, nicht wahr, S. Q.?« meinte Trevize.
»Ja, natürlich.«
»Aber ich vermute, es gibt hier auch ursprüngliche Lebensformen.«
»Natürlich. Als die ersten Siedler eintrafen, war Sayshell ja schon eine Sauerstoffwelt, folglich war auch heimisches Leben vorhanden. Und wir sind sichergegangen, daß vom hier entstandenen Leben auch einiges erhalten bleibt. Wir haben sehr ausgedehnte Naturschutzparks, in denen das alte sayshellische Leben noch immer existiert, sowohl Flora wie auch Fauna.«
»Dann haben Sie hier uns etwas voraus, S. Q.«, sagte Pelorat. »Als Terminus von Menschen besiedelt worden ist, gab es auf dem Land nur wenig Leben, und leider hat man lange Zeit hindurch keine koordinierten Anstrengungen zur Bewahrung des ozeanischen Lebens unternommen, das den Sauerstoff produziert hatte, der Terminus überhaupt erst bewohnbar machte. Terminus besitzt heute eine rein galaktische Ökologie.«
»Sayshell kann auf eine lange und beständige Geschichte der Lebensbewahrung zurückblicken«, sagte Quintesetz mit einem Lächeln bescheidenen Stolzes.
Trevize wählte diesen Moment, um auf das eigentliche Thema zurückzukommen. »Ich glaube, S. Q.«, rief er in Erinnerung, »als wir Ihr Büro verlassen haben, war es Ihre Absicht, uns nach dem Essen etwas über Gaia zu erzählen.«
Quintesetz’ Frau, eine freundliche Person, untersetzt und ein recht dunkler Typ — sie hatte während des Essens wenig geredet —, blickte entgeistert auf, erhob sich und ging ohne ein Wort aus dem Zimmer.
»Meine Frau«, sagte Quintesetz unbehaglich, »ist ziemlich konservativ eingestellt, und es gefällt ihr nicht, wenn man… äh… den besagten Planeten erwähnt. Bitte entschuldigen Sie sie. Warum fragen Sie überhaupt danach?«
»Leider ist es wichtig für J. P.s Arbeit.«
»Aber warum fragen Sie gerade mich? Wir haben über die Erde diskutiert, über Roboter, die Gründung Sayshells. Was hat das alles mit der… äh… mit dem zu tun, wonach Sie fragen?«
»Vielleicht nichts, aber es gibt nun einmal so viele Sonderbarkeiten an dieser Sache. Warum mißfällt Ihrer Frau die Erwähnung Gaias? Warum ist es Ihnen unangenehm, davon zu reden? Andere hier sprechen recht unbekümmert darüber. Erst heute hat man uns gesagt, Gaia sei nichts anderes als die Erde und aus Enttäuschung über die Übeltaten der Menschen in den Hyperraum entschwunden.«
Quintesetz’ Miene spiegelte wider, daß er sich schmerzlich berührt fühlte. »Wer hat Ihnen solchen Unfug aufgeschwatzt?«
»Jemand hier an der Universität.«
»Das ist reiner Aberglauben.«
»Dann gehört das also nicht zum zentralen Dogma Ihrer Legenden über die Zeit der Flucht und die Erstlandung?«
»Nein, natürlich nicht. Das ist nur so eine einfältige Fabel, die unter gewöhnlichen, ungebildeten Leuten kolportiert wird.«
»Sind Sie sicher?« meinte Trevize kühl.
Quintesetz lehnte sich in seinen Sessel und musterte die Überreste des Essens, die vor ihm standen. »Lassen Sie uns ins Wohnzimmer gehen«, sagte er. »Meine Frau wird nicht fürs Abtragen und Aufräumen sorgen, solange wir hier sitzen und… so etwas besprechen.«
»Sind Sie sicher, daß es sich lediglich um eine Fabel handelt?« wiederholte Trevize hartnäckig, nachdem sie in einem Nebenzimmer vor einem Fenster Platz genommen hatten, das sich über ihnen einwärts wölbte und einen klaren Ausblick auf Sayshells sehenswerten Nachthimmel ermöglichte. Die Beleuchtung des Zimmers war heruntergedimmt, um den Sternenschein nicht in seiner Schönheit zu beeinträchtigen, und Quintesetz’ dunkle Erscheinung verschmolz mit den Schatten.
»Sind Sie nicht sicher?« hielt er Trevize entgegen. »Glauben Sie etwa allen Ernstes, irgendeine Welt könnte sich so einfach als Ganzes in den Hyperraum verdrücken? Sie müssen berücksichtigen, daß der Durchschnittsbürger nur eine sehr vage Vorstellung davon hat, was der Hyperraum eigentlich ist.«
»Die Wahrheit ist«, antwortete Trevize, »ich habe selbst nur eine sehr vage Vorstellung vom Hyperraum, obwohl ich ihn schon einige hundertmal durchquert habe.«
»Dann erlauben Sie auch mir, die Realität auszusprechen. Ich versichere Ihnen, daß die Erde — wo sie auch sein mag — sich nicht innerhalb der Grenzen der Sayshell-Union befindet, und daß die Welt, die Sie außerdem erwähnt haben, nicht die Erde ist.«
»Aber selbst wenn Ihnen unbekannt ist, wo sich die Erde finden läßt, S. Q., müßten Sie wissen, wo sich die andere erwähnte Welt befindet. Die nämlich liegt bestimmt innerhalb der Grenzen der Sayshell-Union. Soviel wissen wir, stimmt’s, Pelorat?«