Pelorat, der stumm und still zugehört hatte, fuhr nun, als Trevize ihn ansprach, plötzlich auf. »Ich möchte sogar behaupten, Golan«, sagte er unvermittelt, »ich weiß, wo sie ist.«
Trevize drehte sich ihm zu und schaute ihn an. »Seit wann, Janov?«
»Seit dem frühen Abend, mein lieber Golan. Auf dem Weg vom Büro zu Ihrem Haus, S.Q., haben Sie uns die Fünf Schwestern gezeigt. Sie haben uns auf einen trüben Stern in der Mitte des Fünfecks aufmerksam gemacht. Ich bin davon überzeugt, das ist Gaia.«
Quintesetz zögerte, und seine Miene, in der Dunkelheit verborgen, ließ sich nicht erkennen. »Nun ja, das sagen uns jedenfalls die Astronomen«, meinte er schließlich, »wenigstens privat. Die fragliche Welt umkreist den entsprechenden Stern.«
Trevize betrachtete Pelorat nachdenklich, aber die Miene des Professors verriet nichts von dem, was in ihm vorging. »Dann erzählen Sie uns etwas über den Stern!« wandte Trevize sich erneut an Quintesetz. »Kennen Sie seine Koordinaten?«
»Ich? Nein.« Quintesetz’ Verneinung fiel fast heftig aus. »Ich sammle doch daheim keine stellaren Koordinaten. Sie könnten sie möglicherweise von der astronomischen Fakultät erhalten, aber nicht ohne Schwierigkeiten, nehme ich an. Flüge zu dem Stern sind untersagt.«
»Warum? Er liegt innerhalb Ihres Territoriums, oder nicht?«
»Kosmographisch gesehen, ja, politisch nicht.«
Trevize wartete auf weitere Äußerungen. Als sie ausblieben, stand er auf. »Professor Quintesetz«, sagte er in formellem Ton, »ich bin weder Polizist oder Soldat noch Diplomat oder Gangster. Ich bin nicht hier, um irgendwelche Informationen aus Ihnen herauszupressen. Statt dessen werde ich, wie sehr es auch meinem Willen widerstrebt, zu unserem Botschafter gehen. Sicherlich ist auch Ihnen klar, daß ich diese Informationen nicht bloß aus persönlichem Interesse haben möchte. Es geht dabei um eine Foundationangelegenheit, und ich will keineswegs eine interstellare Affäre daraus machen. Und ich glaube, an so etwas dürfte auch der Sayshell-Union kaum gelegen sein.«
»Inwiefern handelt es sich um eine Foundationangelegenheit?« fragte Quintesetz verunsichert nach.
»Das kann ich leider nicht mit Ihnen diskutieren. Falls Gaia etwas ist, worüber Sie um keinen Preis mit mir sprechen wollen, muß ich die ganze Sache auf die Regierungsebene verlagern, und unter solchen Umständen könnten sich für Sayshell nachteilige Folgen ergeben. Sayshell ist unabhängig von der Föderation geblieben, und ich habe dagegen keine Einwände. Ich besitze keinen Grund, Sayshell irgend etwas Schlechtes zu wünschen, und ich bin absolut nicht wild darauf, mich an unseren Botschafter zu wenden. Dadurch würde ich tatsächlich sogar meiner eigenen Laufbahn schaden, denn ich habe die unmißverständliche Anweisung erhalten, an diese Informationen zu gelangen, ohne Regierungsstellen zu bemühen. Bitte verraten Sie mir also, ob es einen vernünftigen Grund gibt, warum Sie nicht mit mir über Gaia reden könnten. Würde man Sie verhaften, irgendwie bestrafen, wenn Sie darüber sprechen? Wollen Sie mir ins Gesicht sagen, daß mir keine andere Wahl bleibt, als die ganze Sache auf die Botschafterebene zu tragen?«
»Nein, nein«, antwortete Quintesetz, nun offensichtlich völlig verwirrt. »Von Regierungsdingen verstehe ich nichts. Wir sprechen hier nun einmal ganz einfach nicht über die besagte Welt.«
»Aus Aberglauben?«
»Nun ja! Aberglauben! Ach, Firmament von Sayshell, in welcher Hinsicht bin ich eigentlich besser als diese dümmliche Person, die Ihnen eingeredet hat, Gaia befände sich im Hyperraum… oder als meine eigene Frau, die nicht in einem Zimmer bleibt, wo man Gaia erwähnt, die vielleicht inzwischen das Haus verlassen hat, aus Furcht, es könne etwas uns treffen…«
Ein Blitz?
»Irgend etwas von weit her. Und selbst ich zögere, ehe ich’s fertigbringe, den Namen auszusprechen. Gaia! Gaia! Diese zwei Silben tun mir nicht weh. Ich bleibe unversehrt. Trotzdem zögere ich. Aber bitte glauben Sie mir, ich kenne die Koordinaten von Gaias Stern wirklich nicht. Ich kann versuchen, sie Ihnen zu verschaffen, aber lassen Sie sich noch einmal klar von mir sagen, wir hier in der Sayshell-Union sprechen nicht über diese Welt. Wir lassen die Hände davon, beschäftigen uns nicht mit ihr. Ich kann Ihnen auch mitteilen, was hier über sie bekannt ist — an echten Fakten, nicht bloß Spekulationen —, und ich bezweifle, daß Sie auf irgendeiner Welt der Union mehr erfahren könnten. Wir wissen, daß Gaia eine uralte Welt ist, und es gibt Leute, die behaupten, das sei die älteste Welt in diesem Sektor der Galaxis. Der Patriotismus redet uns ein, Sayshell sei in dieser Gegend der älteste besiedelte Planet — die Furcht flüstert uns ein, Gaia sei’s. Die einzige Methode, diese beiden Auffassungen miteinander zu verbinden, besteht darin, einfach anzunehmen, Gaia sei die Erde, weil wir wissen, daß Erdbewohner Sayshell besiedelt haben. Die meisten Historiker denken — jedenfalls unter sich —, daß Gaia als Kolonie gesondert gegründet worden ist. Sie gehen davon aus, daß Gaia nicht durch irgendeine Welt unserer Union besiedelt worden ist, daß die Gründung der Union und die Besiedlung ihrer Welten andererseits aber auch nicht auf Gaia zurückgehen. Es besteht keine Einmütigkeit bezüglich des vergleichsweisen Alters, und damit bleibt offen, ob man Gaia früher oder später als Sayshell besiedelt hat.«
»Bis jetzt wissen Sie also so gut wie überhaupt nichts an richtigen Informationen zu geben«, sagte Trevize, »denn offenbar finden sich für jede denkbare Alternative genug Leute, die daran glauben.«
Quintesetz nickte wehmütig. »So könnte man meinen. Wir sind erst relativ spät in unserer Geschichte auf Gaias Existenz aufmerksam geworden. Anfangs waren wir damit beschäftigt, die Union zu bilden, dann damit, uns das Galaktische Imperium vom Halse zu halten, danach hat es uns stark beansprucht, uns richtig in die Rolle als Imperiumsprovinz hineinzufinden und die Macht der Sternenherzöge einzuschränken. Erst als die Zeit der Schwächung des Imperiums bereits weit fortgeschritten war, fiel einem der letzten Sternenherzöge, den das Imperium nur noch an lockerem Zügel hielt, überhaupt auf, daß Gaia existierte und anscheinend seine Unabhängigkeit sowohl gegenüber der sayshellischen Provinz wie auch dem Imperium selbst behauptete, indem man ganz einfach seine Isolation bewahrte und sich in Geheimnisse hüllte, so daß buchstäblich nichts über die besagte Welt bekannt war, genausowenig wie heute. Der Sternenherzog beschloß, sie zu übernehmen. Wir wissen keine Einzelheiten darüber, was passiert ist, aber seine Expedition scheiterte, nur wenige Schiffe kehrten zurück. Natürlich waren damals die Raumschiffe weder besonders gut, noch hat die Führung viel getaugt. Auf Sayshell hatte man Freude an der Schlappe des Sternenherzogs, versteht sich, weil man in ihm einen Unterdrücker im Namen des Imperiums sah, und sein Debakel führte fast auf direktem Wege zur Wiederherstellung unserer Unabhängigkeit. Die Sayshell-Union hat die Gelegenheit genutzt, um ihre Verbindung mit dem Imperium zu beenden, und den Jahrestag dieser Maßnahme feiern wir noch heute als Tag der Union. Wie aus Dankbarkeit haben wir uns fast ein Jahrhundert lang nicht um Gaia gekümmert, aber schließlich kam eine Zeit, da waren wir selbst stark genug für ein bißchen eigene imperialistische Expansion. Warum sollten wir uns nicht Gaia einverleiben? Warum nicht wenigstens eine Handelseinheit herstellen? Wir schickten eine Flotte hin, aber unser Unternehmen schlug gleichfalls fehl. Anschließend haben wir uns mit gelegentlichen Versuchen begnügt, Handelsbeziehungen zu etablieren — lauter Versuche, die unweigerlich mißlangen. Gaia blieb in strikter Isolation und hat — soweit jemand das weiß — von sich aus niemals auch nur die geringsten Bemühungen gemacht, um mit irgendeiner anderen Welt zu handeln oder bloß in Kommunikation zu treten. Gleichzeitig hat sie auch nie die leiseste feindselige Handlung in irgendeine Richtung begangen. Und dann…«