»Sie können sich darauf verlassen, ich habe alles bemerkt, was es an ihnen zu sehen gab, Janov. Ihre Einwände betreffen bloß Oberflächlichkeiten. Notfalls kann man Frauen dazu bringen, sich das Gesicht zu waschen, und Schuhe und bunte Klamotten fliegen zum richtigen Zeitpunkt sowieso beiseite.«
»Das glaube ich Ihnen aufs Wort, Golan. Ich habe allerdings mehr an eine weitere Erforschung dieser Angelegenheiten über die Erde gedacht. Was man uns bis jetzt von der Erde erzählt hat, ist so unbefriedigend, so widersprüchlich… Einer Person zufolge geht’s um Strahlung, nach einer anderen um Roboter.«
»Aber in jedem Fall soll sie eine tote Welt geworden sein.«
»Gewiß«, sagte Pelorat, »aber es kann sein, daß das eine wahr ist und das andere unwahr oder daß in gewissem Umfang beides wahr ist oder daß beides überhaupt nicht stimmt. Wenn Sie Geschichten hören, Golan, die alles nur in dichten Nebel der Ungewißheit hüllen, dann müssen doch auch Sie den Drang verspüren, solche Dinge zu erforschen, die Wahrheit aufzudecken.«
»Ich verspüre ihn auch«, sagte Trevize, »bei jedem Zwergstern in der Galaxis, ich verspüre ihn. Unser akutes Hauptproblem jedoch ist Gaia. Sobald wir das geklärt haben, können wir zur Erde fliegen oder auch in den Sayshell-Sektor zurückkehren, um länger auf Sayshell zu bleiben. Aber erst kommt Gaia!«
Pelorat nickte. »Unser akutes Hauptproblem, ja! Wenn wir Quintesetz abnehmen, was er uns aufgetischt hat, erwartet uns auf Gaia der Tod. Wollen wir trotzdem hin?«
»Das frage ich mich selbst«, gestand Trevize. »Fürchten Sie sich?«
Pelorat zögerte für einen Moment mit der Antwort, als untersuche er erst die eigenen Empfindungen. »Ja«, bekannte er dann unumwunden und in sachlichem Ton. »Schrecklich.«
Trevize lehnte sich in seinem Sessel zurück und schwenkte ihn herum, bis er Pelorat genau gegenübersaß. »Janov«, sagte er ebenso ruhig und sachlich, »es ist nicht nötig, daß Sie sich irgendwelchen Risiken aussetzen. Sagen Sie, daß Sie es so wünschen, und ich lasse Sie mit Ihrem persönlichen Eigentum und der Hälfte unseres Guthabens an Credits auf Sayshell zurück. Wenn ich wiederkehre, hole ich Sie ab, und dann fliegen wir weiter in den Sirius-Sektor, wenn Sie möchten, zur Erde, falls sie sich dort befindet. Sollte ich nicht wiederkommen, werden die Vertreter der Foundation auf Sayshell dafür sorgen, daß Sie nach Terminus heimkehren können. Ich nehm’s Ihnen nicht übel, wenn Sie hier bleiben, alter Freund.«
Einige Augenblicke lang blinzelte Pelorat sehr schnell und preßte die Lippen fest aufeinander. »Alter Freund?« meinte er dann mit ziemlich rauher Stimme. »Wir kennen uns nun — wie lange? Eine Woche oder so? Ist es nicht merkwürdig, daß ich es ablehne, das Schiff zu verlassen? Ich fürchte mich, aber ich möchte mitkommen.«
Trevize bewegte seine Hände in einer Geste der Unsicherheit. »Aber warum? Ehrlich, ich verlang’s nicht von Ihnen.«
»Ich bin mir nicht sicher, weshalb, aber ich verlang’s von mir. Es ist… es ist so… Golan, ich habe Vertrauen zu Ihnen. Ich habe von Ihnen den Eindruck, daß Sie jederzeit wissen, was Sie tun. Ich wollte nach Trantor, und dort wäre — wie ich’s jetzt sehe — vermutlich überhaupt nichts geschehen. Sie haben darauf bestanden, daß wir uns für Gaia interessieren, und irgendwie ist Gaia allem Anschein nach in der Galaxis ein wunder Punkt. Im Zusammenhang mit Gaia, so kommt es mir vor, geschieht etwas. Und sollte das nicht genügen, ich habe gut achtgegeben, Golan, als Sie Quintesetz die Informationen über Gaia entlockt haben. Das war ein derartig raffinierter Bluff, ich war vor Bewunderung wie vor den Kopf geschlagen.«
»Sie vertrauen also meinen Fähigkeiten.«
»Ja, richtig«, sagte Pelorat.
Trevize legte eine Hand auf den Oberarm des anderen und wirkte einen Moment lang, als suche er nach Worten. »Janov«, sagte er schließlich, »würden Sie mir wohl schon im voraus verzeihen, falls mein Urteil sich als falsch erweist und Sie auf die eine oder andere Weise mit… mit dem konfrontiert werden, was uns an Unerfreulichem erwarten könnte?«
»Aber mein Bester«, erwiderte Pelorat, »was reden Sie da nur? Ich treffe diese Entscheidung völlig frei aus meinen Gründen, nicht aufgrund Ihrer Überlegungen. Und bitte… lassen Sie uns schnellstens aufbrechen. Ich befürchte, meine Feigheit könnte mich doch noch übermannen und für den Rest meines Lebens mit Schande überhäufen.«
»Wie Sie wünschen, Janov«, sagte Trevize. »Wir starten, wenn der Computer uns freie Bahn gibt. Diesmal durchqueren wir die Atmosphäre mit dem Gravo-Antrieb — senkrecht aufwärts —, sobald sicher ist, daß sich keine anderen Raumer im nahen Luftraum befinden. Je dünner die Atmosphäre während des Aufstiegs wird, um so schneller werden wir steigen. Binnen einer Stunde werden wir wieder im Weltraum sein.«
»Gut«, sagte Pelorat und riß einer Kaffeedose aus Plastik den Verschluß ab. Augenblicklich begann es aus der entstandenen Öffnung zu dampfen. Pelorat hob den Trinkschnabel an den Mund und trank, saugte vorher gerade genug Luft in den Mund, um den Kaffee auf eine erträgliche Temperatur abkühlen zu lassen.
Trevize grinste. »Wunderbar, wie Sie gelernt haben, dies Zeug zu benutzen. Sie sind schon ein richtiger Raumveteran, Janov.«
Pelorat betrachtete die Plastikdose für einen Augenblick. »Da wir jetzt Raumschiffe haben, die nach Bedarf Gravitationsfelder erzeugen können«, sagte er, »wird man künftig doch wohl dazu übergehen, normale Behältnisse und Gefäße zu verwenden, oder?«
»Natürlich wäre das möglich, aber Sie dürften Weltraumfahrer schwerlich dahin bringen, daß sie von ihren ganz auf den Weltraum abgestellten Gerätschaften Abstand nehmen. Wie sollte eine Raumratte von Weltraumfahrer einen deutlichen Unterschied zwischen sich und einem Bodenhocker machen, wenn er aus einem gewöhnlichen, oben offenen Becher trinken müßte? Sehen Sie diese Ringe an den Wänden und oben an der Decke? Seit zwanzigtausend Jahren und länger montiert man sie traditionell in sämtlichen Raumschiffen, obwohl sie in einem Gravo-Raumer völlig überflüssig sind. Trotzdem sind sie auch hier vorhanden, und ich wollte das ganze Raumschiff gegen eine Tasse Kaffee wetten, daß eine echte Raumratte jetzt beim Start vortäuschen würde, es presse sie bis an den Rand des Erstickens nieder, und anschließend würde sie an diesen Ringen hin und her baumeln wie in Nullgravitation, während in beiden Fällen G Eins besteht — ich meine, Normalschwerkraft.«
»Sie scherzen.«
»Naja, vielleicht ist’s ein wenig übertrieben, aber ein gewisses soziales Trägheitsmoment ist mit allem verbunden, sogar dem technischen Fortschritt. Sie sehen selbst, diese nutzlosen Wandringe sind vorhanden, und die Kaffeedosen haben Trinkschnäbel.«
Pelorat nickte nachdenklich und trank weiter von seinem Kaffee. »Wann starten wir denn nun?« erkundigte er sich zu guter Letzt.
Trevize lachte herzhaft. »Jetzt habe ich Sie reingelegt«, sagte er. »Ich habe über Wandringe geplaudert, und Sie haben nicht bemerkt, daß wir genau in dem Moment gestartet sind. Wir sind schon zwei Kilometer hoch.«
»Das ist doch nicht Ihr Ernst?«
»Schauen Sie hinaus!«
Pelorat tat es. »Aber ich habe gar nichts bemerkt«, sagte er dann.
»Das sollten Sie ja auch nicht.«
»Verstoßen wir nicht gegen die Vorschriften? Sicherlich hätten wir doch einem Funkimpuls folgen und spiralförmig aufsteigen müssen, so wie wir’s bei der Landung gemacht haben, oder nicht?«
»Es besteht gar kein Anlaß dazu, Janov. Niemand wird uns aufhalten. Absolut niemand.«
»Vor der Landung haben Sie doch gesagt…«
»Da lag der Fall noch anders. Über unsere Ankunft hat man sich bestimmt nicht sonderlich gefreut, aber man kann uns ganz sicher nicht schnell genug wieder abfliegen sehen.«