»Haben Sie jemals so was erhalten?«
»Ab und zu. Im Laufe der vergangenen Jahre bin ich in akademischen Kreisen als Kollektor bestimmter Typen von Mythen und Legenden ziemlich bekannt geworden, und manche meiner Korrespondenten sind bisweilen so freundlich, mir Material aus nichtakademischen Quellen zur Kenntnis zu geben. Solche Sachen werden dann manchmal keiner bestimmten Person zugeschrieben.«
»Ja, aber haben Sie je direkt anonyme Informationen erhalten, ohne Umweg über einen Korrespondenten?«
»Das kommt manchmal vor — aber sehr selten.«
»Und sind Sie sicher, daß es im Fall Gaia nicht so gewesen ist?«
»So was gibt es so selten, daß ich sicher bin, ich müßte mich erinnern, wenn es in diesem Fall so gewesen wäre. Andererseits kann ich auch nicht völlig ausschließen, daß ich die Information anonym erhalten habe. Aber beachten Sie, daß das nicht heißt, ich habe die Information aus anonymer Quelle erhalten.«
»Das verstehe ich sehr wohl. Aber es bleibt eine Möglichkeit, nicht wahr?«
»Ich würde sagen, ja«, antwortete Pelorat nach einigem Zögern. »Aber was soll das alles eigentlich bedeuten?«
»Ich bin noch nicht fertig«, entgegnete Trevize herrisch. »Woher ist die Information gekommen, ob anonym oder nicht — ich meine, von welcher Welt?«
Pelorat zuckte die Achseln. »Nun hören Sie aber mal auf! Ich habe wirklich nicht die leiseste Ahnung.«
»Könnte sie möglicherweise von Sayshell gekommen sein?«
»Ich habe Ihnen doch gesagt, ich weiß es nicht.«
»Ich nehme an, Sie haben sie von Sayshell erhalten.«
»Sie können selbstverständlich alles annehmen, was Sie wünschen, es wird dadurch aber nicht zwangsläufig zur Tatsache.«
»Nicht? Als Quintesetz uns den schwachen Stern in der Mitte der Fünf Schwestern gezeigt hat, wußten Sie sofort, daß das Gaia ist. Sie haben’s zu Quintesetz gesagt und den Stern identifiziert, bevor er es getan hat. Erinnern Sie sich?«
»Ja, freilich.«
»Wie war das möglich? Wieso haben Sie sofort erkannt, daß dieser Stern Gaia ist?«
»Weil in meinem Material über Gaia der Stern kaum jemals bei diesem Namen genannt wird. Es gibt zahlreiche Umschreibungen. Eine davon, auf die ich mehrfach gestoßen bin, lautet ›Kleiner Bruder der Fünf Schwestern‹. Eine andere ist ›Mitte des Fünfecks‹, da und dort auch ›Pentagonszentrum‹ genannt. Als Quintesetz uns die Fünf Schwestern und ihren Zentralstern gezeigt hat, ist mir das alles natürlich sofort eingefallen.«
»Mir gegenüber haben Sie diese Hinweise nie erwähnt.«
»Ich war mir gar nicht darüber im klaren, was sie besagen, und ich war der Meinung, es lohne sich nicht, solche Dinge mit Ihnen zu diskutieren, weil Sie ja kein…« Pelorat zögerte.
»Weil ich kein Fachmann bin?«
»Ja.«
»Ich hoffe, Sie besitzen darüber Klarheit, daß das Fünfeck der Fünf Schwestern eine völlig relative Konstellation ist.«
»Was meinen Sie damit?«
Trevize lachte nachsichtig auf. »Sie Bodenhocker! Glauben Sie etwa, Sternbilder hätten eine objektive Form? Daß die Sterne festgenagelt sind? Das Fünfeck besitzt diese seine Form nur von der Oberfläche der Planeten aus gesehen, die zum Sayshell-System zählen, und nur von dort aus gesehen. Von einem Planeten aus, der einen anderen Stern umkreist, bieten die Fünf Schwestern einen ganz anderen Anblick. Zunächst einmal sieht man sie aus einem anderen Winkel. Und außerdem sind die fünf Sterne des Fünfecks unterschiedlich weit von Sayshell entfernt, und aus anderem Blickwinkel betrachtet, erkennt man zwischen ihnen womöglich gar keinen Zusammenhang. Ein oder zwei Sterne könnten in der einen, der Rest in der anderen Hälfte des Himmels liegen. Schauen Sie her…«
Trevize verdunkelte die Kabine wieder und beugte sich über den Computer. »Die Sayshell-Union umfaßt sechsundachtzig bewohnte Planetensysteme. Lassen wir mal Gaia — beziehungsweise die Stelle, wo sie sich befinden muß — in ihrer Position…« — während er das sagte, erschien in der Mitte zwischen den Fünf Schwestern ein kleiner roter Kreis —, »und verlagern den Blickwinkel, so daß er einem Nachthimmel entspricht, wie man ihn auf einer beliebigen der anderen sechsundachtzig Welten sieht.«
Das dargestellte Firmament verschob sich, und Pelorat blinzelte. Der kleine rote Kreis blieb in der Mitte des Bildschirms, aber die Fünf Schwestern waren nicht länger zu erkennen. In der Nachbarschaft leuchteten helle Sterne, doch es ließ sich kein Fünfeck feststellen. Der Nachthimmel verschob sich erneut, dann noch einmal, und nochmals. Er wechselte immer wieder. Der rote Kreis blieb unverändert an seinem Platz, aber kein einziges Mal konnte man ein Fünfeck aus gleich hellen Sternen bemerken. Manchmal zeigte sich so etwas wie ein schiefes Fünfeck aus ungleich hellen Sternen, jedoch nie etwas, das dem schönen Sternbild ähnelte, auf das Quintesetz sie aufmerksam gemacht hatte.
»Reicht das?« erkundigte sich Trevize. »Ich versichere Ihnen, von nirgendwo aus kann man die Fünf Schwestern so sehen wie von den Welten des Sayshell-Systems aus.«
»Die sayshellische Sicht kann nach anderen Welten exportiert worden sein«, sagte Pelorat. »Zur Zeit des Imperiums gab’s viele in der ganzen Galaxis verbreitete Redensarten — manche sind noch heutzutage üblich —, etwa die sich um Trantor drehten.«
»Während man auf Sayshell bezüglich Gaias so geheimnistuerisch ist, wie wir’s erlebt haben? Und weshalb sollten Welten außerhalb der Sayshell-Union sich überhaupt für so etwas interessieren? Was sollte ein ›Kleiner Bruder der Fünf Schwestern‹ sie angehen, wenn sie an ihrem Himmel nichts dergleichen sehen können?«
»Vielleicht haben Sie recht.«
»Sie wollen also nicht einsehen, daß Ihre Information ursprünglich von Sayshell selbst gekommen sein muß? Nicht von irgendwo innerhalb der Sayshell-Union, sondern genau aus dem Planetensystem, in dem sich die Hauptwelt der Union befindet.«
Pelorat schüttelte den Kopf. »Was Sie da reden, klingt so, als ob es genauso sein muß, aber es ist jedenfalls nichts, woran ich mich erinnern könnte. Ich kann’s einfach nicht.«
»Trotzdem, Sie ersehen doch die Überzeugungskraft meiner Argumente, oder nicht?«
»Doch, ja.«
»Weiter! Wann könnte nach Ihrer Meinung diese Legende von den Fünf Schwestern entstanden sein?«
»Irgendwann. Ich neige zu der Annahme, daß sie schon früh in der Ära des Imperiums entstanden ist. Sie macht den Eindruck uralter…«
»Sie irren sich, Janov! Die Fünf Schwestern sind Sayshell ziemlich nahe, deshalb sieht man sie nämlich so hell. Infolgedessen weisen vier von ihnen eine deutliche Eigenbewegung auf, und keine zwei von ihnen gehören einer gemeinsamen Konstellation an, so daß sie sich in verschiedene Richtungen bewegen. Schauen Sie mal, was sich ergibt, wenn ich die Karte langsam zeitlich zurückverändere.«
Auch diesmal blieb der rote Kreis, der Gaia darstellte, an seinem Platz, wogegen das Fünfeck langsam auseinandertrieb, während vier der Sterne sich rasch in unterschiedliche Richtungen entfernten und der fünfte sich nur ein klein wenig verschob.
»Sehen Sie sich das an, Janov!« sagte Trevize. »Würden Sie das als regelmäßiges Fünfeck bezeichnen?«
»Es ist eindeutig schief«, antwortete Pelorat.
»Und ist Gaia in der Mitte zu sehen?«
»Nein, ganz an der Seite.«
»Na schön. So sah das Sternbild also vor hundertfünfzig Jahren aus! Vor eineinhalb Jahrhunderten, nicht mehr. Das Material, das Sie über ein ›Pentagonszentrum‹ und ähnliches bekommen haben, hat erst in diesem Jahrhundert wirklich einen Sinn besitzen können, und zwar absolut, das heißt, auch auf Sayshell. Das Ihnen zugegangene Material muß seinen Ursprung auf Sayshell und irgendwann in diesem Jahrhundert haben, wahrscheinlich im letzten Jahrzehnt. Und Sie haben es erhalten, obwohl man sich auf Sayshell über Gaia so auszuschweigen pflegt.«