Trevize schaltete die Beleuchtung ein, ließ die Sternkarte erlöschen; er blieb im Sessel sitzen und musterte Pelorat mit ernstem Blick.
»Jetzt bin ich völlig durcheinander«, sagte Pelorat. »Was bedeutet das alles?«
»Das müssen Sie mir verraten. Überlegen Sie! Irgendwie bin ich auf den Gedanken verfallen, daß die Zweite Foundation noch existiert. Während des Wahlkampfes habe ich zu diesem Thema eine Rede gehalten. Ich habe ein bißchen die Emotionen angeheizt, um Stimmen von Leuten zu gewinnen, die noch unentschlossen waren, dazu hat sich ein dramatisches ›Falls die Zweite Foundation noch existiert‹ bestens geeignet. Und noch am selben Tag dachte ich: Wenn sie nun wirklich noch existiert? Ich fing an, Geschichtsbücher zu lesen, und innerhalb einer Woche war ich fest davon überzeugt. Regelrechte Beweise konnte ich dafür nicht finden, aber ich hatte schon immer eine gewisse Begabung, aus einem wirren Haufen von Spekulationen die der Wahrheit nahekommenden Schlußfolgerungen zu ziehen. Diesmal allerdings…«
Trevize grübelte einen Moment lang. »Und bedenken Sie mal«, fügte er dann hinzu, »was sich seitdem ereignet hat. Ich habe Compor zu meinem Vertrauten gemacht, und ausgerechnet er hat mich hintergangen. Daraufhin hat Bürgermeisterin Branno mich arrestieren lassen und ins Exil geschickt. Warum ins Exil, wenn sie mich einfach hätte einsperren oder durch entsprechende Drohungen zum Schweigen bringen können? Und weshalb in einem supermodernen Raumschiff, das mir außergewöhnliche Sprünge durch die Galaxis erlaubt? Und wieso hat sie darauf bestanden, daß ich Sie mitnehme, und mir geraten, Ihnen bei der Suche nach der Erde zu helfen? Und wieso war ich so sicher, daß es falsch wäre, nach Trantor zu fliegen? Ich hatte die Überzeugung, Sie wüßten ein besseres Ziel, wo wir Nachforschungen anstellen könnten, und sofort rückten Sie mit dieser mysteriösen Welt Gaia heraus, über die Sie, wie sich nun herausstellt, Ihre Informationen unter recht merkwürdigen Umständen erhalten haben. Wir fliegen nach Sayshell — dem ersten naheliegenden Aufenthalt —, und im Handumdrehen laufen wir Compor in die Arme, der uns eine verwickelte Geschichte über die Erde und ihren Untergang auftischt. Er versichert uns, sie sei im Sirius-Sektor zu finden, und empfiehlt uns, dorthin zu fliegen.«
»Da sehen Sie’s!« sagte Pelorat. »Anscheinend möchten Sie andeuten, alle Umstände würden uns drängen, nach Gaia zu fliegen, aber wie Sie selbst sagen, hat Compor uns etwas anderes empfohlen.«
»Und aufgrund dessen habe ich mich aus reinem Mißtrauen gegen ihn dazu entschlossen, bei unserer ursprünglichen Absicht zu bleiben. Meinen Sie nicht, daß er genau auf so eine Reaktion gesetzt haben könnte? Womöglich hat er uns absichtlich so etwas geraten, um dafür zu sorgen, daß wir’s nicht tun.«
»Das klingt alles ziemlich romantisch«, sagte Pelorat gedämpft.
»Finden Sie? Sehen wir mal weiter! Dann bekommen wir Kontakt zu Quintesetz, ganz einfach, weil er sich gerade anbietet…«
»Durchaus nicht«, wandte Pelorat ein. »Ich habe seinen Namen gekannt.«
»Er kam Ihnen bekannt vor. Sie hatten nie irgend etwas von ihm gelesen, daran konnten Sie sich erinnern. Wieso also kam er Ihnen bekannt vor? Jedenfalls, es ergibt sich, er hat einen Ihrer Artikel gelesen und war davon hellauf begeistert — wie wahrscheinlich ist das denn wohl? Sie selbst haben geäußert, Ihre Arbeiten hätten keine sonderliche Verbreitung gefunden. Und damit nicht genug, die junge Dame, die uns zu ihm führt, erwähnt Gaia in aller Ausführlichkeit und behauptet, der Planet wäre im Hyperraum, als wolle sie sichergehen, daß wir ihn bestimmt nicht vergessen. Aber als wir Quintesetz danach fragen, benimmt er sich, als wolle er nicht darüber reden, und sorgt dafür, daß wir die Universität verlassen, er wirft uns jedoch nicht etwa hinaus, obwohl ich mich ihm gegenüber nicht allzu zimperlich benehme. Statt dessen nimmt er uns mit nach Hause, und unterwegs zeigt er uns die Fünf Schwestern. Er weist uns darauf hin, daß der schwache Stern in deren Mitte Gaia ist. Warum? Ist das nicht eine recht sonderbare Kette von Zufällen?«
»Wenn Sie sie in solcher Weise aufzählen…«, setzte Pelorat an.
»Man kann sie aufzählen, wie man will«, sagte Trevize. »Ich glaube nicht an derartig außergewöhnliche Ketten von Zufällen.«
»Was könnte es denn sonst zu bedeuten haben? Daß man uns in Richtung Gaia manövriert?«
»Ja.«
»Aber wer?«
»Sicherlich kann darüber doch wohl kein Zweifel bestehen«, sagte Trevize. »Wer ist denn dazu imstande, den menschlichen Geist zu beeinflussen, ihn unbemerkt dahin oder dorthin zu lenken, Entwicklungen in dieser oder jener Richtung zu steuern?«
»Sie wollen sagen, dahinter steckt die Zweite Foundation.«
»Nun, was hat man uns über Gaia erzählt? Daß sie unantastbar ist. Ganze Flotten, die sie angreifen wollten, sind vernichtet worden. Kein Mensch, der Gaia erreicht hat, ist je zurückgekehrt. Nicht einmal der Fuchs hat’s gewagt, gegen sie vorzugehen — und der Fuchs wurde wahrscheinlich dort geboren. Folglich liegt für meine Begriffe die Annahme nahe, daß Gaia Sitz der Zweiten Foundation ist — und die zu finden, ist ja mein letztendliches Ziel.«
Pelorat schüttelte den Kopf. »Aber nach der Darstellung etlicher Historiker war es die Zweite Foundation, die den Fuchs zur Strecke gebracht hat. Wieso sollte er einer von ihnen gewesen sein?«
»Er kann ein Renegat gewesen sein, würde ich sagen.«
»Aber weshalb sollte die Zweite Foundation uns so nachdrücklich zu ihrem Sitz manövrieren?«
Die Stirn gerunzelt, starrte Trevize blicklos geradeaus. »Lassen Sie’s uns mal durchdenken«, meinte er. »Allem Anschein nach war es der Zweiten Foundation immer sehr wichtig, daß der Galaxis so wenig Informationen wie möglich über sie zugänglich sind. Ihre Idealvorstellung geht dahin, daß ihre Existenz völlig unbekannt bleibt. Soviel wissen wir über sie. Hundertzwanzig Jahre lang hat man die Zweite Foundation für ausgemerzt gehalten — und das muß für sie so was wie ein Zustand der galaktischen Spitzenklasse gewesen sein. Aber als ich zu mutmaßen anfing, daß sie doch noch existiert, hat sie nichts unternommen. Compor wußte Bescheid. Sie hätten ihn benutzen können, um mich auf die eine oder andere Art und Weise zum Schweigen zu veranlassen — und sogar, um mich zu ermorden. Trotzdem hat sie nichts unternommen.«
»Sie sind arrestiert worden, falls Sie dafür die Zweite Foundation verantwortlich machen möchten«, sagte Pelorat. »Das Resultat war — nach dem, was Sie mir erzählt haben —, daß die Bevölkerung von Terminus nichts von Ihren Ansichten erfahren konnte. Soviel hätten die Leute von der Zweiten Foundation dann ohne Gewalt erreicht, und es kann ja durchaus sein, daß sie Anhänger von Salvor Hardins These sind, Gewalt sei das letzte Mittel der Unfähigen.«
»Aber meine Ansichten der Bevölkerung von Terminus vorzuenthalten, bewirkt doch gar nichts. Bürgermeisterin Branno kennt meine Meinung und muß sich — das ist das allerwenigste — doch immerhin die Frage stellen, ob ich nicht recht haben könnte. Deshalb ist es nun zu spät, um gegen uns vorzugehen, verstehen Sie? Hätten sie mich gleich anfangs aus dem Weg geräumt, bräuchten sie sich jetzt keine Sorgen mehr zu machen. Selbst wenn sie mich völlig in Ruhe gelassen hätten, wären sie wahrscheinlich jetzt trotzdem alle Sorgen los, denn gewiß wäre es ihnen gelungen, Terminus’ Öffentlichkeit einzuflüstern, ich sei ein Exzentriker, vielleicht gar ein Irrer. Das absehbare Scheitern meiner politischen Laufbahn hätte mich vermutlich bald zum Schweigen gezwungen, sobald ich gesehen hätte, was das öffentliche Vertreten meiner Auffassungen für Folgen haben müßte. Jetzt aber ist es zu spät, um überhaupt noch irgend etwas gegen uns unternehmen zu können. Angesichts der Situation war Bürgermeisterin Branno so mißtrauisch, uns Compor nachzuschicken und an Bord seines Raumschiffs — weil sie auch ihm nicht getraut hat, worin sie klüger war als ich — eine Hypersonde zu installieren. Folglich weiß sie also, daß wir uns auf Sayshell befinden. Und in der vergangenen Nacht, während Sie schliefen, habe ich über unseren Computer dem Computer des Botschafters der Foundation auf Sayshell direkte Mitteilung gemacht, daß wir nach Gaia aufbrechen. Ich habe mir sogar die Mühe gemacht, die Koordinaten durchzugeben. Sollte die Zweite Foundation uns jetzt noch irgendwie beseitigen, wird die Branno den Fall untersuchen lassen, da bin ich sicher — und die konzentrierte Aufmerksamkeit der Föderation ist bestimmt nichts, woran der Zweiten Foundation gelegen sein kann.«