»Aber würde die Aufmerksamkeit der Föderation sie denn überhaupt stören, wenn sie so mächtig ist?«
»Ja«, entgegnete Trevize mit Nachdruck. »Sie versteckt sich, weil sie irgendeine wesentliche Schwäche aufweisen muß und weil die Foundation technisch vielleicht schon fortgeschrittener ist, als selbst Seldon es voraussehen konnte. Diese sehr unauffällige, geradezu verstohlene Art, wie sie uns zu ihrer Welt dirigiert, verrät für meine Begriffe, wie sehr ihr daran liegt, nichts zu tun, was irgendwie Aufsehen erregen könnte. Und wenn es sich so verhält, wie ich annehme, dann hat sie bereits verloren — jedenfalls zum Teil —, denn sie hat bereits Aufmerksamkeit erregt, und ich bezweifle, daß sich noch etwas tun läßt, um die eingetretene Lage rückgängig zu machen.«
»Aber wozu nehmen sie das alles auf sich?« meinte Pelorat. »Warum riskieren sie das größte Unheil — falls Ihre Analyse korrekt ist —, indem sie uns gewissermaßen durch die ganze Galaxis zu sich lotsen? Was wollen sie von uns?«
Trevize musterte Pelorat und errötete. »Janov«, sagte er, »in dieser Hinsicht habe ich da ein gewisses Gefühl. Sie wissen, ich verfüge über diese Begabung, auf der Grundlage von so gut wie nichts zu richtigen Schlußfolgerungen zu gelangen. Ich empfinde eine Art von Gewißheit, die es mir sagt, wenn ich recht habe — und diese Gewißheit empfinde ich jetzt. An mir ist irgend etwas, das sie haben wollen — und zwar so sehr haben wollen, daß sie dafür sogar ihre Existenz selbst aufs Spiel setzen. Ich weiß nicht, was das sein könnte, aber ich werde es herausfinden, und dann werde ich dazu imstande sein, es für das zu verwenden, was ich für richtig erachte.« Er hob ein wenig die Schultern. »Möchten Sie mich immer noch begleiten, alter Freund, obwohl Sie nun sehen, was für ein Verrückter ich bin?«
»Ich habe gesagt«, antwortete Pelorat, »daß ich Ihnen vertraue. Das ist nach wie vor der Fall.«
Trevize lachte mit enormer Erleichterung. »Prächtig! Außerdem habe ich nämlich das Gefühl, daß Sie in dieser ganzen Angelegenheit eine wesentliche Rolle einnehmen. In diesem Fall, Janov, fliegen wir munter weiter nach Gaia, und zwar mit voller Geschwindigkeit. Vorwärts!«
56
Bürgermeisterin Harla Branno sah entschieden älter aus als ihre zweiundsechzig Jahre. Sie sah nicht immer älter aus, aber nun wirkte sie so. Sie war ausreichend in Gedanken versunken gewesen, um ihren Vorsatz zu vergessen, nicht in den Spiegel zu schauen, und auf dem Weg zum Kartenraum hatte sie ihr Spiegelbild gesehen. Infolgedessen war sie sich der Abgehärmtheit ihrer Erscheinung vollauf bewußt.
Sie seufzte. Die Politik zehrte sie auf. Fünf Jahre als Bürgermeisterin, vorher zwölf Jahre lang die wirkliche Inhaberin der Macht hinter zwei Strohmännern. Alles war ruhig und glatt abgelaufen, alles erfolgreich — und es war alles sehr anstrengend gewesen. Wie wäre es erst geworden, fragte sie sich, hätte sie echte Probleme gehabt, wären Fehlschläge und Desaster aufgetreten?
Für sie persönlich wäre es nicht übel gewesen, befand sie unversehens. Richtige Aktivitäten hätten sich belebend auf sie ausgewirkt. Das schreckliche Wissen um die Tatsache, daß nichts anderes möglich war als sich mittreiben zu lassen, war es gewesen, das sie so verhärmt hatte.
Der Seldon-Plan war es, der Erfolg hatte, und die Zweite Foundation war es, die dafür sorgte, daß ihm auch künftig Erfolg beschieden sein sollte. Sie jedoch — als die starke Hand am Steuerruder der Foundation (streng genommen der Ersten Foundation, aber auf Terminus dachte niemand daran, das Adjektiv hinzuzufügen) — schwamm lediglich auf den Schaumkronen mit.
Die Geschichte würde wenig oder gar nichts über sie zu berichten haben. Sie saß sozusagen an den Kontrollen eines Raumschiffs, das man in Wahrheit von außerhalb lenkte.
Selbst Indbur III. der Oberhaupt der Foundation gewesen war, als sie katastrophenartig dem Fuchs unterlag, hatte etwas getan. Er war wenigstens zusammengebrochen.
Von Bürgermeisterin Branno dagegen würde die Nachwelt sich überhaupt nichts erzählen können!
Es sei denn, dieser Golan Trevize, dieser gedankenlose Ratsherr, dieser Blitzableiter, machte es möglich…
Versonnen begutachtete sie die Sternkarte. Dabei handelte es sich nicht um die Art von Darstellung, wie moderne Computer sie boten. Vielmehr bestand die Karte aus einer dreidimensionalen Anhäufung von Lichtpünktchen, die die Galaxis mitten in der Luft holographisch abbildeten. Man konnte die Karte zwar nicht bewegen, nicht drehen, nicht erweitern und nicht verkleinern, doch man konnte um sie herumgehen und sie von allen Seiten betrachten.
Ein großer Ausschnitt der Galaxis, vielleicht ein Drittel ihrer Gesamtheit (ohne Berücksichtigung des galaktischen Kerns, der als lebensfeindliche Region galt), leuchtete rot auf, als die Bürgermeisterin einen Schalter drückte. Dieser Teil stellte die Foundation-Föderation dar, die über sieben Millionen bewohnten Welten, über die sie und der Rat regierten — die sieben Millionen bewohnten Welten, die Sitz und Stimme in der Versammlung der Welten hatten, die dort Dinge von geringerer Bedeutung debattierten und über sie abstimmten, aber sich niemals, wenn es sich nur irgendwie einrichten ließ, mit irgendeiner Sache von wirklicher Wichtigkeit befassen durften.
Die Bürgermeisterin betätigte eine weitere Schaltung, und in den Randzonen der Föderation glomm da und dort schwaches Rosa auf. Einflußsphären. Das war kein Territorium der Foundation, aber diese Regionen hätten es sich nicht einmal im Traum einfallen lassen, obwohl sie nominell unabhängig waren, sich irgendeiner Maßnahme der Foundation zu widersetzen.
Für die Branno stand es außer Frage, daß keine Macht in der Galaxis es mit der Foundation aufzunehmen vermochte, auch die Zweite Foundation nicht (wüßte man bloß, wo sie steckte), und sie hegte die Überzeugung, daß die Foundation eigentlich nur nach Belieben ihre Flotte moderner Raumschiffe loszuschicken brauchte, um ohne weitere Umstände das Zweite Imperium zu etablieren.
Doch seit den Anfängen des Seldon-Plans waren erst fünf Jahrhunderte verstrichen. Der Seldon-Plan legte zehn Jahrhunderte fest, bevor das Zweite Imperium gegründet werden konnte, und die Zweite Foundation achtete darauf, daß alles genau nach Plan verlief. Traurig schüttelte die Bürgermeisterin ihren grauen Kopf. Wenn die Foundation jetzt handelte, würde sie irgendwie scheitern. Obwohl ihre Raumschiffe unschlagbar waren, müßte zum jetzigen Zeitpunkt jede derartige Aktion mißlingen.
Es sei denn, daß Trevize, der Blitzableiter, den Blitz der Zweiten Foundation auf sich zog — und daß man den Blitz an den Ort seines Ursprungs zurückverfolgen konnte.
Sie schaute sich um. Wo blieb Kodell? Dies war kein Anlaß, bei dem er sich verspäten dürfte.
Als habe ihr Gedanke ihn hereingerufen, trat er ein, lächelte gutgelaunt, sah mit seinem grauweißen Schnurrbart und der sonnengebräunten Haut großväterlicher als je zuvor aus. Großväterlich, aber nicht alt. Ohnehin war er acht Jahre jünger als sie.