»Pardon, Bürgermeisterin, was haben Sie gesagt?«
»Ich selbst werde mit den Schiffen fliegen, die in Sayshells Grenzzonen patrouillieren. Ich will selber sehen, wie es um die Situation steht.«
Für einen Moment sackte Kodell der Unterkiefer herab. Er schluckte und gab dabei einen sehr vernehmlichen Laut von sich. »Verzeihung, Bürgermeisterin, aber das ist… wenig vernünftig.« Wenn jemals irgend jemandem ein stärkerer Ausdruck auf der Zunge gelegen hatte, dann ganz bestimmt bei dieser Gelegenheit Kodell.
»Vernünftig oder unvernünftig«, sagte die Branno heftig, »ich werde es tun! Ich habe Terminus und diese endlosen politischen Auseinandersetzungen satt, den persönlichen Zank, die Bündnisse und Gegenbündnisse, die Verrätereien und anschließenden Aussöhnungen. Siebzehn Jahre lang war ich mittendrin, und jetzt möchte ich etwas anderes tun — irgend etwas anderes. Dort draußen…« — sie winkte blindlings seitwärts — »wird vielleicht die ganze galaktische Geschichte verändert, und wenn’s so ist, will ich an diesem Prozeß teilhaben!«
»Aber Sie besitzen doch keinerlei Einblick in derartige Vorgänge, Bürgermeisterin.«
»Wer hat die schon, Liono?« Forsch erhob sich die Branno. »Sobald Sie mir die erforderlichen Informationen über die Raumschiffe gebracht und wir alles veranlaßt haben, damit hier der ganze Humbug weiterläuft, werde ich aufbrechen. Und versuchen Sie nicht, Liono, mich durch irgendwelche Manöver in meinem Entschluß zu behindern, sonst werde ich unsere alte Freundschaft im Handumdrehen beenden und Sie fallenlassen! Dazu bin ich auf jeden Fall in der Lage.«
Kodell nickte. »Das ist mir klar, Bürgermeisterin, aber darf ich Sie, ehe Sie sich endgültig entscheiden, nochmals bitten, die machtvolle Wirksamkeit von Seldons Plan zu berücksichtigen? Was Sie beabsichtigen, könnte auf Selbstmord hinauslaufen.«
»In dieser Beziehung mache ich mir keine Sorgen, Liono. Der Plan hat hinsichtlich des Fuchses versagt, den er nicht vorhergesehen hat und nicht vorhersehen konnte. Und ein prognostischer Fehler zur einen Zeit bedeutet, daß ein weiterer Fehler zu einer anderen Zeit möglich ist.«
Kodell seufzte. »Na schön, wenn Sie wahrhaftig fest dazu entschlossen sind, will ich Sie nach meinen besten Fähigkeiten und mit vorbehaltloser Loyalität unterstützen.«
»Gut. Trotzdem, ich warne Sie noch einmal, es ist besser für Sie, mit ganzem Herzen zu meinen, was Sie da reden! Und mit dieser Einstellung, Liono, wollen wir uns nun um Gaia kümmern. Vorwärts!«
Fünfzehntes Kapitel
Gaia-S
58
Sura Novi betrat den Kontrollraum des kleinen, ziemlich altmodischen Raumschiffs, das Stor Gendibal und sie in einer Reihe von wohlgeplanten Hypersprüngen über die Parseks hinwegbeförderte.
Offenbar war sie im kompakt beschaffenen Bad gewesen, wo Öle, warme Luft und ein Minimum an Wasser ihren Körper aufgefrischt hatten. Sie kam in ein Badetuch gewickelt und hielt es in krampfhafter Darstellung von Züchtigkeit fest um sich gedrückt. Ihr Haar war trocken, aber noch wirr.
»Meister?« sprach sie Gendibal mit leiser Stimme an.
Gendibal hob den Blick von seinen Karten und dem Computer. »Ja, Novi?«
»Ich bin platt vor Verlegensein, Meister…« Sie verstummte und setzte dann langsam noch einmal an. »Tut mir leid, daß ich stören muß, Meister, aber…« — und hier entgleiste sie erneut — »ich kann mei Klamotten nich finden.«
»Ihre Kleidung, meinen Sie?« Einen Moment lang starrte Gendibal sie begriffsstutzig an, dann stand er mit merklich schlechtem Gewissen auf. »Novi, ich habe ganz vergessen, Ihnen Bescheid zu sagen. Die Sachen mußten gereinigt werden, sie sind im Detergentapparat. Sie sind sauber, getrocknet, gefaltet, völlig fertig. Ich hätte sie herausnehmen und Ihnen unübersehbar hinlegen sollen. Ich hab’s vergessen.«
»Ich wollte nicht… nicht…« — sie schaute an sich hinab — »…anstößig rumlaufen.«
»Das hat doch nichts mit ›anstößig‹ zu tun«, sagte Gendibal erheitert. »Hören Sie, ich verspreche Ihnen, wenn diese ganze Angelegenheit ausgestanden ist, werde ich veranlassen, daß Sie jede Menge neue Kleider erhalten — und nicht nur neu, sondern auch nach der neusten Mode. Wir sind in unziemlicher Hast aufgebrochen, und mir ist überhaupt nicht eingefallen, daß ich Ihnen einiges in der Art zur Verfügung stellen müßte, aber wir beide sind hier ganz allein an Bord, Novi, wir werden für einige Zeit zusammen an Bord leben, und daher ist es nicht nötig, viel Wirbel um… um so etwas… so was wie…« Er gestikulierte vage, bemerkte plötzlich den entsetzten Blick in ihren Augen und dachte: Nun ja, sie ist eben vom Land und hat ihre Grundsätze — wahrscheinlich hätte sie nichts gegen Anstößigkeiten der unheimlichsten Art, solange sie nur dabei die Kleider anbehalten darf.
Doch dann schämte er sich und war froh, daß es sich bei ihr um keine ›Forscherin‹ handelte, die seine Gedanken hätte erkennen können. »Soll ich Ihnen die Sachen holen?« fragte er.
»O nein, Meister. Das is nix fier dich… Ich meine, danke, ich weiß jetzt, wo sie sind.«
Als er sie das nächste Mal sah, war sie ordnungsgemäß angekleidet und hatte das Haar gekämmt. Ihre Scheu ließ sich deutlich spüren. »Tut mir leid, Meister, ich schäme mich, weil ich mich so… unerhör… ungehörig benommen habe. Ich hätte die Sachen allein finden können.«
»Macht nichts«, antwortete Gendibal. »Sie kommen mit dem Galakto-Standard gut voran, Novi. Sie eignen sich die ›Forschersprache‹ recht schnell an.«
Sura Novi lächelte plötzlich. Ihre Zähne waren ein wenig unregelmäßig, aber das beeinträchtigte kaum die Weise, wie ihre Miene sich aufhellte und ihr Gesicht fast reizvoll aussah, wenn man sie lobte, fand Gendibal. Er gestand sich, daß das wohl der Grund war, warum er sie so gerne lobte.
»Die Hamer werden wenig davon halten, wenn ich wieder daheim bin«, sagte sie. »Sie werden sagen, ich tät ein… ich wäre ein Wortdrechsler. So nennen sie jeden, der… naja, sonderbar spricht. Sie mögen solche Leute nicht.«
»Ich bezweifle, daß Sie zu den Hamer zurückkehren werden, Novi«, sagte Gendibal. »Ich bin sicher, an der Universität — ich meine, bei den Forschern — wird nach wie vor für Sie Platz sein, sobald das hier vorbei ist.«
»Das tät mich… würde mir echt gefallen, Meister.«
»Wäre es Ihnen nicht lieber, mich mit ›Sprecher Gendibal‹ anzureden, oder einfach mit…« Da sah er ihren indignierten Blick, der alle möglichen Einwände verhieß, und sparte sich den Rest. »Nein, ich sehe, Sie möchten’s nicht«, sagte er statt dessen. »Na schön, auch gut.«
»So was wäre nicht richtig, Meister. Aber darf ich fragen, wann das vorbei sein wird?«
Gendibal schüttelte den Kopf. »Das weiß ich selber nicht so recht. Vorerst muß ich so schnell wie möglich ein bestimmtes Ziel anfliegen. Leider ist dies Raumschiff, obwohl es ein sehr gutes Schiff seines Typs ist, reichlich langsam, und ›so schnell wie möglich‹ ist bedauerlicherweise nicht allzu schnell. Sie sehen ja, ich muß…« — er deutete auf den Computer und die Karten — »verschiedene Phasen ausarbeiten, in denen wir größere räumliche Entfernungen zurücklegen können, aber der Computer besitzt nur beschränkte Fähigkeiten, und ich bin nicht besonders geschickt in diesen Dingen.«
»Mußt du schnell dorthin, weil Gefahr droht, Meister?«