»Wie kommen Sie auf die Idee, es könne eine Gefahr bestehen, Novi?«
»Manchmal schau ich dir ins Gesicht, Meister, wenn du’s, glaube ich, nicht merkst, und dann sieht dein Gesicht aus, als ob… Ich weiß nicht, was für ’n Wort ich gebrauchen soll. Nicht nach Fierchten… ich meine, nach Furcht… auch nicht, als ob du mit Schlimmem rechnest.«
»Angespannt«, murmelte Gendibal.
»Du siehst… besorgt aus. — Ist das das Wort?«
»Kommt darauf an. Was meinen Sie mit ›besorgt‹, Novi?«
»Ich meinte, du siehst aus, als ob du denkst: ›Was soll ich in diesen großen Schwierigkeiten bloß als nächstes tun?‹«
Gendibal wirkte betroffen. »Das ist ›besorgt‹ — aber erkennen Sie das in meinem Gesicht, Novi? Am Sitz der Forscher achte ich immer sehr darauf, daß niemand irgend etwas in meiner Miene sehen kann, aber ich habe gedacht, allein im All — das heißt, lediglich in Ihrer Begleitung — könnte ich mich einmal entspannen und mein Gesicht sozusagen in der Unterwäsche herumsitzen lassen. Entschuldigung, ich wollte Sie nicht in Verlegenheit bringen. Ich wollte eigentlich sagen, wenn Sie eine so gute Beobachterin sind, muß ich natürlich wieder vorsichtiger sein. Ab und zu muß ich mich wieder daran gewöhnen, daß auch Nicht-Mentalisten scharfsinnige Schlußfolgerungen zu ziehen vermögen.«
Sura Novi machte einen entgeisterten Eindruck. »Jetzt kapiere ich überhaupt nichts mehr, Meister.«
»Ich rede mehr oder weniger mit mir selbst, Novi. Sie brauchen nicht besorgt zu sein. Sehen Sie, da ist das Wort wieder.«
»Aber droht denn Gefahr?«
»Es gibt ein Problem, Novi. Ich weiß nicht, was ich vorfinden werde, wenn ich Sayshell erreiche — das ist, wohin wir fliegen. Möglicherweise gerate ich in eine sehr heikle Situation.«
»Heißt das nicht — in Gefahr?«
»Nein, denn ich werde mit der Lage fertigwerden können.«
»Wie kannst du das vorhersagen?«
»Weil ich ein… ein Forscher bin. Von allen der beste. Es gibt nichts in der Galaxis, womit ich nicht fertigwerden könnte.«
»Meister, ich will nicht Sachen reden, wo mich… mir nicht zustehen…« — ein Ausdruck verzerrte Sura Novis Gesicht, der an Verzweiflung grenzte — »und dich nicht verärgern. Ich habe gesehen, wie du mit dem groben Klotz Rufirant umgesprungen bist, da warst du ja in Gefahr — und er war nur ein Hamer-Farmer. Aber diesmal weiß ich nicht, was dich erwartet… und du weißt’s auch nicht.«
Gendibal fühlte sich gerührt. »Fürchten Sie sich, Novi?«
»Nicht wegen mir, Meister. Ich fürchte… ich bin besorgt… um dich.«
»Sie können ruhig ›Ich fürchte um dich‹ sagen«, meinte Gendibal leise. »Das ist auch gutes Galakto-Standard.«
Für einen Moment war er in Gedanken versunken. Dann hob er den Blick und ergriff Sura Novis recht rauhe Hände. »Novi«, sagte er dann, »ich möchte nicht, daß Sie sich aus irgendeinem Grund fürchten. Lassen Sie mich etwas erklären. Sie wissen ja, wie Sie an meinem Gesichtsausdruck sehen konnten, daß Gefahr besteht — oder vielmehr, bestehen könnte —, fast als ob Sie dazu imstande wären, meine Gedanken zu lesen?«
»Ja?«
»Und ich kann noch viel besser als Sie Gedanken lesen. Forscher lernen das, und ich bin ein sehr tüchtiger Forscher.«
Sura Novis Augen weiteten sich, und sie entzog ihm ihre Hände. Ihr schien der Atem zu stocken. »Du kannst meine Gedanken lesen?«
Hastig hob Gendibal einen Finger. »Ich lese Ihre Gedanken ja nicht, Novi. Ich lese sie nicht, außer es müßte sein. Ihre Gedanken lese ich nicht.«
(Er wußte, daß er — unter praktischen Gesichtspunkten betrachtet — die Unwahrheit sagte. Es war für jemanden wie ihn unmöglich, sich in Sura Novis Gegenwart aufzuhalten, ohne zumindest die Grundstimmung dieser oder jener ihrer Gedanken zu bemerken. Dafür brauchte man eigentlich kaum Zweitfoundationist zu sein. Gendibal spürte, daß er um ein Haar errötet wäre. Aber eine solche Haltung, wie sie ihm gegenüber einnahm, schmeichelte nun einmal, auch wenn sie nur eine Hamerin war. Auf jeden Fall, er mußte sie beruhigen, schon aufgrund von Erwägungen allgemeiner Mitmenschlichkeit…)
»Außerdem bin ich dazu fähig, das Denken von Leuten zu verändern«, sagte er. »Ich kann bewirken, daß jemand Schmerz empfindet. Ich kann…«
Doch Sura Novi schüttelte den Kopf. »Wie kannst du das alles tun, Meister? Rufirant…«
»Vergessen Sie Rufirant«, sagte Gendibal geringschätzig. »Ich hätte ihm im Handumdrehen Einhalt gebieten können. Ich hätte ihn wie einen Sack Kartoffeln zu Boden stürzen lassen können. Alle diese Hamer hätte ich…« Er unterbrach sich plötzlich, weil er aufgrund seiner Prahlerei Unbehagen verspürte, weil er begriff, daß er es darauf anlegte, diese Provinzlerin zu beeindrucken. Und sie schüttelte nach wie vor den Kopf.
»Meister«, meinte sie, »du versuchst mir die Furcht auszureden, aber ich fürchte mich sowieso nicht, außer um dich, also ist das gar nicht nötig. Ich weiß, daß du ein großer Forscher bist, du kannst so ein Raumschiff durch das All fliegen, obwohl mir’s so vorkommt, niemand könnte so was tun, ohne… ich meine, es könnte eigentlich gar nicht möglich sein, ohne sich… zu verirren. Und du benutzt Maschinen, von denen ich nichts verstehe… die kein Hamer jemals verstehen könnte. Und du brauchst mir auch nichts von diesen Kräften in deinem Geist zu erzählen, wo ich nicht glauben kann, daß sie so sind, denn alle die Sachen, die du mit Rufirant hättest machen können, wie du gesagt hast, die hast du nicht mit ihm gemacht, obwohl du doch in Gefahr warst.«
Gendibal preßte die Lippen aufeinander. Laß es dabei, sagte er sich. Wenn diese Frau darauf beharrt, daß sie nicht um sich selbst fürchtet, laß es dabei! Aber er wollte nicht, daß sie ihn für einen Schwächling und Weichling hielt. Das wollte er schlichtweg nicht.
»Wenn ich Rufirant nichts getan habe«, sagte er, »dann deshalb, weil ich gar nicht den Wunsch hatte, ihm etwas zu tun. Wir Forscher dürfen den Hamern niemals irgend etwas antun. Wir sind auf ihrer Welt Gäste. Verstehen Sie, was ich meine?«
»Ihr seid unsere Herren und Meister. Das sagen wir unter uns immer.«
Einen Augenblick lang schweiften Gendibals Überlegungen ab. »Und wieso hat dieser Rufirant mich trotzdem angegriffen?«
»Ich weiß nicht«, sagte sie bloß. »Ich glaube, er hat nicht gewußt, was er da tat. Er muß im Kopp bekloppt… ich meine, er muß nicht bei klarem Verstand gewesen sein.«
Gendibal stieß ein Brummen aus. »Jedenfalls, wir tun den Hamer unsererseits niemals etwas. Hätte ich mich dazu verleiten lassen, ihn mit… mit Gewalt aufzuhalten, die anderen Forscher hätten dann ziemlich schlecht von mir gedacht, und vielleicht wäre ich dadurch um meine Position gebracht worden. Um zu verhindern, daß mir ernster Schaden zugefügt wird, hätte ich ihn höchstens ein ganz kleines bißchen beeinflussen dürfen… so wenig wie nur möglich.«
Sura Novi senkte den Kopf. »Dann hätte ich mich ja gar nicht dazwischenwerfen müssen, als wäre ich selbst ’ne Närrin.«
»Sie haben vollkommen richtig gehandelt«, sagte Gendibal. »Wie ich gerade gesagt habe, es wäre falsch von mir gewesen, gegen ihn vorzugehen, so oder so, und durch Ihr Eingreifen haben Sie’s überflüssig gemacht, daß ich meinerseits etwas gegen ihn unternehme. Sie haben ihn aufgehalten, und das haben Sie gut gemacht. Ich bin Ihnen dafür dankbar.«
Wieder lächelte sie, diesmal regelrecht selig. »Jetzt verstehe ich, warum du so freundlich zu mir gewesen bist, Meister.«
»Natürlich, ich war sehr froh«, sagte Gendibal leicht verlegen. »Aber am wichtigsten ist, Sie sehen nun ein, es droht keine echte Gefahr. Ich kann mich gegen eine ganze Armee normaler Menschen durchsetzen. Das kann jeder Forscher vor allem die wichtigen Leute unter ihnen —, und wie ich schon erwähnt habe, ich bin der Beste von allen. In der ganzen Galaxis gibt es niemanden, der mir widerstehen könnte.«