»Ich bin ja nur Mythologe«, meinte Pelorat, »aber hätten wir die Spektralklasse, der Gaia-S angehört, nicht schon von Sayshell aus feststellen können?«
»Gewiß, und wir haben’s auch getan, aber es schadet nie, sich aus der Nähe noch einmal zu vergewissern. Gaia-S hat ein Planetensystem, durchaus keine Überraschung. Zwei Gasriesen sind in der Erfassung, einer von ihnen sieht groß und hübsch aus — falls der Computer die Entfernungen akkurat gemessen hat. Es könnte noch einer auf der anderen Seite des Sterns und deshalb weniger leicht zu orten sein, wir befinden uns nämlich zufällig ziemlich genau auf der Ebene der planetaren Umlaufbahnen. In den inneren Regionen kann ich nichts feststellen, was mich auch nicht überrascht.«
»Ist das schlecht?«
»Eigentlich nicht. So was ist zu erwarten. Bewohnbare Planeten bestehen zumeist aus Fels und Metall und sind erheblich kleiner als Gasriesen, sie umkreisen ihre Sonne auch in geringerer Distanz, damit’s warm genug ist — und auf alle Fälle lassen sie sich aus dieser Entfernung viel schlechter orten. Das heißt, wir müssen noch wesentlich näher herangehen, um die Zone im Umkreis von vier Mikroparsek um Gaia-S zu untersuchen.«
»Ich bin bereit.«
»Ich nicht. Wir vollführen den Hypersprung morgen.«
»Warum erst morgen?«
»Warum nicht? Wir wollen ihnen einen Tag zugestehen, um aus ihrem Loch zu kommen und nach uns zu haschen — und uns, damit wir womöglich rechtzeitig abhauen können, wenn wir sie kommen sehen und von dem, was wir sehen, wenig begeistert sind.«
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Sie vollzogen die weitere Annäherung langsam und vorsichtig. Während der Tag verging, veranlaßte Trevize grimmig entschlossen die Berechnung mehrerer verschiedener Annäherungskurse und versuchte, sich irgendwie für einen Kurs zu entscheiden. Mangels klarer Daten konnte er sich nur auf seine Intuition stützen, die ihm jedoch unglücklicherweise diesmal gar nichts eingab. Ihm fehlte die ›Gewißheit‹, die er manchmal empfand.
Schließlich leitete er einen weiteren Hypersprung ein, der sie auf größeren Abstand zur Ebene der planetaren Umlaufbahnen brachte.
»Dadurch erhalten wir einen besseren Überblick der Region als Ganzes«, erläuterte er, »weil wir die Planeten in jeder Phase ihrer Umlaufbewegungen aus optimaler Distanz von der Sonne beobachten können. Und sie — wer sie auch sein mögen — sind vielleicht weniger wachsam, was den Raum außerhalb der Ebene der Planetenumlaufbahnen betrifft… — hoffe ich wenigstens.«
Sie nahmen zu Gaia-S nunmehr den gleichen Abstand ein wie der nächste und größte der Gasriesen und blieben von ihm etwa eine halbe Milliarde Kilometer entfernt. Pelorat zuliebe holte Trevize ihn in voller Vergrößerung auf den Bildschirm. Er bot einen eindrucksvollen Anblick, selbst wenn man die drei kärglich dünnen, engen Ringe aus kosmischen Trümmern außer acht gelassen hätte.
»Er hat den üblichen Haufen von Satelliten«, sagte Trevize, »aber bei dieser Distanz von Gaia-S ist klar, daß keiner davon bewohnbar sein kann. Es ist auch keiner von ihnen von Menschen besiedelt, die unter einer transparenten Kuppel oder anderen artifiziellen Bedingungen leben.«
»Woher wissen Sie das?«
»Es sind keine Radioquellen mit Charakteristika vorhanden, die auf einen intelligenten Ursprung hinweisen. Natürlich ist es denkbar…« — er schränkte seine Erklärung sofort ein —, »daß ein wissenschaftlicher Außenposten viel Mühe darauf verwendet, seine Radiosignale abzuschirmen, und der Gasriese erzeugt überdies starke eigene Radiostrahlung, die überlagern könnte, wonach ich gesucht habe. Aber unsere Radiorezeptoren sind sehr empfindlich, und unser Computer ist außerordentlich leistungsfähig. Ich würde sagen, die Wahrscheinlichkeit, daß diese Satelliten von Menschen bewohnt werden, ist äußerst gering.«
»Heißt das, es gibt gar keine Gaia?«
»Nein. Es heißt allerdings, falls es Gaia gibt, hat man sich dort nicht die Mühe gemacht, diese Satelliten zu besiedeln. Vielleicht fehlt’s an der Kapazität — oder am Interesse.«
»Also, existiert Gaia, oder nicht?«
»Geduld, Janov! Geduld!«
Trevize betrachtete das All mit allem Anschein nach grenzenloser Gelassenheit. »Offen gestanden«, sagte er zwischendurch einmal, »die Tatsache, daß bis jetzt noch niemand zum Vorschein gekommen ist, um sich mit uns zu befassen, ist in gewisser Hinsicht entmutigend. Wären bei ihnen die Fähigkeiten vorhanden, die man ihnen zuschreibt, hätten sie sich doch bestimmt schon gezeigt und auf unsere Ankunft reagiert.«
»Man kann vermutlich noch immer nicht ausschließen«, meinte Pelorat mißmutig, »daß es sich bei all dem Gemunkel um Gaia bloß um Hirngespinste handelt.«
»Nennen Sie’s einen Mythos, Janov«, sagte Trevize mit verzerrtem Lächeln, »und ich teile Ihre Auffassung. Trotzdem, dort bewegt sich ein Planet im ökosphärischen Bereich seines Zentralgestirns, und das bedeutet, er kann bewohnbar sein. Ich möchte ihn wenigstens einen Tag lang unter Observation halten.«
»Warum?«
»Zunächst einmal, um mich davon zu überzeugen, daß er bewohnbar ist.«
»Gerade haben Sie doch gesagt, er befände sich innerhalb des ökosphärischen Bereichs, Golan.«
»Ja, gegenwärtig befindet er sich darin. Aber seine Umlaufbahn könnte sehr exzentrisch sein und ihn bis auf ein Mikroparsek dem Stern nähern oder ihn auf fünfzehn Mikroparsek von ihm entfernen, oder sogar beides. Wir müssen die Distanz des Planeten von Gaia-S feststellen und mit seiner Umlaufgeschwindigkeit vergleichen — und es wäre auch eine Hilfe, die Richtung seiner Bewegung zu ermitteln.«
61
Noch ein Tag verging.
»Die Umlaufbahn ist nahezu kreisförmig«, sagte Trevize schließlich, »und das besagt, eine Bewohnbarkeit des Planeten ist höchstwahrscheinlich gegeben. Aber noch immer kommt niemand heraus, um sich uns vorzuknöpfen. Wir müssen also noch näher ran.«
»Wieso brauchen Sie zur Zeit so lange, um einen Hypersprung vorzubereiten?« wollte Pelorat wissen. »Sie machen doch nur ganz kurze Sprünge.«
»Hör sich mal einer das an! Kurze Sprünge sind bedeutend schwieriger als weite Sprünge. Was ist schwieriger, einen Stein aufzuheben oder ein winziges Sandkörnchen? Außerdem ist Gaia-S nahe, und daher der Raum scharf gekrümmt. Das kompliziert die Berechnungen sogar für unseren Computer. Sogar ein Mythologe sollte das einsehen.«
Pelorat ließ ein Brummen vernehmen.
»Sie können den Planeten jetzt mit bloßem Auge erkennen«, ergänzte Trevize. »Genau hier. Sehen Sie ihn? Seine Rotationsperiode beträgt ungefähr zweiundzwanzig Stunden nach Galaktischer Standardzeit, die Achsenneigung macht zwölf Grad aus. Er ist praktisch das Musterbeispiel eines bewohnbaren Planeten, geradezu wie aus dem Lehrbuch, und er besitzt Leben.«
»Woraus ersehen Sie das?«
»Die Atmosphäre enthält erhebliche Mengen freien Sauerstoffs. Ohne ausgedehnte Vegetation ist so etwas unmöglich.«
»Und wie steht’s mit intelligentem Leben?«
»Das hängt von der Analyse der Radiowellenstrahlung ab. Natürlich könnte es dort intelligentes Leben haben, nehme ich an, das aller Technik entsagt hat, aber das kommt mir reichlich unwahrscheinlich vor.«
»Solche Fälle hat’s aber schon gegeben«, sagte Pelorat.
»Ich glaub’s Ihnen aufs Wort. Das ist Ihr Fachgebiet. Allerdings halte ich es für wenig wahrscheinlich, daß es auf einer Welt, die einmal sogar den Fuchs abgeschreckt hat, lediglich noch Leute mit rein pastoraler Gesinnung gibt.«