»Hat sie einen Satelliten?« fragte Pelorat.
»Ja, hat sie«, antwortete Trevize sachlich.
»Wie groß?« hakte Pelorat mit plötzlich gepreßter Stimme nach.
»Kann ich noch nicht genau sagen. Vielleicht hundert Kilometer Durchmesser.«
»Meine Güte«, sagte Pelorat grüblerisch, »ich wünsche wirklich, ich würde einen größeren Schatz an Schimpfwörtern kennen, als mir geläufig ist… aber es bestand ja immerhin eine kleine Chance, daß…«
»Sie meinen, hätte sie einen Riesensatelliten, könnte sie tatsächlich die Erde selbst sein?«
»Ja, aber sie ist’s eindeutig nicht.«
»Tja, wenn Compor recht hat, kann die Erde sich sowieso nicht in dieser galaktischen Region befinden. Sie soll ja im Bereich des Sirius sein. Tut mir wirklich leid für Sie, Janov.«
»Ach, macht nichts.«
»Hören Sie, wir werden abwarten und noch einen kleinen Hypersprung riskieren. Sollten wir keine Anzeichen intelligenten Lebens feststellen, dürfte es gefahrlos möglich sein, zu landen — bloß hätten wir dann eigentlich keinen Grund zum Landen, oder?«
62
»Jetzt ist alles klar, Janov«, sagte Trevize nach dem nächsten Sprung mit Staunen in der Stimme. »Das ist Gaia, soviel dürfte feststehen. Zumindest ist eine technisierte Zivilisation vorhanden.«
»Ersehen Sie das aus den Radiowellen?«
»Aus etwas, das noch viel unmißverständlicher ist. Eine Raumstation umkreist den Planeten. Sehen Sie das da?«
Der Bildschirm zeigte ein Objekt. Für Pelorats ungeübte Augen wirkte es nicht allzu bemerkenswert. »Artifiziell«, stellte dagegen Trevize sofort klar, »Metall, zudem eine Radioquelle.«
»Was fangen wir jetzt an?«
»Für eine Weile erst einmal gar nichts. Auf einer solchen technischen Stufe ist es ausgeschlossen, daß sie uns nicht entdecken. Falls sie nach einiger Zeit noch immer nichts unternommen haben, werde ich ihnen einen Funkspruch schicken. Wenn auch danach noch nichts geschehen sollte, werde ich vorsichtig nähergehen.«
»Und wenn sie irgend etwas tun?«
»Das kommt darauf an, was es ist. Falls es mir nicht gefällt, werde ich eben die Tatsache der geringen Wahrscheinlichkeit, daß sie irgendwelche Errungenschaften besitzen, die mit der Hypersprungtüchtigkeit unseres Raumers zu vergleichen sind, zu unserem Vorteil ausnutzen.«
»Sie meinen, wir werden abhauen?«
»Flott wie ein Hyperraumgeschoß.«
»Aber dann wären wir anschließend ja nicht klüger als vorher.«
»So betrachte ich das keineswegs. Zumindest wissen wir dann, daß Gaia wirklich existiert, daß es dort eine funktionierende Technik gibt und daß es dies oder jenes zur Verfügung hat, das unsereins einen Schrecken einjagen kann.«
»Wir sollten uns aber nicht zu leicht erschrecken lassen, Golan.«
»Nun-nun, Janov, ich weiß, Sie sind auf nichts in der Galaxis so versessen wie auf irgendwelche Erkenntnis über die Erde, aber berücksichtigen Sie bitte, daß ich ihre Monomanie nicht mit Ihnen gemein habe. Wir sitzen in einem unbewaffneten Raumschiff, und die Menschen da unten sind vielleicht jahrhundertelang isoliert gewesen. Stellen Sie sich mal vor, sie haben noch nie von der Foundation gehört und sehen daher keinen Anlaß, vor ihr Respekt zu haben. Oder denken Sie daran, dort könnte ja tatsächlich die Zweite Foundation hausen, und sobald sie uns in der Hand hat und womöglich schon sauer genug auf uns ist —, werden wir vielleicht nie wieder die gleichen wie vorher sein. Möchten Sie riskieren, daß man Ihnen das Bewußtsein durchpustet und Sie anschließend merken, Sie sind kein Mythologe mehr und haben nicht länger die geringste Ahnung von irgendwelchen Legenden und dergleichen?«
Pelorat schnitt ein grimmiges Gesicht. »Tja, wenn Sie’s so darstellen… Aber falls wir abhauen müssen, was machen wir danach?«
»Ganz einfach. Wir kehren mit unseren Neuigkeiten zurück nach Terminus. Oder jedenfalls so nahe heran, wie die Alte dort es uns erlaubt. Dann können wir Gaia möglicherweise noch einmal aufsuchen — ohne viel Umstände und ohne alle diese langwierigen Vorsichtsmaßnahmen —, und zwar mit einem bewaffneten Schiff, wenn nicht sogar mit einer ganzen waffenstarrenden Flotte. Es kann sein, daß dann alles völlig anders aussieht.«
63
Sie warteten. Das Abwarten war ihnen bereits zur Routine geworden. Während der Annäherung an Gaia verbrachten sie weit mehr Zeit mit Warten, als sie im Laufe des Flugs von Terminus nach Sayshell damit zugebracht hatten.
Trevize schaltete den Computer auf Automatikalarm und war im übrigen nonchalant genug, um in seinem Polstersessel ein Nickerchen zu machen.
Infolgedessen schrak er gehörig auf, als der Alarm dann tatsächlich zu schrillen begann. Pelorat kam in Trevizes Kabine gestürzt, nicht weniger aufgescheucht. Er war beim Rasieren gestört worden.
»Haben wir eine Mitteilung empfangen?« fragte Pelorat nach.
»Nein«, erwiderte Trevize mit Nachdruck. »Wir sind in Bewegung geraten.«
»In Bewegung? — Wohin?«
»In Richtung Raumstation.«
»Wieso denn das?«
»Ich weiß es auch nicht. Der Antrieb ist aktiv, und der Computer reagiert nicht auf mich — aber wir bewegen uns. Janov, jetzt haben sie uns gepackt! Wir haben uns ein bißchen zu dicht an Gaia herangewagt.«
Sechzehntes Kapitel
Konvergenz
64
Als Stor Gendibal endlich Compors Raumer auf seinem Bildschirm erspähte, fühlte er sich wie am Ende einer unglaublich langen Reise. Aber natürlich stand er nicht am Ende, sondern erst am Anfang. Der Flug von Trantor nach Sayshell war nichts als ein Vorspiel gewesen.
Sura Novi wirkte beeindruckt. »Ist das ein anderes Weltallschiff, Meister?«
»Ein Raumschiff. Ja, Novi, das ist eines. Genau das, auf das ich es schon die ganze Zeit abgesehen habe. Es ist größer als das hier — und besser. Es kann den Raum so schnell durchqueren, daß unser Schiff, falls das andere uns davonfliegen würde, es nicht einholen, ja es nicht einmal verfolgen könnte.«
»Schneller als ein Raumschiff der Meister?« Diese Vorstellung entsetzte Sura Novi anscheinend regelrecht.
Gendibal zuckte die Achseln. »Ich mag, wie du’s nennst, ein Meister sein, aber ich bin nicht in allen Dingen Meister. Wir Forscher haben keine derartigen Raumschiffe, und uns fehlen auch etliche von den Gerätschaften, die den Eigentümern dieser anderen Raumer zur Verfügung stehen.«
»Aber wie kommt es denn nur, daß den Forschern solche Sachen fehlen, Meister?«
»Weil wir Meister in dem sind, was wirklich wichtig ist. Die Vorteile in bezug auf das Material, die die anderen haben, nutzen ihnen in Wahrheit wenig.«
Sura Novi runzelte nachdenklich die Stirn. »Ich finde, wenn jemand so schnell sein kann, daß kein Meister es schafft, ihm zu folgen, ist das durchaus kein geringer Vorteil. Wer sind diese Leute, die so wundertolle… die solche Dinge haben?«
Gendibal war erheitert. »Sie nennen sich die Foundation. Hast du schon einmal von der Foundation gehört?«
(Ihm stellte sich unvermutet die Frage, was die Hamer über die Galaxis wissen mochten und was nicht und wieso die Sprecher nie auf den Gedanken gekommen waren, sich diese Frage zu stellen. Oder hatte nur er allein sich bisher diese Frage noch nicht gestellt — war er der einzige Zweitfoundationist, der glaubte, die Hamer hätten an nichts Interesse, außer im Erdreich zu buddeln?)
Sura Novi schüttelte versonnen den Kopf. »Davon habe ich noch nie was gehört, Meister. Als der Schulmeister mir die Schriftlehre beigebracht hat — das Lesen, meine ich —, ist von ihm auch erzählt worden, daß es noch viele andere Welten gibt, und er hat auch von ein paar die Namen genannt. Er sagte, unsere Hamer-Welt hätte richtig den Namen Trantor und früher mal über alle anderen Welten geherrscht. Damals wäre Trantor ganz mit schimmerndem Eisen bedeckt gewesen, und da hätte ein Kaiser gewohnt, ein Alles-und-Jedes-Meister.«