Sie hob ihren Blick mit schüchterner Belustigung zu Gendibal. »Das meiste von allem glaube ich aber nich, nee. In den Zeiten, wo die Abende länger sind, werden in den Versammlungshallen von den Wortwebern viele Geschichten erzählt. Als ich noch ein kleines Mädchen war, habe ich sie alle geglaubt, aber wie ich älter geworden bin, habe ich gemerkt, daß viele nicht stimmen. Heute glaube ich kaum noch was davon, vielleicht gar nichts mehr. Sogar Schulmeister erzählen Unglaubliches.«
»Trotzdem, Novi, diese eine Geschichte eures Schulmeisters ist wahr — aber was er erzählt hat, liegt schon sehr lange zurück. Früher war Trantor wirklich mit Metall überzogen, und es gab tatsächlich einen Kaiser auf Trantor, der die gesamte Galaxis regiert hat. Heute sind es allerdings die Leute der Foundation, die eines Tages die ganze Galaxis regieren werden. Sie gewinnen ständig an Macht.«
»Sie werden alles beherrschen, Meister?«
»Nicht unverzüglich. In fünfhundert Jahren.«
»Und sie werden dann auch Herren über die Meister sein?«
»Nein, nein. Sie werden die Welten regieren. Wir dagegen werden sie regieren — im Interesse ihrer Sicherheit und der Sicherheit der Welten.«
Sura Novi dachte bereits wieder weiter. »Meister«, wollte sie wissen, »haben die Leute von der Foundation viele von diesen wunderbaren Raumschiffen?«
»Ich nehm’s an, Novi.«
»Und andere Dinge, die… sehr erstaunlich sind?«
»Sie haben starke Waffen der verschiedensten Art.«
»Können sie dann nicht schon jetzt die Herrschaft über alle Welten antreten?«
»Nein, das können sie nicht. Die Zeit ist noch nicht reif.«
»Aber warum denn nicht? Würden die Meister sie daran hindern?«
»Das brauchen wir gar nicht, Novi. Selbst wenn wir überhaupt nichts täten, würde es ihnen nicht gelingen, schon jetzt ihren Machtbereich auf alle Welten auszudehnen.«
»Aber was würde sie denn daran hindern?«
»Sieh mal«, begann Gendibal, »es gibt da einen Plan, den hat sich ein weiser Mann ausgedacht…«
Er verstummte, lächelte andeutungsweise und schüttelte dann den Kopf. »Das läßt sich nur sehr schwer erklären, Novi. Vielleicht kommen wir ein anderes Mal dazu. Möglicherweise wirst du’s, wenn du siehst, was geschieht, bis wir nach Trantor zurückkehren, auch ohne meine Belehrungen begreifen.«
»Was wird denn geschehen, Meister?«
»Da bin ich mir noch nicht sicher, Novi. Aber es wird alles gut ausgehen.«
Er wandte sich ab und machte sich daran, mit Compor Verbindung aufzunehmen. Unterdessen konnte er nicht verhindern, daß ihm insgeheim der Gedanke kam: Das hoffe ich wenigstens.
Augenblicklich ärgerte er sich über sich selbst, denn er kannte die Ursache für einen so närrischen, entmutigenden Gedankengang. So etwas war auf den Eindruck umfassender, enormer Macht auf Seiten der Foundation zurückzuführen, wie sie in Form von Compors Raumschiff manifestiert war, und zugleich war sein Verdruß daran schuld, den er angesichts von Sura Novis offener Bewunderung für eben dieses Schiff empfand.
Was für ein Unfug! Wie konnte er sich dazu verleiten lassen, den Besitz bloßer Stärke und Macht mit der Fähigkeit gleichzustellen, das Geschehen zu lenken? Das war, was Generationen von Sprechern als den ›Trugschluß bezüglich der Hand am Hals‹ bezeichnet hatten.
Kaum zu fassen, daß er nicht immun war gegen solche Allüren!
65
Munn Li Compor war sich ganz und gar nicht darüber im klaren, wie er sich nun verhalten sollte. Für einen Großteil seines Lebens hatte er die Sprecher stets knapp außerhalb des Umkreises gesehen, in dem er wirkte und in dem er seine Erfahrungen machte — die Sprecher, mit denen er nur gelegentlich in Kontakt stand, die in ihrem rätselhaften Griff die gesamte Menschheit umfaßt hielten.
Von ihnen allen war Stor Gendibal es gewesen, an den er sich im Laufe der letzten Jahre gewandt hatte, um Orientierung zu haben. Meistens war es nicht einmal eine Stimme gewesen, mit der er in Kontakt stand, sondern nur eine fremde Wesenheit in seinem Geist — Hyperkommunikation ohne Hyper-Relais.
In dieser Beziehung war die Zweite Foundation der Foundation weit voraus. Ohne Apparate, nur dank ihrer besonders herausgebildeten, hochentwickelten geistigen Kräfte, vermochten sie sich über Parseks hinweg zu verständigen, ohne daß man sie belauschen, sie stören konnte. Sie unterhielten ein unsichtbares, nicht zu entdeckendes Netzwerk, das durch die Gedanken einer relativ kleinen Zahl entschlossener Individuen alle Welten miteinander verband.
Compor hatte mehr als einmal, wenn er an seine Rolle bei alldem dachte, eine Art von innerer Erhöhung verspürt. Wie klein der Bund war, dem er angehörte, wie enorm der Einfluß, den er ausübte. Und wie geheim alles ablief. Nicht einmal seine Ehepartnerin ahnte etwas von seinem geheimen Leben.
Und die Sprecher waren es, die alle Fäden in der Hand hielten — unter ihnen dieser eine Sprecher, dieser Gendibal, der möglicherweise, dachte sich Compor, der nächste Erste Sprecher werden mochte, der Superkaiser eines Superimperiums.
Nun war Gendibal zur Stelle, in einem Raumschiff von Trantor gekommen, und Compor mußte mit einer gewissen Enttäuschung ringen, weil ihre Begegnung nicht auf Trantor selbst stattfand.
Konnte das ein Raumschiff Trantors sein? Jeder der früheren Händler, die einst das Warenangebot der Foundation in einer feindseligen Galaxis verbreiteten, mußte bessere Raumer besessen haben. Kein Wunder, daß der Sprecher so lange gebraucht hatte, um die Strecke von Trantor nach Sayshell zurückzulegen.
Das Raumschiff war nicht einmal mit einer Andockanlage ausgestattet, die es ermöglicht hätte, die beiden Schiffe aneinander zu verankern, wie man es normalerweise machte, wenn Personen von einem auf ein anderes Schiff überwechseln sollten. Selbst die unbedeutende sayshellische Flotte besaß solche Vorrichtungen. Statt dessen mußte der Sprecher die Geschwindigkeit seines Raumfahrzeugs angleichen und dann eine Verbindungsleine über den Abstand zwischen den Schiffen schießen, um sich daran herüberzuhangeln, ganz wie in den alten Zeiten des Imperiums.
Das war es, befand Compor trübsinnig, außerstande dazu, den Trübsinn zu verscheuchen. Der Raumer war nichts als ein altmodisches Imperiums-Raumschiff — und obendrein ziemlich klein.
Zwei Gestalten bewegten sich an der Verbindungsleine entlang — eine davon so unbeholfen, daß feststand, sie hatte sich noch nie darin geübt.
Endlich befanden die beiden Ankömmlinge sich an Bord und legten die Raumanzüge ab. Sprecher Stor Gendibal war mittelgroß und wirkte nicht sonderlich beeindruckend; weder war er hochgewachsen und kraftvoll, noch strahlte er irgendeine erhöhte Gelehrtheit aus. Seine dunklen, in tiefen Höhlen liegenden Augen waren die einzigen Anzeichen seiner Weisheit. Doch nun schaute der Sprecher sich mit einem Gebaren um, das unverkennbar verriet, er war selber von nahezu ehrfürchtigem Staunen gepackt!
Die andere Person war eine Frau von der Körpergröße Gendibals, schlicht in ihrem Aussehen. Während sie sich umblickte, stand ihr vor Verblüffung der Mund offen.
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An der Leine entlangzuklimmen, war für Gendibal durchaus kein ausschließlich unangenehmes Erlebnis gewesen. Zwar war er kein ausgesprochener Raumfahrer — das konnte kein Zweitfoundationist von sich behaupten —, andererseits aber auch kein totaler Bodenhocker, denn man ließ nicht zu, daß ein Zweitfoundationist sich in dieser Hinsicht einseitig entwickelte. Die eventuelle Notwendigkeit eines Raumflugs war Zweitfoundationisten permanent bewußt, obwohl jeder von ihnen hoffte, daß er nur äußerst selten in diese Verlegenheit kam. (Preem Palver — dessen Raumreisen wegen ihrer Ausdehnung legendären Charakter besaßen — hatte einmal wehmütig die Bemerkung gemacht, man solle den Erfolg eines Sprechers daran messen, wie wenig Zeit er mit Flügen durchs All zubringen müsse, um das Gelingen des Seldon-Plans zu sichern.)