Gendibal hatte schon dreimal zuvor eine Verbindungsleine benutzt. Dies war das vierte Mal, und wenn er trotzdem eine gewisse Beunruhigung verspürt hätte, wäre sie ohnehin durch seine Sorge um Sura Novi verdrängt worden. Er hätte keine Mentalik gebraucht, um zu sehen, daß der Schritt hinaus ins Nichts sie völlig verstörte.
»Ich fierchte mir, Meister«, sagte sie, nachdem er ihr erläutert hatte, was es zu tun galt. »Das is ja völliges Nix, in das ich springen soll.« Wenn nichts anderes, so hätte unmißverständlich ihr Rückfall in den schwerfälligen Hamer-Dialekt den Umfang ihrer inneren Aufgewühltheit gekennzeichnet.
»Ich kann dich nicht an Bord dieses Schiffes zurücklassen, Novi«, entgegnete Gendibal sanft, »denn ich werde auf das andere umsteigen und muß dich mitnehmen. Es besteht keine Gefahr, weil der Raumanzug dich vor jedem Schaden beschützen wird, und fallen kannst du gar nicht. Auch wenn du deinen Halt an der Verbindungsleine verlieren solltest, bin noch immer ich in deiner Nähe, ich werde die ganze Zeit hindurch auf Armeslänge bei dir sein, so daß ich dich jederzeit festhalten kann. Komm, Novi, zeig mir, daß du tapfer genug bist — nicht nur gescheit genug —, um Forscherin zu werden!«
Sie erhob keine weiteren Einwände, und Gendibal — obwohl abgeneigt, irgend etwas zu tun, was das natürliche Profil ihrer harmonischen Psyche beeinträchtigen könnte — half ihr nichtsdestoweniger mit einer flüchtigen, oberflächlichen Einflußnahme zur Beruhigung ihrer Gemütsverfassung.
»Du kannst dich unterwegs nach wie vor mit mir verständigen«, sagte er, als sie beide in den Raumanzügen standen. »Ich kann dich verstehen, wenn du konzentriert denkst. Denk die Wörter nachdrücklich und deutlich, eins nach dem anderen. Du kannst mich verstehen, oder?«
»Ja, Meister«, antwortete sie.
Durch die transparente Helmscheibe konnte er erkennen, wie sich ihre Lippen bewegten. »Du brauchst nichts laut auszusprechen, Novi«, sagte er. »Diese Art von Raumanzügen, die wir Forscher verwenden, hat keine Funkgeräte. Wir verständigen uns nur durch den Geist.«
Ihre Lippen bewegten sich nicht mehr, aber ihre Miene wirkte wieder besorgter. Kannst du mich verstehen, Meister?
Ohne weiteres, dachte Gendibal zurück, bewegte diesmal ebenfalls nicht die Lippen. Und du mich?
Ja, Meister.
Dann komm jetzt mit und verhalte dich genauso wie ich!
Sie setzten über. Theoretisch war Gendibal die ganze Methode vollkommen klar, wenngleich er sie in der Praxis nur mittelmäßig beherrschte. Der Trick bestand dabei darin, beide Beine zusammen gerade ausgestreckt zu halten und sich nur aus der Hüfte an der Leine entlangzuziehen. Dadurch blieb das Schwerkraftzentrum des Körpers in kontinuierlicher Geradeausbewegung, während die Arme zielsicher das Vorankommen gewährleisten konnten. Er hatte Sura Novi genau das erklärt, und unterwegs begutachtete er, ohne sich umzublicken, ihre Körperhaltung, indem er seine Aufmerksamkeit den motorischen Zentren ihres Gehirns schenkte.
Fürs erste Mal hielt sie sich recht gut, fast so gut wie Gendibal selbst. Sie unterdrückte ihre Anspannung und befolgte die Weisungen. Wieder einmal war Gendibal mit ihr sehr zufrieden.
Doch sie war eindeutig froh, als es soweit war, wieder an Bord eines Raumschiffs gehen zu können, und Gendibal ging es ebenso. Während er den Raumanzug ablegte, sah er sich um, und Luxus und Stil der Innenausstattung machten auf ihn einen überwältigenden Eindruck. Er kannte nahezu nichts von allem, was er sah, und bei dem Gedanken, daß er womöglich nur wenig Zeit hatte, um die Handhabung zu lernen, sank sein Mut gehörig. Möglicherweise mußte er von dem Mann, der sich bereits an Bord befand, sachkundigen Rat einholen, und ein derartiges Verfahren war immer schlechter, als wenn man etwas selber gründlich gelernt hatte.
Dann widmete er sich Compor. Ein paar Jahre älter als er, war Compor hochgewachsen und hager, auf leicht weichliche Weise recht gutaussehend, mit steif gewelltem Haar von frappantem Buttergelb.
Und Gendibal ersah deutlich, daß dieser Mann nicht nur enttäuscht war von dem Sprecher, den er nun erstmals näher kennenlernte, sondern ihm sogar eine gewisse Geringschätzung entgegenbrachte. Und nicht nur das, er war auch vollkommen außerstande dazu, seine Einstellung zu verheimlichen.
Im großen und ganzen pflegte sich Gendibal um dergleichen nicht zu scheren. Compor war kein Trantoraner — und auch kein vollwertiger Zweitfoundationist — und gab sich offensichtlich den üblichen Illusionen hin. Schon die oberflächlichste Einsichtnahme in sein Denken verriet diese Tatsache. Zu diesen Illusionen zählte eindeutig, daß wahre Macht zwangsläufig mit den Äußerlichkeiten von Macht einhergehen müsse. Natürlich durfte er sich seinen Illusionen hingeben, solange sie nicht dem im Wege standen, was Gendibal brauchte, aber gegenwärtig verhielt es sich so, daß sie störten.
Was Gendibal deshalb tat, lief auf nicht mehr als das mentale Äquivalent eines Fingerschnippens hinaus. Unter einer heftigen, aber kurzen Schmerzempfindung geriet Compor ins Taumeln. Er hatte den Eindruck, zur Konzentration genötigt zu werden, durch einen äußeren geistigen Schubs, der die Außenhaut seiner Gedanken kräuselte und in ihm das Bewußtsein um eine gutbeherrschte, ehrfurchterregende mentale Macht hinterließ, die ausgeübt werden konnte, wann immer es dem Sprecher beliebte.
Nunmehr verspürte Compor beträchtlichen Respekt vor Gendibal.
»Compor, mein Freund«, sagte Gendibal leutselig, »ich habe mir lediglich erlaubt, Ihre Aufmerksamkeit zu erregen. Bitte teilen Sie mir mit, wo Ihr Freund Golan Trevize und dessen Freund Janov Pelorat sich aufhalten.«
Compor zögerte. »Soll ich in Anwesenheit der Frau reden, Sprecher?«
»Diese Frau ist gewissermaßen eine Verlängerung meiner selbst, Compor. Daher besteht kein Grund, aus dem Sie nicht offen sprechen dürften.«
»Wie Sie meinen, Sprecher. Trevize und Pelorat nähern sich zur Zeit einem Planeten, der als Gaia bekannt ist.«
»Das haben Sie bereits vor kurzem in Ihrer letzten Nachricht übermittelt. Sicher sind sie inzwischen doch schon auf Gaia gelandet und womöglich sogar wieder gestartet. Auf Sayshell sind sie nur kurz geblieben.«
»Während der Zeitspanne, in der ich ihnen gefolgt bin, sind sie nicht gelandet, Sprecher. Sie haben sich dem Planeten mit großer Vorsicht genähert und zwischen ihren Mikrosprüngen erhebliche Perioden verstreichen lassen. Für mich ist klar, daß sie über den Planeten, den sie anfliegen, keinerlei Informationen besitzen und deshalb so deutlich zögern.«
»Haben Sie Informationen, Compor?«
»Keine, Sprecher«, antwortete Compor. »Oder jedenfalls hat mein Bordcomputer keine.«
»Dieser Computer hier?« Gendibals Blick fiel aufs Kontrollpult. »Ist er beim Betrieb des Schiffs eine Hilfe?« erkundigte er sich in plötzlicher Hoffnung.
»Er kann das Schiff allein betreiben und einwandfrei steuern. Man braucht die Anweisungen nur hineinzudenken.«
Gendibal empfand plötzlich Unbehagen. »So weit ist die Foundation schon?«
»Ja, aber das alles steckt noch in den Anfängen. Der Computer arbeitet nicht besonders gut. Manchmal muß ich meine Gedanken mehrmals wiederholen und erhalte selbst dann bloß Minimalinformationen.«