Sie sah Hrhon über sich aufragen, versuchte ihn beisei-tezustoßen und spürte nur noch, wie seine gewaltige Pranke sie beinahe sanft im Nacken berührte.
Es war hell, als sie erwachte. Sie spürte, daß sie nur Minuten ohne Bewußtsein gewesen sein konnte. Unter ihr war der schuppige Panzer Hrhons, der sie trug, auf ihrem Rücken seine Hand. Ihr Herz jagte, als wäre sie um ihr Leben gerannt, und sie erinnerte sich vage an einen Traum, einen entsetzlichen, nicht enden wollen-den Traum, der Stunden gedauert zu haben schien, obwohl sie mit einem anderen, klar gebliebenen Teil ihres Bewußtseins begriff, daß sie nur Augenblicke ohne Bewußtsein gewesen war, ein Traum, in dem sie selbst ein Rolle spielte, und eine fürchterliche Kreatur, die Weller war und doch nicht Weller, und die...
Die Erkenntnis, daß es kein Traum war, ließ sie auf-schreien. Sie fuhr hoch, schlug in blinder Furcht um sich und spürte, wie ihre Handgelenke gepackt und festgehalten wurden. Die Dunkelheit über ihr zersplitterte zu einem zackigen Muster aus Schwarz und Grün und loderndem Rot, als Hrhon sie wenig sanft von der Schulter hob und zu Boden legte.
In ihren Ohren war noch immer der gellende Schrei der Weller-Kreatur, seine Hilferufe, die sich unauslö-
schlich tief in ihre Seele gebrannt hatten, zu tief, als daß sie sie jemals wieder vergessen konnte. Sie schrie, bäumte sich auf und spürte, wie eine Hand in ihr Gesicht klatschte. Der Schmerz war seltsam irreal.
Mühsam öffnete sie die Augen. Es war noch immer Nacht. Das Licht kam von den Bränden, die irgendwo, nicht mehr sehr weit über ihnen, den Himmel verzehr-ten. Dann erkannte sie Angella.
»Nimmst du freiwillig Vernunft an, oder muß ich sie dir einprügeln?« fragte Angella. Sie lächelte, aber ihr Blick war sehr ernst.
Tally nickte mühsam. Ihre Wange brannte, wo sie Angellas Hand getroffen hatte. »Laß... mich los«, sagte sie. »Ich bin in Ordnung.« Das Reden fiel ihr schwer. Da war etwas gewesen, in ihrem Traum oder dem entsetzlichen Erlebnis, das sie für einen Traum gehalten hatte. Sie wußte nicht mehr, was es war, aber es war wichtig gewesen. Lebenswichtig. Eine Erkenntnis. Ein jähes Wissen, das alles erklärte. Aber es war verschwunden. Und je mehr sie versuchte, es zurückzuzwingen, desto rascher schien es ihr zu entgleiten.
Angella schien ihr nicht zu glauben, denn sie lockerte den Griff um ihre Handgelenke zwar ein wenig, ließ aber noch nicht los. »Wie fühlst du dich?«
»Gut, verdammt noch mal.« Tally riß sich ärgerlich los, setzte sich vollends auf und sah sich um.
Im ersten Moment erkannte sie nichts als Schwärze, durchzuckt von roten und dunkelgelben Blitzen aus Licht. Dann begriff sie, daß der zerbrochene Himmel.
über ihr das gewaltige Netz war, das Karan das Dazwischen genannt hatte.
Aber das Licht war nicht das sinnverwirrende grüngraue Halblicht der Dämmerungszone, sondern flackernder Feuerschein, der durch Lücken und rauchende Löcher in der Pflanzendecke fiel. Es gab sehr viele solcher Lücken, wie Tally mit einem raschen Blick feststellte. Das Blätterdach über ihnen war zerfetzt. Blätter und Pflanzen hingen als verkohlte Strünke von den geschwärzten Stämmen der Riesenbäume. Hier und da tropfte flüssiges Feuer in die Tiefe wie brennender Regen. Die Luft roch verbrannt. Sie waren nicht mehr weit von der Stelle entfernt, an der sie in die Unterwelt herabgestiegen waren.
»Was ist passiert?« fragte sie mühsam.
Angella zuckte mit den Schultern. »Karan hat uns rausgebracht«, antwortete sie. »Was sonst?« Ein ärgerliches Stirnrunzeln huschte über den nicht verbrannten Teil ihres Gesichts. »Wäre es anders, wärst du kaum noch in der Lage, eine derartig dumme Frage zu stellen.«
»Zum Teufel, das meine ich nicht«, fauchte Tally.
»Was ist mit den Hornköpfen und Karan?«
»Komm, komm, Tally«, sagte Angella ärgerlich. »Du warst ein paar Sekunden weggetreten, keine zehn Tage
- also was soll das? Deine hornigen Freunde sind tot
- wenigstens hoffe ich es. Und was Karan angeht - frag ihn selbst. Seit wir hier sind, schweigt er wie ein Grab. Er will nur mit dir reden.« Sie deutete mit einer wütenden Geste über die Schulter zurück auf Karan, der mit untergeschlagenen Beinen dahockte und ins Leere starrte.
Tally stand auf. Im ersten Moment schwindelte ihr.
Die Tiefe unter ihr schien zu locken, und da war die Stimme... Wellers Stimme, zu einem entsetzlichen, kreischenden Etwas verzerrt, das tief in ihrer Seele wühlte und grub...
Sie verscheuchte den Gedanken.
»Alles in Ordnung?« fragte sie.
Karan hob müde den Blick. In seinen Augen stand ein Ausdruck von vagen Schmerz. Er nickte. »Du verlangst jetzt sicher eine Erklärung von Karan«, sagte er.
»Es wäre an der Zeit, meinst du nicht?« fauchte Angella.
Tally hob ärgerlich die Hand und gab ihr ein Zeichen, zu schweigen. »Was war das?« fragte sie. »Dieses...
dieses Ding, Karan?« Selbst die bloße Erinnerung an ihr schreckliches Erlebnis bereitete ihr fast körperliche Übelkeit.
»Nichts«, antwortete Karan ausweichend. Er sah Tally nicht an. »Nur ein Trugbild. Einer der zahllosen Schrek-ken, mit denen der Schlund seine Opfer narrt.«
Aber sie spürte, daß er log, und Karan mußte seinerseits spüren, daß es so war, denn er wich ihrem Blick noch immer aus. »Nur ein Trugbild, Tally«, sagte er noch einmal.
»Warum hattest du dann solche Angst davor?« fragte sie. »Was ist das dort unten, Karan? Die... die Ungeheuer, die die Hornköpfe vernichtet haben - was sind sie?«
Wieder hatte sie das deutliche Gefühl, daß Karan nach einer Ausflucht suchte, nach irgendeiner plausiblen, aber falschen Erklärung für das Entsetzliche, das sie erlebt hatten. Dann lächelte er plötzlich; rasch und voller Schmerz und Resignation. Einen Moment lang sah er sie an, dann stand er auf, drehte sich halb herum und deutete nach oben.
»Ihr müßt fort«, sagte er. »Eure Feinde sind noch in der Nähe, Karan kann sie spüren.«
»Das ist keine Antwort!« fauchte Angella. Aber Karan reagierte gar nicht auf ihre Worte, sondern deutete nur abermals nach oben, legte den Finger auf die Lippen und bedeutete ihnen mit Grimassen, still zu sein. Widerwillig
- und eigentlich nur aus dem einzigen Grund, daß sie gar keine andere Wahl hatte - folgte ihm Tally, als er weiterging. Er ging vorsichtig und stark nach vorne gebeugt, wie ein Mann, der gegen einen unsichtbaren Sturmwind ankämpfte.
Es wurde ein wenig heller, als sie das Netz durchstie-
ßen, aber es war noch immer nicht das Licht des Tages, sondern flackernder Feuerschein. Wie Tally befürchtet hatte, hatte der Brand um sich gegriffen. Mit dem nächsten Regen würde er erlöschen, aber zumindest jetzt noch brannte der Wipfelwald überall. Die Luft schmeckte bitter und nach Rauch. Ein unglaublicher Lärm schlug über ihnen zusammen.
Karan blieb stehen, sah sich einen Moment lang unschlüssig um und deutete dann in die Richtung, in der das Muster aus Rot und Orange nicht ganz so dicht war.