»Dort entlang!«
Tally warf einen letzten Blick in die Tiefe, ehe sie losging. Sie schauderte. Unter ihr war nichts. Das bleiche Totenlicht des Schlundes war verschwunden, als wäre es nur für sie sichtbar, die ohnehin in seine unsichtbaren Fänge gerieten, aber sie spürte die Verlockung, das laut-lose Wispern in ihrem Innern, die Stimme Wellers, die sie nie, nie wieder vergessen würde. Sie war es gewesen, die ihn hierhergebracht hatte, die die Schuld an seinem Tod (Tod? Nein - etwas tausendfach Schlimmeres!) trug.
Diesmal kostete es sie ungeheure Überwindung, den Gedanken zurückzudrängen und sich Karan und den beiden anderen anzuschließen.
Es war wie eine getreuliche Fortsetzung des Alptraumes, der mit dem Abend seinen Anfang genommen hatte. Der Wald brannte an zahllosen Stellen. Dann und wann regnete Feuer aus dem Wipfelwald über ihren Köpfen, und mehr als einmal mußte Karan umkehren, weil es den Weg, den er kannte, nicht mehr gab. Sie marschierten eine halbe Stunde lang durch eine Hölle aus flackerndem Licht und Hitze und Feuer, das jäh vom Himmel fiel, aus Rauch und unbeschreiblichem Lärm, und sie legten in dieser Zeit nicht mehr als eine Meile zurück; vielleicht weniger, denn mehr als einmal mußten sie große Umwege in Kauf nehmen.
Plötzlich blieb Karan stehen, hob warnend die Hand und deutete mit der anderen auf eine Stelle dicht vor ihnen.
»Was ist?« fragte Tally.
Karan zuckte die Achseln, bedeutete ihnen mit Gesten, zurückzubleiben, und ging allein weiter, sehr viel vorsichtiger als bisher. Trotz seiner Warnung folgten ihm Tally und Angella, während Hrhon ein Stück zurück-blieb, um ihren Rücken zu decken.
Tally verspürte einen eisigen Schauer von Furcht und Ekel, als sie sah, was Karan entdeckt hatte.
Es war ein Hornkopf; eine der gigantischen fliegenden Käferkreaturen, denen sie um ein Haar zum Opfer gefallen wären. Er war tot. Ein Teil seines Rückenpanzers war weggerissen, das verwundbare Hügelgespinst darunter zerfetzt und wie verbrannt. Etwas Weißes, Formloses hatte sich in das verwundbare Fleisch darunter gefressen.
Dann sah sie die verkrümmte Gestalt, die neben dem Rieseninsekt lag.
Ganz instinktiv blieb sie stehen. Die Frau war tot, mußte tot sein, so, wie sie zwischen den geschwärzten Ästen lag, mit unnatürlich verrenkten Gliedern, über und über mit ihrem eigenen und dem Blut des Hornkopfes besudelt, aber Tallys Instinkte waren stärker als ihr logisches Denken. Sie blieb stehen, trat ein winziges Stück zur Seite und senkte die Hand zum Gürtel, wo der Laser sein sollte. Erst dann fiel ihr ein, daß Angella ihr die Waffe fortgenommen hatte - und danach Karan.
»Nicht«, sagte Karan warnend. »Geht nicht näher.«
Auch er schien die Gefahr zu spüren, die die tote Drachenreiterin wie ein übler Geruch umgab.
Nicht so Angella. Sie schnaubte abfällig, trat an Tally vorbei und kniete neben der Toten nieder. Mit einer groben Bewegung drehte sie sie auf den Rücken.
Die Hand der Toten bewegte sich. Ein winziges, rotes Dämonenauge starrte Angella an.
Tally reagierte, ohne zu denken. Mit weit ausgebreite-ten Armen warf sie sich vor, umschlang Angellas Taille und riß sie zu Boden. Gleichzeitig stieß-ihr Fuß nach der Hand der Drachenreiterin. Sie traf, aber nicht richtig; der Laser prallte zurück, wurde seiner Besitzerin aber nicht aus der Hand geschleudert, sondern entlud sich mit einem peitschenden Knall.
Es ging unglaublich schnell, aber Tally sah jedes noch so winzige Detail mit entsetzlicher Klarheit.
Gleichzeitig schien sich die Luft in einen zähen Sirup zu verwandeln, der ihre Glieder daran hinderte, sich mit der gewohnten Schnelligkeit zu bewegen. Sie war hilflos, nur noch Zuschauerin des Entsetzlichen, das geschah: Der Blitz fuhr kaum eine Handbreit an ihrem Rücken vorbei, sengte eine flammende Spur in den Wald und explodierte in Karans Schulter. Karans rechter Arm flammte auf wie eine Fackel. Feuer sprang auf sein Gesicht über, ergriff sein Haar und sein Hemd, plötzlich verstummten seine Schreie; ein Mantel aus weißroten Flammen hüllte ihn ein. Er taumelte, blieb einen Moment reglos stehen, in grotesker, vorgebeugter Haltung, als wehre sich etwas in ihm noch mit verzweifelter Kraft, dann brach er zusammen.
Angella schrie auf, stieß Tally zurück und warf sich auf die Drachenreiterin. Ein Dolch blitzte in ihrer Hand. Ihr Gesicht war verzerrt vor Haß.
»Nicht!« schrie Tally. »Tu es nicht, Angella!«
Aber es war zu spät. Der Laser in der Hand der Sterbenden bewegte sich, aber Angella war schneller.
Mit einem Tritt fegte sie die Waffe beiseite, hob den Arm und stieß zu, einmal, zweimal, dreimal, wie in einem schrecklichen Blutrausch gefangen, immer und immer wieder, bis Tally endlich über ihr war und ihren Arm zurückriß.
Angella versuchte auch nach ihr zu stechen. Tally wich dem Dolch aus, packte ihr Handgelenk und verdrehte es, bis sie die Waffe fallen ließ. Dann versetzte sie ihr eine schallende Ohrfeige.
»Verdammte Närrin?« schrie sie. »Was ist in dich gefahren?!« Sie schlug ein zweites Mal zu - diesmal nicht mehr, weil es nötig war, sondern schlicht und einfach, weil sie etwas brauchte, an dem sie ihre Wut auslassen konnte -, zerrte Angella grob von der Brust der Toten herunter und versetzte ihr einen Stoß, der sie abermals zu Boden fallen ließ. »Du verdammte Närrin!«
schrie sie, außer sich vor Zorn. »Warum hast du sie umgebracht! Sie hätte uns wertvolle Informationen geben können. Sie - «
Sie sprach nicht weiter, als sie den Ausdruck in Angellas Gesicht sah.
Angella war totenbleich geworden. Der Abdruck von Tallys Hand zeichnete sich rot auf ihrer Wange ab. Ihr Mund stand halb offen, wie zu einem Schrei, und ihre Augen schienen vor Entsetzen schier aus den Höhlen quellen zu wollen. »Ka... ran!« stammelte sie.
Tally drehte sich herum.
Das erste, was sie sah, war Hrhon, und obwohl sie ihn nur für den Bruchteil einer Sekunde anblickte, begriff sie doch, daß sie den Waga zum ersten Mal in ihrem Leben wirklich fassungslos sah, erstarrt vor ungläubigem Schrecken und geschüttelt vor Angst.
Dann sah sie Karan.
Es war wie ein Schlag ins Gesicht. Und es war unmöglich.
Sie hatte gesehen, wie der Laserblitz Karan traf. Sie wußte, welche Verheerung diese schreckliche Waffe ausrichten konnte, und sie hatte gesehen, wie sein Körper wie ein Stück trockener Holzkohle ausgeflammt war. Großer Gott, sie hatte es GESEHEN!
Aber er war nicht tot.
Karan hockte, mit verzerrtem Gesicht und stierem Blick zwar, aber unverletzt, auf den Boden, den rechten Arm gegen den Leib gepreßt. Sein Wams war zu Asche verkohlt, aber die Haut darunter war glatt und unversehrt, rosig wie die eines Neugeborenen, ohne die winzigste Wunde, ohne die allergeringste Spur der Höllenglut, die sie vor Tallys Augen versengt hatte.
Und dann, endlich, begriff sie.
Alle Angst fiel von ihr ab. Plötzlich hatte sie keine Furcht mehr, allein, weil sie begriff, daß das Geheimnis, dem sie gegenüberstand, zu groß war, als daß sie irgendwelche menschlichen Gefühle als Maßstab anlegen konnte. Sie... schauderte. Die Tiefe der Erkenntnis, die sie überfiel, ließ irgend etwas in ihr beinahe ehrfürchtig erzittern. Es fiel ihr selbst schwer, zu sprechen.