Karan preßte die Lippen aufeinander, tat aber, was sie ihm befohlen hatte.
»Angella hat recht«, sagte Jandhi plötzlich. »Du hast keine Chance, ihren Männern zu entkommen. Bleib hier, bis meine Krieger hier sind, dann bist du sicher.«
»Wie in Abrahams Schoß, wie?« fragte Tally spöttisch.
»Jedenfalls werde ich dich nicht zu Tode foltern lassen«, erwiderte Jandhi ernst.
Tally antwortete gar nicht, sondern sah ungeduldig zu Karan zurück, der bereits einen der schweren Leinensäcke über Bord geworfen hatte und sich mit einem zweiten abquälte. Hrhon hatte das kleine Boot mittlerweile ebenfalls erreicht, machte aber keine Anstalten, Karan zu helfen. Er hatte kaum mehr die Kraft, sich auf den Beinen zu halten.
»Du schießt ja doch nicht«, sagte Angella plötzlich. In ihren Augen erschien ein warnendes Funkeln. »Wenn du diese Waffe hier drinnen abfeuerst, stirbst du auch.«
»Möglich«, erwiderte Tally lakonisch. »Aber nicht allein. Ich war schon immer ein geselliger Mensch, weißt du?« Sie lachte hart. »Und ich schwöre dir, daß du vor mit stirbst, Angella.«
»Gib auf, Tally«, sagte nun auch Jandhi. »Angella hat recht - du hast keine Chance. In ein paar Minuten sind Nil und meine Krieger hier. Dann bist du in Sicherheit!
»In ein paar Minuten?« wiederholte Tally. Sie wandte sich an Karan und Weller. »Ihr habt es gehört. Beeilt euch lieber.«
Wellers Bewegungen wurden eindeutig hastiger, während Karan sie nur voller stummer Wut anstarrte und sich in das Boot hinabbeugte. Einen Moment lang hantierte er schnaubend darin herum, dann hob er ein gewaltiges, spitzes Dreieck aus Holz hervor, drehte sich herum und balancierte, unter seiner Last schwankend, zum Heck des Schiffes und darüber hinaus.
Es war ein fast absurder Anblick - in der herrschenden Dunkelheit sah es wirklich so aus, als wandele er über das Wasser. Erst als er die kleine Kaimauer fast erreicht hatte, blieb er stehen, setzte das hölzerne Dreieck vorsichtig ab, wobei er sein Gewicht mit dem Knie stützte, und patschte eine Weile mit der Hand im Wasser herum, bis er gefunden hatte, wonach er suchte. Tally sah jetzt, daß sich am unteren Ende des Dreiecks ein hölzerner Zapfen befand, den er offensichtlich unter Wasser in eine dazu geschaffene Vertiefung einpaßte.
»Was ist das?« fragte Tally, wobei sie Karans Konstruktion mit einer Mischung aus Staunen und Mißtrauen musterte. Seine äußere Form erinnerte sie vage an eine Haifischflosse.
»Das Ruder«, knurrte Karan.
»Ruder?« Tally schwieg einen Moment. Dann sagte sie:
»Verzeih, wenn ich eine dumme Frage stelle, Karan
- aber müßte es nicht eigentlich unter Wasser sein?«
»Das hier nicht«, knurrte Karan.
Tally seufzte, ging aber nicht weiter auf Karans Worte ein. »Bist du fertig?« fragte sie nur.
Karan nickte abgehackt. »Ja. Geh ins Boot, damit Karan dir zeigen kann, wie es zu steuern ist.«
Tally schüttelte den Kopf. »Das wird nicht nötig sein«, sagte sie. »Karan wird es nämlich selbst steuern, weiß du?«
Karan riß erschrocken die Augen auf. »Du - «
»Du täuschst dich«, unterbrach ihn Tally hart, »wenn du denkst, ich lasse dich hier zurück. Angella würde dich in Stücke schneiden. Ganz langsam.«
»Das stimmt«, sagte Angella haßerfüllt. »Aber nicht halb so langsam wie dich, du Miststück. In einer Stunde habe ich dich. Spätestens.« Sie spie aus. »Selbst, wenn du hier herauskommst, nutzt dir das nichts. Meine Männer haben das gesamte Becken umstellt.«
Tally schwieg einen Moment. Sie glaubte nicht, daß Angella die Wahrheit sagte - schließlich hatte sie nicht damit rechnen können, sich urplötzlich in Tallys Gefan-genschaft zu finden, statt umgekehrt. Andererseits wäre Angella sicherlich nie zu dem geworden, was sie war, wenn sie so leicht zu übertölpeln wäre. Vielleicht war es besser, vorsichtig zu sein.
»Du hast recht, Angella«, sagte sie. »Es würde mir wohl nicht viel nutzen, hier herauszukommen. Allein.
Deshalb wirst du uns begleiten.«
Angella erbleichte, rührte sich aber nicht von der Stelle. »Das ist nicht dein Ernst«, keuchte sie.
»Und ob«, bestätigte Tally. »Aber ich verspreche dir, dich unversehrt wieder laufen zu lassen - wenn deine Männer vernünftig sind und nichts tun, was du bereuen müßtest, heißt das. Komm jetzt!«
Sie unterstrich ihre Worte mit einer befehlenden Geste, und diesmal gehorchte Angella. Ihr Gesicht war wie Stein, als sie behutsam ins Wasser herabstieg und dicht neben Tally auf den schwankenden Bootsrumpf zuging.
»Du bist wahnsinnig!« keuchte Karan. »Das Boot wird zerbrechen! Solche Lasten hält es nicht aus.«
»Es wird es müssen«, sagte Tally ungerührt. »Oder wir sind alle tot.« Rückwärts gehend wich sie vom Ufer zurück, bis sie die gewölbte Wandung des eigentlichen Bootes hinter sich spürte. Etwas platschte hörbar. Offensichtlich hatte Weller oder Hrhon einen weiteren Sack über Bord geworfen, um Platz für ihre Gefangene zu schaffen.
Tally sah rasch hinter sich. Angella war ins Boot geklettert und saß direkt zwischen Weller und Hrhon. Die gewaltigen Pranken des Waga lagen wie in einer vertrauten Geste auf ihren Schultern. Tally war jetzt sicher, daß Angella ihnen keine Schwierigkeiten bereiten würde. Sie mußte wissen, daß Hrhon ihr Genick wie einen dünnen Ast brechen konnte; selbst in seinem momentanen Zustand.
Sie wartete, bis auch Karan - wenn auch mit sichtlichem Widerwillen - an Bord geklettert war, dann zwängte sie sich selbst auf den letzten, verbliebenen Platz, der normalerweise kaum mehr für ein Kind ausge-reicht hätte.
»Los jetzt«, befahl sie.
Karan zögerte noch immer. »Du bringst uns alle um«, behauptete er. »Es wird zerbrechen!«
»Wenn wir hierbleiben, sterben wir garantiert«, antwortete Tally ernst. »Und wahrscheinlich auf wesentlich unangenehmere Art.« Gegen ihre Überzeugung lächelte sie plötzlich. »Mach schon. Wir werden es schaffen. Ich spüre es.«
Karan schnaubte, drehte sich aber mit einem Ruck um und griff nach einem von drei unterschiedlich großen Hebeln, die vor ihm aus der Bootswand ragten.
Ein harter Schlag ging durch das Schiffchen. Dicht unter der Wasseroberfläche zerriß ein Tau mit solcher Plötzlichkeit, daß sein zerfetztes Ende wie eine Schlange aus dem Wasser hervorbrach und nach den Männern auf der Mauer hieb.
Das Boot schoß wie ein Pfeil aus dem Schuppen.
Und dann brach schier die Hölle los.
Drinnen in Karans Bootshaus war das Wasser fast still gewesen; seine Mauern hatten die größte Wucht der Strömung gebrochen. Hier draußen aber war das winzige Boot den tobenden Gewalten schutzlos ausgeliefert.
Eine Reihe harter, unglaublich harter Schläge traf seinen Rumpf und schüttelte seine Insassen durch. Gischt spritzte meterhoch und überschüttete Tally mit eisiger Kälte. Hastig ließ sie die Waffen sinken und klammerte sich am dünnen Holz des Rumpfes fest. Trotzdem hatte sie das Gefühl, jeden Moment im hohen Bogen ins Wasser katapultiert werden zu müssen. Das Schiff bockte und stampfte wie ein durchgehendes Pferd. Ein tiefes, beinahe schmerzhaft klingendes Ächzen drang aus dem unter Wasser liegenden Teil des Schiffes. Karan begann zu schreien.