Tally sah jetzt, daß sie sich bewegte, wie eine wirkliche Fischflosse manchmal nach rechts, manchmal nach links schwenkte, und jedesmal machte das fliegende Gefährt die Bewegung mit. Unbeschadet seiner eigenen Worte schien es Karan doch gelungen zu sein, den Gleiter irgendwie unter Kontrolle zu bringen.
Dahinter lag die Küste. Die Klippe selbst war unsichtbar, nur ein dunklerer Schatten vor dem Schwarz der Nacht. Aber sie konnte die Stadt sehen, wie ein Diadem aus tausend mal tausend mal tausend Lichtern, das über einen gewaltigen Bereich der Küste verstreut war. Seltsamerweise lag sie unter ihnen...
Eine geraume Weile verging, bis Tally klar wurde, was diese Beobachtung bedeutete.
»Wir... wir steigen!« rief sie aus. »Karan - wir steigen nach oben!«
»Natürlich«, antwortete Karan. »Es gibt starke Auf-winde hier an der Küste. Das ist es nicht, was Karan Sorge macht!«
»Wasss sssonst?» wisperte Hrhon.
Karan wies mit einer Kopfbewegung auf die schwarze Wand, in die sie hineinschossen. »Der Gleiter ist zu schnell. Karan wird ihn nicht landen können, ohne daß er zerbricht!«
Tally wollte etwas darauf antworten, doch in diesem Moment traf ein harter Schlag den Gleiter. Die gewaltigen Schwingen ächzten wie unter einem Hieb. Tally wurde nach vorne geschleudert, prallte heftig gegen Angellas Gesicht und schmeckte Blut, als sie sich auf die Zunge biß.
Dann überschlugen sie sich.
Tallys Herz blieb stehen, als das ganze, gewaltige Gefährt eine Drehung um seine eigene Achse machte, einen entsetzlich endlosen Sekundenbruchteil lang kopfüber durch die Luft schoß und sich mit quälender Langsamkeit wieder aufrichtete.
Als sie die Augen wieder öffnete, waren der Himmel und der schreckliche schwarze Abgrund unter ihnen verschwunden. Der Gleiter schoß durch eine wogende Unendlichkeit. Flockiger grauer Nebel wich mit der gleichen Geschwindigkeit vor ihnen zurück, in der sie hin-durchjagten. Plötzlich wurde es kalt, entsetzlich kalt. Ein feuchter, prickelnd-kalter Film legte sich auf Tallys Gesicht und Hände. Das weiße Holz des Gleiters begann zu glänzen, als wäre es lackiert.
»Die Wolken!« schrie Karan. »Haltet euch fest. Es ist nicht mehr weit!«
Als wäre sein Ruf ein Stichwort gewesen, tauchte der Gleiter durch die Wolkendecke hindurch, und unter ihnen lag eine gewaltige, schwarz-braun-grün gemusterte Ebene, eine Landschaft aus Farben, die so schnell ineinanderflossen, daß Tally zum ersten Mal eine Vorstellung von der unglaublichen Geschwindigkeit bekam, mit der sie sich fortbewegten. Plötzlich verstand sie Karans Angst.
Der Gleiter glitt in einem flachen Bogen nach unten, jagte einen Moment lang waagerecht dahin und schoß dann wieder in die Höhe, auf die brodelnde weißgraue Wolkendecke zu. Aber kurz, bevor er sie erreichte, senkte sich seine spitze Nase wieder. Die riesigen hölzernen Schwingen ächzten, als Karan den Hebel mit aller Kraft an sich heranzog. Tally konnte hören, wie sich das Haifischruder hinter ihr bewegte. Das Holz stöhnte, als litte es Schmerzen.
Wieder glitten sie nach unten, etwas weiter als beim ersten Mal, und wieder nahm ihre Geschwindigkeit zu.
Aber wieder riß Karan das bizarre Gefährt in die Höhe, und wieder herab, und wieder hoch...
Tally glaubte zu verstehen, warum Karan das tat. Sie kamen dem braunschwarzen Etwas unter ihnen jedesmal ein Stück näher, aber mit jeder Steigung sank ihr Tempo auch etwas mehr, als bei Sturz in die Tiefe zunahm.
Karan versuchte offensichtlich, die Geschwindigkeit des Gleiters auf diese Weise allmählich zu vermindern.
Mehr als eine halbe Stunde mußte auf diese Weise vergehen. Keiner von ihnen sprach; selbst Angella starrte Tally nur voller Zorn an. Und ganz allmählich kamen sie tiefer. Trotz der geschlossenen Wolkendecke, unter der sie dahinjagten, war es hell, sogar heller als oben im Licht der Sterne, als leuchteten die Wolken aus sich heraus, so daß Tally erkennen konnte, was unter ihnen war.
Es war Wald.
Ein gigantischer, kompakter Wald, der so dicht war, daß der Gleiter über einen Ozean aus Schwarz und Grün dahinzuschießen schien. Tally fragte sich, wie tief der eigentliche Boden noch unter diesem Blätterdach liegen mochte.
Plötzlich schrie Angella auf, hob den Arm und deutete mit schreckgeweiteten Augen auf einen Punkt irgendwo hinter und über ihr. Tally fuhr herum...
... und erstarrte vor Schrecken.
Sie hatte es immer für eine bloße Redensart gehalten
- aber in diesem Moment spürte sie die eisige Hand ganz real, die nach ihrem Herzen griff.
Über ihnen teilte sich der Himmel, Und aus der brodelnden Wolkendecke hervor senkte sich die Nacht auf den Gleiter herab.
Sie tat es in Gestalt einer gigantischen, fliegenden Kreatur, einem ungeheuerlichen Scheusal aus geronnene-ner Schwärze und fleischgewordener Bosheit, einem Ungeheuer, fünfzig Meter lang und mit riesigen, schlagen-den Lederschwingen, Haß in den Augen und loderndes Feuer in dem gewaltigen, halb geöffneten Maul.
Der Drache schoß mit der Schnelligkeit eines stürzenden Felsens auf den Gleiter herunter, verfehlte ihn um wenige Meter und fing seinen Sturz mit geradzu spielerischer Leichtigkeit ab. Seine riesigen Krallen hatten das zerbrechliche Fahrzeug verfehlt - aber der Sturmwind seiner Schwingen traf es wie ein Hammerschlag.
Tally schrie auf, als der Gleiter jäh zur Seite kippte, einen Moment lang in schier unmöglicher Schräglage in der Luft hing und dann zu trudeln begann. Wolken und Wald begannen einen irrsinnigen Tanz rings um sie herum aufzuführen. Etwas Schwarzes, Gigantisches, huschte durch ihr Blickfeld und verschwand wieder. Für einen winzigen Moment glaubte sie den Blick eines tückischen, absurd kleinen Augenpaares aufzufangen. Dann kippte der Gleiter zur anderen Seite, richtete sich schwerfällig wieder auf und sackte mit einem entsetzlichen Schlag durch, hundert, hundertfünfzig Meter senkrecht nach unten wie ein Stein, bis Karan das Gefährt wieder unter seine Kontrolle zwang. Tally wurde nach vorne geschleudert, prallte zum zweitenmal unsanft gegen Angellas Gesicht und stöhnte vor Schmerz, als sich der Bootsrand in ihre Rippen bohrte.
Als sie das Gesicht aus Angellas Haaren nahm, war der Drache über ihnen. Wie ein Dämon aus einem Alptraum glitt er über und ein Stück hinter dem Gleiter dahin, eine schwarzgeschuppte Bestie, glänzend wie lackiertes Leder, die beiden Reiterinnen in seinem Nacken zur Lächerlich-keit zusammengeschrumpft. Der Gleiter tanzte auf dem Wind wie ein Boot im Orkan, als das Ungeheuer mit den Flügeln schlug.
»Karan!« brüllte Tally. »Tu etwas!«
Sie hatte selbst nicht damit gerechnet - aber Karan reagierte tatsächlich. Als die gigantischen Schwingen des Drachen das nächste Mal die Luft peitschten, sackte der Gleiter nicht mehr nach unten, sondern schwang sich wie ein bizarrer hölzerner Vogel auf die Sturmwoge, machte einen gewaltigen Satz nach vorne und oben und schoß dicht vor dem schuppigen Kopf des Ungeheuers in die Höhe.
Ein zorniger, unglaublich lauter Schrei marterte Tallys Ohren. Für eine unendlich kurzen, aber auch unendlich schrecklichen Moment befanden sie sich auf gleicher Höhe mit dem droschkengroßen Schädel der Bestie. Tally spürte Hitze; einen Gestank wie nach Schwefel und brennendem Fleisch und Fäulnis, sah die winzigen tückischen Augen des Ungeheuers und seine um so größeren Zähne, spitz und schwarz wie geschliffene Kohlen.