»Du weißt, dass er dort unten bei den anderen ist.« sagte das Mädchen, das neben mir gefesselt im Sand auf dem kleinen Hügel stand, mit dem Wassersack an einem Riemen über ihrer Schulter.
»Ja.« flüsterte ich verängstigt.
Ihn fürchtete ich am meisten von allen.
»Nimm dich in Acht.« sagte das Mädchen noch einmal.
Ich nickte, krank vor Angst.
»Fürchte dich nicht.« sagte der Wächter. »Es ist unwahrscheinlich, dass sie versuchen, dich umzubringen, während sie in Ketten sind. Wie sollten sie entkommen? Und wenn sie es doch versuchen, greife ich vielleicht ein. Es könnte sogar sein, dass ich noch rechtzeitig komme.«
»Ja, Herr.« flüsterte ich verängstigt.
Ich wusste, wenn sie mich töten wollten, könnten sie das ziemlich schnell erledigen. Der Wächter, der gewöhnlich auf dem Hügel stand, würde auf jeden Fall zu spät kommen. Mir konnte in einem Augenblick der Hals gebrochen werden oder sie würden mich erwürgen. Ich sah ängstlich zu dem anderen Mädchen. Sie war wie ich in Samnium verkauft, jedoch direkt an einen Agenten Ionicus’, und zur Schwarzen Kette geschickt worden, die zu dieser Zeit in Torcadino stationiert war. Mit der Kette war sie in den Osten nach Venna gekommen. Der Agent in Samnium hatte sie, wie ich von einem anderen Mädchen erfahren hatte, das gemeinsam mit ihr verkauft worden war, für siebzig Kupfer-Tarsks gekauft. Ich hatte fünfzig gebracht. Das Mädchen selbst, das mir das alles erzählt hatte, war für nur vierzig verkauft worden.
Es schien, als wären wir alle sehr billig gewesen. Sicher, wir waren gestohlene Sklavinnen gewesen. Die Übergangszeit war natürlich vorbei gewesen, jetzt wir waren natürlich vollständig und in jeder Hinsicht legales Eigentum unseres Herren, Ionicus aus Cos. Ich ärgerte mich etwas, dass ich für 20 Kupfer-Tarsks weniger verkauft worden war als die andere. Ich war bestimmt genauso schön wie sie, oder vielleicht sogar schöner. Auf jeden Fall waren wir beide, da war ich sicher, aufregende Sklavinnen. Vielleicht lag es an dem einzelnen Mann und wie sehr wir ihn interessierten? Vielleicht war ich verkauft worden, bevor der Agent auf dem Markt eingetroffen war? Außerdem hatte mein früherer Herr, Gordon, fünfzig Kupfer-Tarsks für mich bezahlt, was für ihn zweifellos viel Geld gewesen war. Er war schließlich nur ein umherziehender Musikant gewesen und kein Agent von so etwas ähnlichem wie einer internationalen Gesellschaft mit beträchtlichem Kapital!
Ich war sicher, dass ich schöner war als sie oder dass mich einige Männer, nein, viele Männer so einschätzen würden! Bestimmt stand ich auf einigen der Bäderlisten höher als sie!
Ich ging langsam durch den Sand den Hügel hinunter. Langsam ging ich nicht nur, weil ich Angst hatte, sondern auch weil der Weg steil war und ich wegen meiner Ketten nicht stolpern wollte. Es war kurz nach der zehnten Ahn, dem goreanischen Mittag. Mein Schatten vor mir auf dem heißen Sand war kurz. Hier und da wuchs hartes, raues Gras oder ein Unkraut auf dem Sand. Ich drehte mich einmal nach dem Wächter und dem Mädchen um, die oben auf dem kleinen Hügel standen. Dann erreichte ich die Gruppe der Arbeiter. Sie arbeiteten im Sand in einem kleinen Tal zwischen flachen Hügeln. Ihr Tal war durch den Hügel nebenan von den anderen Gruppen getrennt. Zuerst machte ich mir darüber keine Gedanken. Meine Hauptsorge war, dass der Wächter sehen konnte, was passierte. Ich lief durch den tiefen Sand des Tales, was besser ging als im Sand des Hügels.
Dann blieb ich stehen. Die halbnackten, schwitzenden, muskulösen Männer, deren Füße aneinandergekettet waren, drehten sich zu mir um. Seit ich zur Kette gekommen war, hatte ich am meisten gefürchtet, diese Gruppe bedienen zu müssen. Bis letzte Nacht war ich ihr noch nie zugeteilt worden. Als ich mich vor einigen Tagen dem Aufseher präsentieren musste, hatte ich gehofft, er würde Interesse an mir finden und mich in seinem Zelt behalten, als seine persönlichen Schlampe. Aber nicht mich hatte er gewählt.
Als ich vor ihn gebracht wurde, kniend mit meinen Ketten, meine Tunika über meine Schultern zurückgeschlagen, war schon ein Mädchen neben seinem Stuhl. Es war die, die die erste an der Sklavenkette und einmal eine reiche Frau gewesen war. Sie war immer noch gefesselt auf allen vieren. Ihre Arbeitstunika war entfernt worden und ein kleines Stück Seide hing an einen Lederriemen um ihre Taille geknotet vor ihr hinunter. Unsere Augen begegneten sich. Sie sah nach unten. Der Aufseher hatte seine Wahl schon getroffen. Seitdem hatte auch ich, genauso wie andere Mädchen, das Stück Seide in seinem Zelt getragen. Er konnte jede von uns haben.
Ich würde jetzt mit gesenktem Kopf zu den Männern gehen.
Ich würde jeden fragen: »Wasser, Herr?«
Vor denen, die Wasser wollten, würde ich niederknien und ihnen eine Tasse eingießen. Es war selbstverständlich, dass ich niederkniete, ich war schließlich eine Sklavin und sie waren freie Männer, auch wenn sie jetzt gefesselt und, zu Recht oder nicht, Zwangsarbeiter waren. Eine Sklavin kniet gewöhnlich vor freien Männern, wenn sie ihnen etwas serviert.
»Wein, Herr?« ist ein verbreiteter Ausdruck. Damit bietet die Sklavin dem Herrn nicht nur ein Getränk an, sondern damit verbunden auch den Wein ihrer Liebe, ihres Körpers und ihrer Schönheit. Ich hatte gebettelt, nicht diese Gruppe bedienen zu müssen. Meine Bitten waren ignoriert oder verhöhnt worden. Wenn sie schon keine Rücksicht auf meine Gefühle nahmen, dann würden sie sich vielleicht auch nicht darum sorgen, das Eigentum ihres Arbeitgebers einem solchen Risiko auszusetzen? Dann erinnerte ich mich daran, dass Ionicus aus Cos für mich sehr viel mehr gezahlt hatte, als für einen weiblichen Arbeitssklaven üblich ist und dass er das zu seinem »Vergnügen« getan hatte.
Ich sah zur Gruppe und schauderte. Es waren fünfzig Männer an der Kette. Dreiundzwanzig von ihnen waren mit meiner Hilfe in Argentum entführt worden. Langsam ging ich durch den Sand zu ihnen. Dann blieb ich wieder stehen und blickte zurück auf den Hügel. Konnte mir keine Geste der Gnade zuteil werden, dass ich zurücklaufen durfte über den losen Sand, zurück in die Sicherheit des Hügels und der Peitsche und des Schwertes des Wächters? Der Wächter machte aber keine Bewegung. Das Mädchen, das neben ihm stand, schien sehr ängstlich.
»Wieso muss ich dir immer wieder begegnen?« hatte sie wütend ausgerufen, als ich zum ersten Mal in das Gehege gekommen war, noch in den Ketten, in denen ich zum Lager gebracht worden war. Ich hatte sie soweit als möglich gemieden. Jetzt aber konnte ich das nicht mehr.
Wir waren derselben Gruppe zugeteilt. Ich glaube, ihr war das mittlerweile genauso egal wie mir. Sie hatte Angst, aber nicht so sehr um mich, sondern vor dem, was einer der Männer hier unten tun könnte, etwas, für das er bestraft oder sogar getötet werden könnte. Während ich gebettelt hatte, dieser Gruppe nicht zugeteilt zu werden, hatte sie schon vor Wochen, wie ich gehört hatte, darum gebeten, hier bedienen zu dürfen. Sicher hatte sie hier nicht mehr als jedes andere Mädchen zu befürchten. Ich dagegen hatte sehr viel zu fürchten. Die Wachen hatten ihrer Bitte entsprochen. Sie arbeitete scheinbar sehr hart, um ihren Posten in dieser Gruppe zu behalten, transportierte unermüdlich und geduldig Wasser, manchmal sogar in Doppelsäcken und diente am Abend eifrig und mit Raffinesse den Wachen. In den Gehegen wurde wegen der Häufigkeit, mit der sie zu den Wachen gerufen wurde, geflüstert, dass sie nicht immer eine gewöhnliche Arbeitssklavin gewesen war. Es wurde vermutet, dass sie einmal Vergnügungssklavin in einer Taverne, dass sie sogar Erstes Mädchen gewesen war.
Ich war jetzt wenige Fuß von dem ersten Mann entfernt. Ich erinnerte mich an ihn aus Argentum. Er war Metallarbeiter und ich hatte vorgegeben, auch seiner Kaste anzugehören. Der, den ich jedoch am meisten fürchtete, befand sich am Ende der Kette. Ich betrachtete die Werkzeuge, die die Männer in der Händen hielten. Jede dieser Schaufeln konnte mir mit einem einzigen Schlag den Kopf vom Körper trennen. Ich wusste, dass ich schnell, sehr schnell getötet werden konnte. Ich sah von einem Gesicht zum anderen und bemerkte, dass diese Männer mich wahrscheinlich überhaupt nicht schnell töten wollten. Wenn sie mich umbringen wollten, würden sie das wahrscheinlich lieber langsam tun.