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Schelfheim war vielleicht die einzige Stadt auf der Welt, deren Wehrmauer hinter einem Wall von Häusern lag, statt umgekehrt. Aber das Gewirr aus Straßen und Gebäuden und Plätzen hatte irgendwann vor hundert oder mehr Jahren damit begonnen, den steinernen Gürtel zu überwuchern, den seine Erbauer zum Schutz gegen einen Feind errichtet hatten, der niemals gekommen war, und sich in alle Richtungen ausgebreitet. Jetzt bedeckte es ein Gebiet von sicherlich hundertfünfzig Quadratmeilen. Ausdehnung. Es war die größte Stadt, die Tally jemals gesehen hatte, vielleicht die größte, die es überhaupt gab. Aber dadurch, daß nichts in ihr höher als zehn Meter war, wirkte sie auf den ersten Blick wie ein flachgewalzter Pfannkuchen und auf den zweiten Blick eigentlich eher erschreckend als majestätisch. Etwas an dieser Stadt störte sie.

Tally überlegte einen Moment, ob es vielleicht ihre Lage war: Schelfheim war auf dem nördlichsten Stück Norden erbaut worden, das es überhaupt gab. Von ihrem jenseitigen Ende aus mußte man fast in den Schlund spucken können. Ganz abgesehen von ihrer angeborenen Abneigung gegen Städte und zu viele Menschen war es kein Ort, an dem sie gerne gelebt hätte – eigentlich ein Ort, von dem sie sich überhaupt nicht vorstellen konnte, daß dort irgend jemand gerne lebte. Aber die Nähe der Hölle hat die Menschen schon von jeher fasziniert – vorausgesetzt, sie war nicht so nahe, daß sie wirklich gefährlich werden konnte. Sie hatten die Pferde auf dem letzten Felsenkamm anhalten lassen. Tally spürte, wie der Rappe vor Erschöpfung zitterte. Der Ritt war lang gewesen und überaus anstrengend. Sie hatten den schweren, aber sehr viel kürzeren Weg durch die Berge genommen und darauf gebaut, daß der Frühling schneller sein würde als sie – was ein Irrtum gewesen war. Schon am Abend des zweiten Tages waren sie in heftiges Schneetreiben geraten, das bald zu einem Sturm angewachsen war, der sie drei Tage in einer Felsenhöhle festgehalten hatte. Tally schauderte noch jetzt, wenn sie daran zurückdachte. Sie hatten das Packpferd geschlachtet und gegessen und alles verbrannt, was brennbar war; ihre ohnehin schmale Habe war auf das zusammengeschmolzen, was sie am Leib trugen. Und trotzdem wären sie um ein Haar erfroren. Zum ersten Mal seit sechzehn Jahren hatten sie Hrhons Kräfte im Stich gelassen, denn der Waga war ein Kaltblüter und hilfloser als sie. Anders als gewohnt hatte sie dafür sorgen müssen, daß er nicht starb. Hätte der Sturm noch einen Tag länger angehalten...

Tally verscheuchte den Gedanken, strich ein wenig pulverigen Schnee aus der Mähne ihres Pferdes und tätschelte dem Tier geistesabwesend den Hals. Das Fell des Rappen dampfte vor Kälte; sein Schweiß roch schlecht. Sie konnte von Glück sagen, wenn das Tier noch bis Schelfheim durchhielt, wo sie es gegen ein neues eintauschen konnte. Und Hrhons Pferd...

Sie drehte sich halb im Sattel herum und blickte zu dem Waga zurück, der in unnachahmlich grotesker Haltung auf dem Rücken seines Kleppers hockte – einen anderen Namen verdiente die Schindmähre wirklich nicht. Der Händler, dem sie es für einen Wucherpreis abgekauft hatte, mußte sie insgeheim für völlig übergeschnappt gehalten haben, für ein solches Pferd auch nur einen roten Heller auszugeben. Es war nicht nur häßlich, sondern auch halb lahm und bewegte sich selbst im Galopp nicht sehr viel schneller als ein Spaziergänger. Aber es war das mit Abstand größte Pferd gewesen, das sie hatten finden können, und bisher das einzige, das Hrhons Gewicht länger als zwei Tage ertragen hatte, ohne tot unter ihm zusammenzubrechen.

»Issst esss nhoch wheit?« fragte Hrhon, als er ihren Blick bemerkte.

Tally schüttelte den Kopf, wodurch etwas Schnee aus ihrem Haar fiel und unter ihren Kragen rutschte. Eine Welle prickelnder Kälte breitete sich zwischen ihren Schulterblättern aus. »Ein paar Meilen noch«, sagte sie.

»Mit etwas Glück erreichen wir die Stadt noch vor Sonnenuntergang.«

Hrhon antwortete nicht, und Tally war auch nicht sicher, ob er ihre Worte überhaupt verstanden hatte. Sie sprach es niemals aus, und sie gab sich auch alle Mühe, es sich nicht anmerken zu lassen – aber Hrhon bereitete ihr in den letzten Monaten Sorgen.

Sie hatte ihn und Essk in einem Land kennengelernt, in dem es niemals Winter gab, und obwohl sie gewußt hatte, daß er ein Kaltblüter war, hatte sie niemals auch nur einen Gedanken daran verschwendet, bis sie in den Norden gezogen waren, fort vom Äquator und hinein in den weitaus größeren Rest der Welt, in dem der Unterschied zwischen Sommer und Winter nicht nur an der Anzahl der Regentage gemessen wurde.

Dreimal in den vergangenen vier Monaten hatte sie geglaubt, daß Hrhon sterben würde, und einmal war er in eine Starre verfallen, aus der er fast eine Woche lang nicht aufgewacht war. Selbst jetzt, als das schlimmste hinter ihnen lag und die Temperaturen nur noch selten unter den Gefrierpunkt fielen, wirkte der Waga apathisch. Er schlief fast ununterbrochen, auch wenn sie ritten.

Sie verjagte auch diesen Gedanken, gab Hrhon ein Zeichen, weiterzureiten und trabte vor ihm den gewundenen Weg hinab. In Schelfheim würden sie ein Zimmer mit einem Kamin und einem guten Feuer nehmen, auch wenn es ihr letztes Geld verschlingen würde, und Hrhon auftauen. Auch sie sehnte sich nach einem weichen Bett und einer Nacht, in der sie nicht ein halbes dutzendmal aufwachte und glaubte, erfrieren zu müssen.

Nach einer Weile erreichten sie die Klippe – ein zerborstener, nahezu lotrecht abfallender Felsensturz, der eine gute Viertelmeile in die Tiefe führte. Sehr weit entfernt in westlicher Richtung erkannte Tally das filigrane Gespinst einer Brücke, die in kühn geschwungenem Bogen zum Schelf hinabging, aber der Gedanke, dort hinüberzureiten, behagte ihr nicht – es waren fünf oder sechs Meilen, mindestens, und Hrhon und sie waren noch immer Gejagte. Brücken waren Orte, an denen man sich nur schlecht verstecken konnte, und an denen es auf der anderen Seite immer neugierige Augen gab, die zu viel sahen.

Tally war ein wandelnder Schatz für den, der sie erkannte. Nach den letzten Informationen, die sie hatte, betrug die Belohnung, die auf ihren Kopf ausgesetzt war, mittlerweile tausend Goldstücke. Dem Mann, von dem sie dieses Wissen hatte, hatte seine Entdeckung allerdings kein Geld, dafür aber zwei gebrochene Arme eingebracht.

Nein – sie würde nicht zu dieser Brücke reiten. Wäre sie allein gewesen, wäre sie vielleicht einfach die Klippe hinuntergestiegen; denn die Wand war zwar hoch und fast senkrecht, aber so zerklüftet, daß selbst ein Kind an ihr hinabklettern konnte. Ein vor Kälte halb erstarrter Waga jedoch nicht. Nun, es gab andere Wege hinunter auf das Schelf – und Tally wußte auch, wo sie zu finden waren.

Statt nach Westen, der Brücke zu, wandten sie sich in die entgegengesetzte Richtung. Es begann wieder zu schneien, pulverfeiner trockener weißer Schnee, der wie Dampf im Wind tanzte und unter ihre Kleider, in ihre Augen und die Nase kroch und sie zum Niesen reizte. Länger als eine Stunde ritten sie durch eine Welt, die in jeder Richtung nur drei Schritte groß war und dann in wirbelnden weißen Schwaden endete. Es wurde sehr kalt, und Tally sah jetzt immer häufiger besorgt zu Hrhon zurück, der in verkrampfter Haltung auf dem Pferd hockte und sicher schon längst heruntergefallen wäre, hätte er sich nicht im Sattel festgebunden. Endlich ließ das Schneetreiben ein wenig nach, und kurz darauf fand sie die Stelle, die ihr der Mann auf der anderen Seite der Berge beschrieben hatte – einen gewaltigen, steinernen Bogen, der in kühnem Winkel weit über die Klippe hinausreichte, wie eine Brücke, die irgendwann einmal abgebrochen war. Tally hatte bis zum letzten Moment nicht gewußt, ob ihr der Mann nun die Wahrheit gesagt oder einfach nur ihr Geld genommen und darauf vertraut hatte, daß sie ja sowieso nicht wiederkommen und ihn zur Rechenschaft ziehen würde. Aber der Felsenbogen war da, und nach kurzem Suchen entdeckte sie auch den Höhleneingang, genau an der Stelle, die ihr beschrieben worden war.