Dann schlug Coll unkontrolliert um sich und riß sich los. Als sich seine Hände vom Heft des Schwerts von Shannara lösten, verschwanden die Bilder sofort, und das weiße Feuer erstarb. Par stolperte rückwärts, und sein Kopf traf mit voller Wucht auf dem Fuß eines Baumes auf. Durch einen wirbelnden, düsteren Dunst beobachtete er, wie sich sein Bruder, von Schattenwesen vereinnahmt, noch immer in den verhaßten Umhang gehüllt, wie ein Geist der Unterwelt erhob. Einen Moment lang kauerte er da, die Hände gegen seinen von der Kapuze verhüllten Kopf gepreßt, als wolle er die noch immer darin verschlossenen Bilder zerschmettern. Er schrie gegen seinen Wahnsinn an, und im nächsten Moment war er fort, in die Bäume geflohen. Er schrie, während er lief, bis die Schreie nur noch ein Echo in dem entsetzten Geist seines Bruders waren.
Und dann war Damson da, half Par auf und hielt ihn fest, bis sie sicher war, daß er allein stehen konnte. Ihre Augen drückten Bemühen und Angst aus, und er nahm wahr, wie sie ihren Körper bewegte, um ihn zu schützen. Sanfte Strahlen des Morgenlichts sprenkelten ihre Gesichter, während sie sich aneinander klammerten. Zusammen schauten sie hinaus in die Dunkelheit des Waldes, als könnten sie dort noch einen letzten Blick auf das Wesen erhaschen, das vor ihnen floh.
»Es war Coll.« Par hauchte die Worte, als wären sie ein Fluch. »Damson, es war Coll!«
Sie starrte ihn ungläubig an und wagte nichts zu erwidern.
»Und dies!« Er hielt das Schwert von Shannara hoch, das er noch immer mit seinen zerkratzten, wunden Händen umklammert hielt. »Dies ist das Schwert!«
»Ich weiß«, flüsterte sie, denn sie war sich dieser zweiten Behauptung weitaus sicherer. »Ich habe es gesehen.«
Er schüttelte verwirrt den Kopf und versuchte noch immer zu verstehen. »Ich weiß nicht, was geschehen ist. Etwas hat die Magie ausgelöst. Ich weiß nicht, was es war. Aber es war da, in dem Schwert verborgen.« Er wirbelte herum, um sie anzusehen. »Ich konnte es nicht allein hervorbringen, aber als wir beide während des Kampfes die Klinge berührten...« Seine Finger legten sich fest um ihren Arm. »Ich habe ihn gesehen, Damson – so deutlich, wie ich dich sehe. Es war Coll.«
Damson versteifte sich. »Par, Coll ist tot.«
»Nein.« Der Talbewohner schüttelte nachdrücklich den Kopf. »Nein, er ist nicht tot. Ich sollte das nur denken. Aber es war nicht Coll, den ich in der Grube getötet habe. Es war jemand oder etwas anderes. Das« – er deutete auf die Bäume – »war Coll. Das Schwert hat es mir gezeigt, Damson. Das Schwert hat mir die Wahrheit gezeigt. Coll war in der Südwache gefangen und ist entkommen. Aber er ist durch diesen schwarzen Umhang, den er trägt, verwandelt worden. Darin ist eine Art feindselige Magie, etwas, das jeden zerstört, der ihn trägt. Es ist Coll, aber er verwandelt sich in ein Schattenwesen!«
»Par, ich habe sein Gesicht auch gesehen. Und es sah ein wenig wie Coll aus, aber nicht so sehr, daß...«
»Du hast nicht alles gesehen«, unterbrach er sie. »Ich aber wohl, weil ich das Schwert gehalten habe, und das Schwert von Shannara enthüllt die Wahrheit! Erinnerst du dich an die Legenden?« Er war so erregt, daß er schrie. »Damson, dies ist das Schwert von Shannara! Es ist es! Und das war Coll!«
»Bestimmt. Ja.« Sie nickte schnell und versuchte, ihn zu beruhigen. »Es war Coll. Aber warum hat er uns gejagt? Warum hat er dich angegriffen? Was hat er vorgehabt?«
Par kniff die Lippen zusammen. »Ich weiß es nicht. Ich hatte nicht genug Zeit, es herauszufinden. Und Coll weiß auch nicht, was vorgeht. Ich konnte einen Moment lang sehen, was er dachte – als wäre ich in seinem Geist gewesen. Er hat erkannt, was ihm angetan wurde, aber er wußte nicht, was er dagegen tun kann. Darum ist er davongelaufen, Damson. Er war entsetzt über das, was aus ihm geworden war.«
Sie sah ihn an. »Wußte er, wer du warst?«
»Ich weiß es nicht.«
»Oder wie er sich selbst helfen kann? Wußte er genug, um den Umhang abzulegen?«
Par atmete tief durch. »Das glaube ich nicht. Ich bin nicht einmal sicher, daß er es kann.« Sein Gesicht zeigte Betroffenheit. »Er wirkte so verloren, Damson.«
Sie legte dann ihre Arme um ihn, und er hielt sie, als sei sie ein Felsen, ohne den ihn das Meer seiner Unsicherheit fortschwemmen würde. Der Sonnenaufgang erhellte den Himmel im Osten. Vögel erwachten mit freudigen Rufen, und ein dünner Film von Feuchtigkeit glitzerte auf dem Gras.
»Ich muß ihm nachgehen«, sagte Par an ihrer Schulter, obwohl er spürte, wie sie sich bei diesen Worten versteifte. »Ich muß versuchen, ihm zu helfen.« Er schüttelte verzweifelt den Kopf. »Ich weiß, damit werde ich mein Versprechen, Padishar zurückzuholen, brechen. Aber Coll ist mein Bruder.«
Sie änderte ihre Haltung, um in sein Gesicht zu sehen. Ihr Blick suchte den seinen und wich nicht aus. »Du hast dich bereits entschieden, nicht wahr?« Sie wirkte erschreckt. »Es ist vielleicht eine Falle, meinst du nicht?«
Er lächelte verbittert. »Das weiß ich.«
Sie blinzelte aufgeregt. »Und ich kann nicht mit dir kommen.«
»Auch das weiß ich. Du mußt zum Firerim Reach weiterziehen und Hilfe für deinen Vater holen. Das verstehe ich.«
Tränen traten ihr in die Augen. »Ich möchte dich nicht verlassen.«
»Ich möchte dich auch nicht verlassen.«
»Bist du sicher, daß es Coll war? Absolut sicher?«
»So sehr, wie ich sicher bin, daß ich dich liebe, Damson.«
Sie legte ihre Arme wieder um ihn. Sie sagte nichts, aber sie barg ihr Gesicht an seiner Schulter. Er konnte sie weinen spüren. Er konnte spüren, wie er innerlich zerbrach. Die Begeisterung darüber, daß sie Paranor gefunden hatten, war vergangen, die Entdeckung selbst war fast vergessen. Das Gefühl des Friedens und der Zufriedenheit, das er kurzzeitig erlebt hatte, als er aus Tyrsis freigekommen war, lag in der Vergangenheit vergraben.
Er machte sich erneut frei. »Ich werde zu dir zurückkommen«, sagte er leise. »Wo auch immer du sein wirst, ich werde dich finden.«
Sie biß sich auf die Unterlippe und nickte. Dann durchsuchte sie ihre Kleidung und zog kurz darauf eine dünne, flache Metallscheibe mit einem Loch darin hervor, durch das ein Lederband gezogen war. Sie löste die Scheibe von ihrem Hals, betrachtete sie einen Moment lang und sah ihn dann an.
»Dies hier wird Skree genannt«, sagte sie. »Es ist eine Art Magie, eine Straßenmagie. Sie wurde mir vor langer Zeit gegeben.« Feuer brannte in dem Blick, den sie ihm zuwarf. »Sie kann nur einmal benutzt werden.«
Dann nahm sie die Scheibe in beide Hände und brach sie so leicht entzwei wie einen morschen Stock. Sie gab ihm die abgetrennte Hälfte. »Nimm sie und binde sie dir um den Hals. Lege sie niemals ab. Die Hälften werden einander wiederfinden. Wenn das Metall glüht, will es uns sagen, daß wir einander nahe sind. Je heller es wird, desto näher werden wir uns sein.«
Sie drückte ihm die abgebrochene Hälfte der Scheibe in die Hände. »So werde ich dich wiederfinden, Par. Und ich werde niemals aufhören, dich zu suchen.«
Er schloß seine Finger um die Scheibe. Ihm war, als habe sich eine Grube unter ihm geöffnet und wolle ihn verschlingen. »Es tut mir leid, Damson«, flüsterte er. »Ich will das nicht tun. Ich würde mein Versprechen halten, wenn ich es könnte. Aber Coll lebt, und ich kann nicht...«