Bündel von Wildblumen waren in großen Vasen auf den Regalen neben den Bierfässern und auf den Ständern mit den Krügen angeordnet.
Blumen – hier, ausgerechnet hier! Er schüttelte den Kopf.
Die Schwingtüren öffneten sich, und ein Junge mit einem Besen trat hindurch. Er war groß und hager, hatte kurzgeschorene, schwarze Haare und feine, fast zarte Gesichtszüge. Er bewegte sich mit fließender Anmut, während er entlang der Theke fegte, fast als tanze er, den Besen gedankenverloren vor sich hin und her schwingend. Er pfiff leise und hatte Morgan offensichtlich noch nicht registriert.
Morgan änderte seine Haltung gerade soweit, daß seine Anwesenheit bemerkt wurde, und der Junge schaute sofort auf.
»Wir haben geschlossen«, sagte er. Kobaltblaue Augen waren auf den Hochländer gerichtet, ein offener, fast herausfordernder Blick begegnete ihm. »Wir öffnen in der Dämmerung.«
Morgan schaute zurück. Das Gesicht des Jungen war glatt und unbehaart, und seine Hände waren lang und dünn. Die Kleidung, die er trug, war locker und formlos und hing an ihm wie an Stöcken. Sie war um seine schmale Taille gegürtet und an den Knöcheln zusammengebunden. Er trug Schuhe anstelle von Stiefeln, tiefgeschnittene, genähte Lederschuhe, die sich seinen Füßen angepaßt hatten.
»Ist dies das Whistledown?« fragte Morgan, der beschlossen hatte, sich dessen besser zu versichern.
Der Junge nickte. »Kommt später zurück. Nehmt zuerst ein Bad.«
Morgan blinzelte. Ein Bad nehmen? »Ich suche jemanden«, sagte er und begann sich unter dem stetigen Blick unbehaglich zu fühlen.
Der Junge zuckte die Achseln. »Ich kann Euch nicht helfen. Außer mir ist niemand hier. Versucht es auf der anderen Seite der Straße.«
»Danke. Aber ich suche nicht einfach nach irgend jemandem...« begann Morgan.
Doch der Junge wandte sich bereits ab, schwenkte den Besen wieder über den Boden und bewegte sich auf die Theke zu. »Wir haben geschlossen«, wiederholte er, als würde das die Angelegenheit klären.
Morgan begann erneut, während sich eine Spur Verwirrung in seine Stimme einschlich. »Warte einen Moment.« Er griff nach der Schulter des anderen. »Warte einen Augenblick. Sagtest du, wir seien die einzigen...?«
Der Junge fuhr herum, als Morgan ihn berührte, der Besen wurde angehoben, und sein stumpfes Ende stieß dem Hochländer hart unter die Rippen. Morgan wankte zurück, wie betäubt, fiel dann auf ein Knie und keuchte.
Der Junge trat neben ihn und beugte sich herab. »Wir haben geschlossen, das sagte ich Euch doch. Ihr solltet besser aufpassen.« Er half Morgan hoch, überraschend kräftig für seine Hagerkeit, und führte ihn zur Tür. »Kommt später wieder, wenn wir geöffnet haben.«
Und das nächste, was Morgan registrierte war, daß er wieder draußen auf der Straße stand, sich an die hölzerne Außenwand des Gebäudes lehnte und die Arme um seinen Körper geschlungen hielt, als laufe er Gefahr, auseinanderzufallen – was keine unzutreffende Bezeichnung dafür war, wie er sich fühlte. Er atmete mehrere Male tief durch und wartete darauf, daß der Schmerz in seiner Brust nachließ.
Das ist lächerlich, dachte er verärgert. Ein Junge!
Schließlich gelang es ihm, sich aufzurichten. Er befestigte die Schulterriemen seines Schwertes, wo sie sich zu lösen begonnen hatten, und trat erneut durch die Türen des Whistledown.
Der Junge, der jetzt hinter der Theke fegte, wirkte nicht erfreut, als er ihn sah. »Was ist wohl Euer Problem?« fragte er Morgan direkt.
Der Hochländer trat an die Theke heran und schaute. »Was wohl mein Problem ist? Ich hatte kein Problem, bis ich hier hereinkam. Glaubst du nicht, daß du mit diesem Besen ein wenig schnell gehandelt hast?«
Der Junge zuckte die Achseln. »Ich habe Euch gebeten zu gehen, und Ihr habt es nicht getan. Was erwartet Ihr?«
»Wie wäre es mit ein wenig Hilfe? Ich hatte dir doch gesagt, daß ich jemanden suche.«
Der Junge seufzte müde. »Jeder sucht jemanden – besonders die Leute, die hier hereinkommen.« Seine Stimme war leise und weich, eine seltsame Mischung. »Sie kommen hier herein, um zu trinken und sich besser zu fühlen. Sie kommen hier herein, um Gesellschaft zu finden. Gut. Aber sie müssen dies tun, wenn wir geöffnet haben. Und wir haben nicht geöffnet. Ist Euch das jetzt klar?«
Morgan spürte, daß er seine Geduld zu verlieren begann. Er schüttelte den Kopf. »Ich werde dir sagen, was mir jetzt klar ist. Mir ist jetzt klar, daß du keine Manieren hast. Jemand sollte dir den Hintern versohlen.«
Der Junge stellte den Besen ab und legte seine schlanken Hände auf die Theke. »Also, Ihr werdet das sicher nicht tun. Jetzt wendet Euch um und geht durch diese Tür wieder hinaus. Und vergeßt, was ich zuvor gesagt habe. Kommt auch später nicht zurück. Kommt überhaupt nicht wieder zurück.«
Einen Moment lang hatte Morgan Lust, über die Theke hinwegzugreifen, den Jungen am Genick zu packen und ihn herüberzuziehen. Aber die Erinnerung an diesen Besengriff war noch zu frisch, als daß er sich zu voreiligem Handeln ermutigt fühlte, und außerdem schien der Junge kein bißchen Angst vor ihm zu haben.
Morgan unterdrückte seinen Ärger, kreuzte die Arme vor der Brust und blieb stehen. »Ist sonst noch jemand hier, den ich sprechen kann?« fragte er.
Der Junge schüttelte den Kopf.
»Die Inhaberin vielleicht?«
Der Junge schüttelte den Kopf.
»Nein?« Morgan beschloß, es darauf ankommen zu lassen.
»Ist der Name der Inhaberin Matty Roh?«
Ein Flackern der Erkenntnis flammte in den kobaltblauen Augen auf, verweilte einen Moment und war dann fort. »Nein.«
Morgan nickte gemächlich. »Aber du weißt, wer Matty Roh ist, nicht wahr?« Er traf damit eine Feststellung.
Der Blick des Jungen blieb fest. »Ich bin es müde, mit Euch zu sprechen.«
Morgan ignorierte ihn. »Matty Roh. Sie ist es, die ich hier finden wollte. Und ich habe einen langen Weg zurückgelegt. Darum brauche ich ein Bad, wie du so direkt erklärt hast. Matty Roh. Nicht irgendeinen namenlosen Begleiter für irgendeinen unwichtigen Zweck.« Seine Stimme wurde schärfer. »Matty Roh. Du kennst den Namen, du weißt, wer sie ist. Wenn du mich also loswerden willst, dann sage mir einfach, wie ich sie finden kann, und ich werde gehen.«
Er wartete, mit verschränkten Armen und fest aufgestellten Füßen. Der Gesichtsausdruck des Jungen blieb unverändert. Sein Blick ließ Morgan niemals los. Aber seine Hände glitten hinter der Theke herab und kamen mit einem Schwert mit dünner Klinge wieder hervor. Die Art, in der er es hielt, verriet eine gewisse Vertrautheit damit.
»Nun, was soll das?« fragte Morgan ruhig. »Bin ich wirklich so unwillkommen?«
Der Junge war so still wie Stein. »Wer seid Ihr? Was wollt Ihr von Matty Roh?«
Morgan schüttelte den Kopf. »Das betrifft nur sie und mich.« Dann fügte er hinzu: »Soviel kann ich dir sagen: Ich bin nicht hier, um Ärger zu bereiten. Ich muß sie einfach sprechen.«
Der Junge betrachtete ihn eine Weile lang. Sein Blick war gerade und fest, und sein Körper völlig ruhig. Er stand hinter der Theke wie eine Statue, und Morgan hatte das unangenehme Gefühl, daß er zwischen der Möglichkeit zu fliehen und der Möglichkeit anzugreifen schwankte. Morgan beobachtete seine Augen und seine Hände, um einen Hinweis darauf zu finden, welchen Weg der Junge einschlagen würde, aber er rührte sich überhaupt nicht. Von draußen drangen die Geräusche der Straße durch die geöffneten Türen und hingen laut und aufdringlich in der Stille.
»Ich bin Matty Roh«, sagte der Junge.
Morgan Leah starrte ihn an. Fast hätte er laut aufgelacht und etwas darüber gesagt, wie lächerlich das war. Aber etwas in der Stimme des Jungen hielt ihn davon ab. Er betrachtete ihn etwas genauer – die feinen, zarten Gesichtszüge, die schlanken Hände, den hageren Körper, der unter lockerer Kleidung verborgen war, die Art, wie er sich hielt. Er erinnerte sich daran, wie sich der Junge bewegt hatte. Nichts von alledem schien ganz zu einem Jungen zu passen. Aber zu einem Mädchen...