Er nickte bedächtig. »Matty Roh«, sagte er, und seine Überraschung war noch immer offenkundig. »Ich dachte, Ihr wärt ein... daß Ihr ein...«
Das Mädchen nickte. »Das solltet Ihr auch denken.« Ihre Hand bewegte sich nicht von dem Schwert fort. »Was wollt Ihr von mir?«
Einen Moment lang erwiderte Morgan nichts, sondern kämpfte noch immer mit der Erkenntnis, daß er ein Mädchen fälschlicherweise für einen Jungen gehalten hatte. Schlimmer noch, daß er es zugelassen hatte, daß sie ihn dermaßen wie einen Narren hatte aussehen lassen. Aber sicherlich griff man auf die verfügbaren Verteidigungsmöglichkeiten zurück, wenn man an einem Ort wie Wyvern Split lebte. Das Mädchen war schlau. Er mußte zugeben, daß ihre Täuschung gelungen war.
Er griff in die Tasche seiner Tunika, entnahm ihr den Ring mit dem Falkenemblem und hielt ihn ihr hin. »Erkennt Ihr dies?«
Sie warf einen schnellen Blick auf den Ring, und ihre Hand krampfte sich um das Schwert. »Wer seid Ihr?« fragte sie.
»Morgan Leah«, sagte er. »Wir wissen beide, wer mir den Ring gegeben hat. Er hat mir gesagt, ich solle zu Euch gehen, wenn ich ihn finden müßte.«
»Ich weiß, wer Ihr seid«, erklärte sie. Ihr Blick blieb unverändert abschätzend. »Tragt Ihr noch immer ein zerbrochenes Schwert, Morgan Leah?«
Ein Bild von Quickening, wie sie sterbend dalag, flammte in seinem Geist auf. »Nein«, sagte er leise. »Es wurde wieder zu einem Ganzen.« Er schob den Schmerz beiseite, den die Erinnerung gebracht hatte, und zwang sich, über die Schulter zu greifen und das Heft des Schwertes zu berühren. »Wollt Ihr es Euch ansehen?«
Sie schüttelte ablehnend den Kopf. »Es tut mir leid, daß ich es Euch so schwer gemacht habe. Aber es ist schwierig zu wissen, wem man vertrauen kann. Die Föderation hat ihre Spione überall – Sucher häufiger als alles andere.«
Sie nahm ihr eigenes Schwert auf und ließ es wieder unter die Theke gleiten. Einen Moment lang schien sie nicht zu wissen, was sie als nächstes tun sollte. Dann sagte sie: »Möchtet Ihr etwas essen?«
Er sagte, das würde er gern, und sie führte ihn durch die Schwingtüren nach hinten in die Küche, wo sie ihn an einem kleinen Tisch Platz nehmen ließ, etwas Stew aus einem Kessel über dem Herd in eine Schüssel schöpfte, mehrere Stücke Brot abschnitt, Bier in einen Krug goß und alles zu ihm herüberbrachte. Er aß und trank eifrig, denn er hatte seit Tagen kaum etwas gegessen. Wildblumen standen in einer Vase auf dem Tisch, und er berührte sie versuchsweise. Sie beobachtete ihn schweigend, hatte immer noch denselben ernsten Ausdruck auf dem Gesicht und betrachtete ihn mit diesem offenen, neugierigen Blick. Die Küche war überraschend kühl, da eine Brise durch die geöffnete Hintertür hereinblies und den Rauchfang des Kamins durchlüftete. Geräusche von der Straße schwebten gleichzeitig herein, aber der Hochländer und das Mädchen ignorierten sie.
»Ihr habt lange gebraucht, um hierher zu gelangen«, sagte sie, als er seine Mahlzeit beendet hatte. Sie trug seine Teller zu einem Ausguß. »Er hat Euch früher erwartet.«
»Wo ist er jetzt?« fragte Morgan. Sie vermieden es unter großen Mühen, Padishar Creels Namen zu erwähnen – als ob der Föderationsspione alarmieren könnte.
»Was sagte er, wo er sein würde?« konterte sie.
Sie prüft mich noch immer, dachte Morgan. »Am Firerim Reach. Sagt mir etwas. Ihr seid sehr vorsichtig mit mir. Woher soll ich wissen, daß ich Euch vertrauen kann? Woher soll ich wissen, daß Ihr wirklich Matty Roh seid?«
Sie beendete den Abwasch, stellte die Teller zum Trocknen beiseite und wandte sich zu ihm um. »Das wißt Ihr nicht mit Sicherheit. Aber Ihr habt mich aufgesucht. Ich habe nicht Euch aufgesucht. Also müßt Ihr es riskieren.«
Er erhob sich. »Das ist nicht sehr beruhigend.«
Sie zuckte die Achseln. »Das soll es auch nicht sein. Es ist nicht meine Aufgabe, Euch zu beruhigen. Es ist meine Aufgabe, sicherzustellen, daß Ihr der seid, der zu sein Ihr behauptet.«
»Und seid Ihr jetzt sicher?«
Sie sah ihn an. »Mehr oder weniger.«
Ihr Blick war undurchdringlich. Er schüttelte den Kopf. »Wann werdet Ihr es genau wissen?«
»Bald.«
»Und was ist, wenn Ihr beschließt, daß ich lüge? Was ist, wenn Ihr beschließt, daß ich jemand anderer bin?«
Sie trat vor, bis sie ihm auf der anderen Seite des Tisches direkt gegenüberstand, bis das Blau ihrer Augen so hell war, daß es alles Licht zu verschlingen schien.
»Wir wollen hoffen, daß Ihr die Antwort auf diese Frage nicht herausfinden müßt«, sagte sie. Sie hielt seinen Blick herausfordernd fest. »Das Whistledown bleibt bis Mitternacht geöffnet. Wenn es schließt, werden wir darüber sprechen, was als nächstes geschehen soll.«
Er hätte schwören können, daß sie beinahe lächelte, als sie sich abwandte.
9
Morgan verbrachte den Rest des Tages in der Küche bei einer alten Frau, die hergekommen war, um das Kochen zu übernehmen, aber die meiste Zeit damit verbrachte, Bier aus einer Metallflasche zu trinken und Essen aus den Töpfen zu stehlen. Die alte Frau gönnte ihm kaum einen Blick und auch dann nur lange genug, um etwas Unverständliches über seltsame Männer zu murmeln, so daß er weitgehend sich selbst überlassen war. Er nahm in einem der hinteren Räume in einer alten Wanne ein Bad (weil er es wollte und nicht weil Matty Roh es vorgeschlagen hatte, sagte er sich), nachdem er genug dampfendes Wasser in über dem Feuer erhitzten Eimern herangetragen hatte, um darin untertauchen zu können. Er streckte sich eine Weile lang in der Wanne aus, ließ mehr als nur Schmutz und Staub fortsickern und blieb noch lange, nachdem das Wasser abgekühlt war, darin liegen.
Als das Whistledown geöffnet wurde, verließ er die Küche und ging in den Hauptraum hinaus, um sich umzusehen. Er stand an der Theke und beobachtete, wie die Bewohner Varfleets kamen und gingen. Die Menge war gut angezogen, sowohl Männer als auch Frauen, und es wurde sofort deutlich, daß das Whistledown nicht das Wirtshaus der Arbeiter war. Mehrere der Tische waren von Föderationssoldaten besetzt, einige waren auch mit ihren Ehefrauen oder Gefährtinnen gekommen. Gespräch und Gelächter erklangen gedämpft, und niemand war besonders ungestüm. Ein- oder zweimal hielten Soldaten der Föderationspatrouillen lange genug inne, um einen schnellen Blick in das Wirtshaus zu werfen, gingen dann aber weiter. Ein kräftiger Bursche mit lockigem, dunklem Haar zapfte Bier aus den Fässern, und eine Bedienung trug Tabletts mit dem schäumenden Gebräu zu den Tischen.
Auch Matty Roh arbeitete, obwohl Morgan nicht sofort klar wurde, was ihre Aufgabe war. Manchmal fegte sie den Boden, manchmal räumte sie Tische ab, und gelegentlich ging sie einfach nur umher und rückte Dinge gerade. Er beobachtete sie eine Zeitlang, bis er erkannte, daß sie in Wirklichkeit die Unterhaltungen der Wirtshausgäste belauschte. Sie war immer beschäftigt und schien niemals herumzustehen oder länger als einen Moment an einem Platz zu sein. Ihre Gegenwart war äußerst unauffällig, und Morgan konnte nicht sagen, ob jemand erkannte, daß sie ein Mädchen war oder nicht, aber auf jeden Fall beachteten sie sie kaum.
Nach einiger Zeit trat sie mit einem Tablett voller leerer Gläser an die Theke und stellte sich neben ihn. Während sie nach einem frischen Geschirrtuch griff, sagte sie: »Ihr steht zu auffällig hier herum. Geht zurück in die Küche.« Und dann wandte sie sich wieder dem Gastraum zu.
Obwohl ihn dies verwirrte, tat er dennoch, was sie gesagt hatte.
Um Mitternacht schloß das Whistledown. Morgan half beim Aufräumen, und schließlich sagten die alte Köchin und der Bursche mit dem dunklen Haar gute Nacht und gingen durch die Hintertür hinaus. Matty Roh blies die Lampen im Gastraum aus, überprüfte die Schlösser an den Türen und kam zurück in die Küche. Morgan wartete an dem kleinen Tisch auf sie, und sie kam herüber und setzte sich ihm gegenüber.
»Was habt Ihr also heute abend erfahren?« fragte er, halb im Spaß. »Irgend etwas Nützliches?«