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Sie sah ihn kühl an. »Ich habe beschlossen, Euch zu vertrauen«, verkündete sie.

Sein Lächeln verblaßte. »Danke.«

»Denn wenn Ihr nicht der seid, der Ihr zu sein behauptet, dann seid Ihr der schlechteste Föderationsspion, den ich jemals gesehen habe.«

Er kreuzte abwehrend die Arme. »Vergeßt den Dank. Ich nehme ihn zurück.«

»Es gibt ein Gerücht«, sagte sie, »daß die Föderation Padishar in Tyrsis gefangengenommen hat.« Die kobaltblauen Augen ruhten unbewegt auf ihm. »Es hat etwas mit einem Gefängnisausbruch zu tun. Ich habe einen Föderationshauptmann darüber sprechen hören. Sie behaupten, daß sie ihn haben.«

Morgan dachte einen Moment lang darüber nach. »Padishar ist schwer zu fangen. Vielleicht ist es wirklich nur ein Gerücht.«

Sie nickte. »Vielleicht. Es ist noch gar nicht so lange her, daß sie behauptet haben, sie hätten ihn am Jut getötet. Sie sagten, die Bewegung sei erledigt.« Sie hielt inne. »Wir werden die Wahrheit auf jeden Fall am Firerim Reach erfahren.«

»Wir werden hingehen?« fragte Morgan schnell.

»Wir werden hingehen.« Sie erhob sich. »Helft mir, ein wenig Proviant einzupacken. Ich werde uns einige Decken holen. Wir werden hinausschlüpfen, bevor es hell wird. Es ist besser, wenn man uns nicht sieht, wenn wir gehen.«

Er erhob sich und ging mit ihr zur Speisekammer hinüber. »Was ist mit dem Wirtshaus?« fragte er. »Muß sich nicht jemand darum kümmern?«

»Das Wirtshaus wird geschlossen bleiben, bis ich zurückkomme.«

Er schaute von dem Laib Brot, den er gerade in einen Sack stecken wollte, auf. »Ihr habt mich belogen, nicht wahr? Ihr seid die Besitzerin.«

Sie begegnete seinem Blick und hielt ihm stand. »Versucht einmal, nicht so einfältig zu sein, Hochländer. Ich habe Euch nicht belogen. Ich bin die Verwalterin, nicht die Besitzerin. Der Besitzer ist Padishar Creel.«

Sie wurden damit fertig, Vorräte und Ausrüstung zum Schlafen zusammenzupacken, banden sich alles auf den Rücken und traten durch die Hintertür in die Nacht hinaus. Die Luft war warm und von den Gerüchen der Stadt erfüllt, und sie eilten leere Straßen und Gassen hinab und achteten sehr genau auf Föderationspatrouillen. Das Mädchen war so still wie ein Geist, eine messerdünne Gestalt, die weich durch die Gebäudeschatten hindurchschnitt. Morgan stellte fest, daß sie das Schwert trug, das sie unter der Theke verborgen gehalten hatte. Sie hatte die schmale Klinge mit ihrer übrigen Ausrüstung auf den Rücken gebunden. Er fragte sich, ob sie wohl auch ihren Besen mitgenommen hatte. Zumindest hatte sie ihre seltsamen Schuhe zurückgelassen und sie durch brauchbarere Stiefel ersetzt.

Sie entfernten sich schnell von der Stadt und zogen gen Norden zum Mermidon, den sie an einer seichten Stelle überquerten, bevor sie sich ostwärts wandten. Sie folgten dem Grat der Drachenzähne, und bei Tagesanbruch zogen sie bereits wieder nördlich über den Rabb. Sie marschierten bis zum Sonnenuntergang stetig weiter und hielten mittags nur gerade lange genug inne, um etwas zu essen und die schlimmste Mittagshitze zu umgehen. Die Ebenen waren staubig und trocken und bar allen Lebens, und die Reise verlief ereignislos. Das Mädchen sprach wenig, und Morgan war es zufrieden, die Dinge so zu belassen.

Bei Sonnenuntergang errichteten sie ihr Lager in der Nähe der Drachenzähne an einem Nebenfluß des Rabb und ließen sich in einem Eschenhain nieder, der sich die Felsen hinaufzog wie Soldaten auf dem Marsch. Sie aßen ihre Abendmahlzeit, während die Sonne hinter den Bergen verschwand, eine dunstige Mischung aus Rot und Gold über die Ebenen warf und mit dem Himmel verschmolz. Als sie fertig waren, saßen sie da und beobachteten, wie sich die Dunkelheit vertiefte und das Wasser des Flusses im Licht des Mondes und der Sterne silbern schimmerte.

»Padishar hat mir erzählt, daß Ihr ihm das Leben gerettet habt«, sagte das Mädchen nach einiger Zeit.

Sie hatte seit dem Essen kein Wort mehr gesprochen. Überrascht von der Plötzlichkeit ihrer Erklärung schaute Morgan zu ihr hinüber. Sie beobachtete ihn, und ihre seltsamen blauen Augen blieben unergründlich.

»Ich habe dabei auch mein eigenes gerettet«, erwiderte er, »so daß es keine vollständig selbstlose Tat war.«

Sie kreuzte ihre Arme. »Er sagte, ich solle auf Euch aufpassen und gut für Euch sorgen. Er sagte, ich würde Euch erkennen, wenn ich Euch sähe.«

Ihr Gesichtsausdruck änderte sich niemals. Morgan grinste wider Willen. »Nun, er macht Fehler wie jeder andere auch.« Er wartete auf eine Antwort und als keine erfolgte, sagte er ein wenig überheblich: »Ihr glaubt es vielleicht nicht, aber ich kann recht gut auf mich selbst aufpassen.«

Sie schaute fort und nahm eine bequemere Haltung ein. Ihre Augen schimmerten im Sternenlicht. »Wie ist es dort, wo Ihr herkommt?«

Er zögerte verwirrt. »Was meint Ihr?«

»Das Hochland, wie ist es?«

Er glaubte einen Moment lang, daß sie ihn verspotten wolle, entschied dann aber, daß dies nicht der Fall war. Er atmete tief durch, streckte sich aus und erinnerte sich. »Es ist die wunderbarste Landschaft in den Vier Ländern«, sagte er und fuhr damit fort, sie in allen Einzelheiten zu beschreiben – die Hügel mit ihren Teppichen aus blauen, lavendelfarbenen und gelben Gräsern und Blumen, die Ströme, die in der Morgendämmerung eiskalt und in der Abenddämmerung blutrot werden, den Nebel, der mit dem Jahreszeitenwechsel kommt und geht, die Wälder und Wiesen, das Gefühl von Frieden und Zeitlosigkeit. Dem Hochland gehörte sein Herz, fast noch mehr seit seiner Abreise vor einigen Wochen. Das erinnerte ihn wieder daran, wieviel ihm die Heimat bedeutete, obwohl sie es jetzt in Wirklichkeit gar nicht mehr war, nachdem die Föderation sie besetzt hielt – obwohl sie in Wahrheit, so dachte er, dennoch noch immer mehr seine als deren Heimat war, denn er hatte das Gefühl von ihr in seinem Geist bewahrt, und ihre Geschichte lag ihm im Blut, und das würde für sie niemals gelten.

Das Mädchen schwieg einen Moment lang, nachdem er geendet hatte, und sagte dann: »Ich mag es, wie Ihr Eure Heimat beschreibt. Ich mag es, wie Ihr darüber empfindet. Wenn ich dort leben würde, würde ich vermutlich dasselbe empfinden.«

»Das würdet Ihr«, versicherte er ihr und betrachtete das Profil ihres Gesichts, während sie aufgewühlt über den Rabb hinausschaute. »Aber ich denke, daß jedermann so für seine Heimat empfindet.«

»Ich nicht«, sagte sie.

Er richtete sich erneut auf. »Warum nicht?«

Ihre Stirn furchte sich. Dadurch wurde die Weichheit ihrer Gesichtszüge nur geringfügig beeinträchtigt, obwohl es sie völlig anders aussehen ließ, gleichzeitig sowohl nach innen gerichtet als auch weit entfernt. »Ich vermute, das ist so, weil ich keine guten Erinnerungen an meine Heimat habe. Ich wurde auf einer kleinen Farm südlich von Varfleet geboren, in einer von mehreren Familien, die dort gemeinsam ein Tal bewohnten. Ich lebte dort mit meinen Eltern und meinen Brüdern und einer Schwester. Ich war die Jüngste. Wir zogen Milchkühe und Getreide. Im Sommer waren die Felder so golden wie die Sonne. Im Herbst war die Erde, nachdem sie gepflügt worden war, ganz schwarz.« Sie zuckte die Achseln. »Ich erinnere mich nicht an viel mehr als daran. Nur an die Krankheit. Es scheint lange her zu sein, aber ich vermute, das ist es gar nicht. Zuerst wurde das Land krank, dann das Vieh und schließlich meine Familie. Alles begann zu sterben. Jedermann. Zuerst meine Schwester, dann meine Mutter, meine Brüder und mein Vater. Das gleiche geschah mit den Leuten auf den anderen Farmen. Es geschah ganz plötzlich. Innerhalb weniger Monate waren alle tot. Eine der Frauen von einer anderen Farm fand mich und nahm mich mit nach Varfleet. Ich habe bei ihr gelebt. Wir waren die letzten. Ich war sechs Jahre alt.«

Sie ließ dies alles klingen, als sei es nichts Außergewöhnliches. Es war keinerlei Gefühl in ihrer Stimme. Sie beendete ihren Bericht und schaute fort. »Ich glaube, es wird unterwegs regnen«, sagte sie.

Sie schliefen bis zur Dämmerung, nahmen ein Frühstück aus Brot, Obst und Käse zu sich und brachen wieder gen Norden auf. Der Himmel hatte sich bereits bewölkt, als sie erwachten, und kurz nachdem sie den Rabb überquert hatten, begann es zu regnen. Gewitterwolken bauten sich auf, und Blitze schössen durch die Schwärze. Als der Regen in Strömen herabzustürzen begann, suchten sie an der windgeschützten Seite eines alten Ahorns Schutz, der sich gegen einen Felsenhang lehnte. Während das Wasser von ihren Gesichtern und ihrer Kleidung herablief, setzten sie sich zurück, um den Sturm abzuwarten. Die Luft kühlte leicht ab, und die Ebenen schimmerten vor Feuchtigkeit.