Schulter an Schulter saßen sie mit dem Rücken gegen den Ahorn da, schauten hinaus in den Dunst und lauschten auf das Geräusch des Regens.
»Wie seid Ihr Padishar begegnet?« fragte Morgan, nachdem sie einige Zeit geschwiegen hatten.
Sie zog ihre Knie hoch und legte die Arme darum. Wasser perlte auf ihrer Haut und glitzerte in ihrem schwarzen Haar. »Ich ging bei Hirehone in die Lehre, als ich alt genug war, um arbeiten zu können. Er hat mich Eisen schmieden und kämpfen gelehrt. Nach einiger Zeit war ich in beidem besser als er. Also hat er mich in die Bewegung eingeführt, und so bin ich Padishar begegnet.«
Erinnerungen an Hirehone bevölkerten Morgans Geist. Er ließ sie einen Moment verweilen und verbannte sie dann. »Wie lange kümmert Ihr Euch schon um das Whistledown?«
»Mehrere Jahre. Es bietet die Gelegenheit, Dinge zu erfahren, die den Freigeborenen helfen können. Es ist ein Ort, an dem man es im Moment gut aushalten kann.«
Er schaute zu ihr hinüber. »Aber es ist nicht der Ort, an dem Ihr sterben wollt, wolltet Ihr das damit sagen?«
Sie lächelte ihn flüchtig an. »Auf die Dauer ist es nichts für mich.«
»Was dann?«
»Ich weiß es noch nicht. Wißt Ihr es?«
Er dachte darüber nach. »Vermutlich nicht. Ich habe mir noch nicht erlaubt, über das hinaus zu denken, was in diesen letzten Wochen geschehen ist. Ich bin so schnell gelaufen, daß ich keine Zeit hatte, stehenzubleiben und nachzudenken.«
Sie lehnte sich zurück. »Ich bin nicht gelaufen. Ich bin an einem Ort geblieben und habe darauf gewartet, daß etwas geschehen würde.«
Er wandte sich zu ihr um. »So war ich auch, bevor ich in den Norden gekommen bin. Ich habe meine ganze Zeit damit verbracht, mir Möglichkeiten auszudenken, wie man das Leben für die Föderationsbesetzer unangenehm werden lassen könnte – für all jene Hauptmänner und Soldaten, die in dem Heim wohnten, das meiner Familie gehört hatte, und so taten, als sei es ihres. Ich dachte, ich würde etwas tun, aber in Wahrheit habe ich nur stillgehalten.«
Sie sah ihn neugierig an. »Und jetzt lauft Ihr statt dessen. Ist das in irgendeiner Weise besser?«
Er lächelte und zuckte die Achseln. »Zumindest sehe ich mehr von dem Land.«
Der Regen nahm ab, der Himmel begann aufzuklaren, und sie nahmen ihre Reise wieder auf. Morgan bemerkte, daß er Matty Roh heimlich beobachtete, ihren Gesichtsausdruck betrachtete, die Linien ihres Körpers und die Art, wie sie sich bewegte. Er hielt sie für interessant, weil so viel mehr in ihr angedeutet war, als sie zu zeigen erlaubte. An der Oberfläche war sie kühl und entschlossen und trug eine sorgfältig aufgetragene Maske, die stärkere und tiefergehende Gefühle unter sich verbarg. Aus Gründen, die er nicht erklären konnte, glaubte er, daß sie zu fast allem fähig war.
Es war fast Mittag, als sie ihn in die Felsen hineinführte und einem Pfad zu folgen begann, der in die Hügel hinaufführte, die den Drachenzähnen gegenüberlagen. Sie betraten eine Wand aus Bäumen, die die Berge vor ihnen und die Ebenen hinter ihnen verbarg, und als sie daraus hervorkamen, befanden sie sich am Fuß der Berge. Der Pfad verschwand mit den Bäumen, und sie erkletterten bald zerklüftete Hänge und bahnten sich ihren Weg über Felsen, so gut sie konnten. Morgan merkte, daß er sich, eher hartherzig, fragte, ob Matty Roh wußte, wohin sie ging. Nach einer Weile erreichten sie einen Paß und folgten ihm durch einen Spalt in den Felsen in eine tiefe Schlucht. Die Klippenwände schlössen sich um sie herum, bis über ihnen nur noch ein schmales Band bewölkten blauen Himmels zu sehen war. Vögel flohen von ihren Felsenplätzen und verschwanden in die Sonne. Wind pfiff in plötzlichen Böen die Länge der Schlucht entlang und verursachte ein schrilles und leeres Geräusch.
Als sie innehielten, um einen Schluck aus dem Wasserschlauch zu nehmen, betrachtete Morgan das Mädchen, um zu sehen, wie sie sich hielt. Ein Schimmer von Schweiß war auf ihrem Glatten Gesicht zu sehen, aber ihr Atem ging ruhig. Sie bemerkte seinen Blick, und er wandte sich schnell ab.
Irgendwo tief in dem Spalt führte Matty Roh sie in eine Ansammlung wuchtiger Felsen hinein, die Teil eines alten Felsrutschs zu sein schienen. Hinter den Felsen fanden sie einen Durchgang, der in die Klippenwand hineinführte. Sie betraten ihn und begannen einen spiralförmigen Gang hinaufzusteigen, der auf einen Sims in halber Höhe hinausführte. Morgan spähte vorsichtig hinab. Es war ein steiler Abhang. Ein schmaler Pfad wand sich von dort, wo sie standen, aufwärts, der Einschnitt von unten nicht sichtbar, und sie folgten dem Pfad zum Gipfel der Klippe und an seinem Rand entlang zu einem weiteren Spalt, der dieses Mal kaum mehr als ein Riß in den Felsen war, so schmal, daß nur ein Mensch auf einmal hindurchgelangen konnte.
Matty Roh blieb am Eingang stehen. »Sie werden uns jeden Moment holen«, verkündete sie, ließ den Wasserschlauch von ihrer Schulter gleiten und gab ihn Morgan, damit er trinken konnte.
Er lehnte das Angebot höflich ab. Wenn sie nicht trinken mußte, dann brauchte er es auch nicht. »Woher werden sie wissen, daß wir hier sind?« fragte er.
Ein flüchtiges Lächeln kam und ging. »Sie haben uns während der letzten Stunde beobachtet. Habt Ihr sie nicht bemerkt?«
Natürlich hatte er das nicht, und sie wußte es, also zuckte er nur unbeteiligt die Achseln.
Kurz darauf drangen zwei Gestalten aus den Schatten des Spalts, bärtige, hartgesichtige Männer mit Langbogen und Messern. Sie grüßten Matty Roh und Morgan flüchtig und bedeuteten ihnen dann, sie sollten ihnen folgen. In einer Reihe betraten sie den Spalt und gingen dann einen Pfad entlang, der sich aufwärts in ein Wirrwarr von Felsen wand, die jegliche Sicht darauf, was vor ihnen lag, verbargen. Morgan kletterte pflichtgemäß weiter und mußte dabei feststellen, daß Matty Roh immer noch wirkte, als befände sie sich auf einem Mittagsspaziergang.
Schließlich erreichten sie ein Plateau, das sich nordwärts, südwärts und westwärts erstreckte und den atemberaubendsten Ausblick auf die Drachenzähne und das dahinterliegende Land bot, den Morgan jemals gesehen hatte. Der Sonnenuntergang näherte sich, und der Himmel verwandelte sich durch die Nebelwand, die um die Bergspitzen hing, zu einem hellen Karmesinrot. Daher der Name Firerim Reach, dachte Morgan. Im Osten wich das Plateau zu einem Grat hin zurück, der dicht mit Fichten und Zedern bewachsen war. Dort hatten die Geächteten ihr Lager. Ihr überdachter Schutzraum schob sich in die Bäume vor, ihre Herdfeuer schwelten in von Steinen gesäumten Gruben. Es gab keine gemauerte Festung wie am Jut, denn das Plateau fiel in ein Gewirr gezackter Risse und tiefer Schluchten ab, und seine bloßen Wände waren nicht erklimmbar für einen Menschen, ganz zu schweigen von irgendeiner Art größerer Streitmacht. Zumindest schien es von der Stelle aus, an der Morgan stand, so zu sein, und er nahm an, daß es auf allen Seiten der Hochebene das gleiche war. Der einzige Weg hierher war offenbar der Weg, auf dem sie gekommen waren. Dennoch kannte der Hochländer Padishar Creel gut genug, um darauf wetten zu können, daß es noch mindestens einen anderen gab.
Er wandte sich um, als eine vertraute, stämmige Gestalt schwerfällig zu ihnen herankam. Chandos war so schwarzbärtig und grimmig wie immer mit seinem fehlenden Auge und Ohr und dem vernarbten Gesicht. Er umarmte Matty Roh herzlich, verschlang sie fast mit seiner Umarmung, und streckte dann die Hand nach Morgan aus.
»Hochländer«, grüßte er ihn, nahm Morgans Hand in seine und quetschte sie. »Es ist gut, dich wieder bei uns zu haben.«