»Es ist gut, wieder bei euch zu sein.« Morgan spreizte schmerzerfüllt seine Hand. »Wie geht es dir, Chandos?«
Der große Mann schüttelte den Kopf. »Recht gut, nach allem, was geschehen ist.« Ein verärgerter, enttäuschter Ausdruck trat in seine dunklen Augen. Entschlossen streckte er das Kinn vor. »Komm mit mir irgendwohin, wo wir reden können.«
Er führte Morgan und Matty Roh vom Rand der Klippen fort. Die Wächter, die sie hereingeführt hatten, verschwanden den Weg entlang, den sie gekommen waren. Chandos bewegte sich bewußt vom Lager und den anderen Geächteten fort. Morgan schaute fragend zu Matty Roh hinüber, aber das Gesicht des Mädchens blieb undurchdringlich.
Als sie mit Sicherheit außer Hörweite waren, sagte sie plötzlich zu Chandos: »Sie haben ihn, nicht wahr?«
»Padishar?« Chandos nickte. »Sie haben ihn vor zwei Nächten in Tyrsis gefangengenommen.« Er wandte sich um und sah Morgan an. »Der Talbewohner war bei ihm, der kleinere, derjenige, den Padishar so sehr mochte – Par Ohmsford. Offensichtlich sind die beiden in die Gefängnisse der Föderation eingedrungen, um Damson Rhee zu retten. Sie haben sie herausgebracht, aber Padishar wurde dabei gefangengenommen. Damson ist jetzt hier. Sie kam gestern an.«
»Was ist mit Par geschehen?« fragte Morgan, der sich gleichzeitig auch fragte, warum Coll nicht erwähnt wurde.
»Damson sagte, daß er auf die Suche nach seinem Bruder gegangen sei – und erzählte etwas von Schattenwesen.« Chandos wischte die Frage beiseite. »Im Moment ist nur Padishar wichtig.« Sein vernarbtes Gesicht furchte sich. »Ich habe es den anderen noch nicht gesagt.« Er schüttelte den Kopf. »Ich weiß nicht, ob ich es tun soll oder nicht. Wir sollen Ende dieser Woche am Jannisson Axhind die Trolle treffen. In fünf Tagen. Wenn wir Padishar nicht bei uns haben, werden sie sich uns nicht anschließen, fürchte ich. Ich denke, sie werden sich umdrehen und einfach den Weg zurückgehen, den sie gekommen sind. Fünftausend Mann!« Sein Gesicht rötete sich. »Wir brauchen sie, wenn wir überhaupt eine Chance gegen die Föderation haben wollen. Besonders nachdem wir den Jut verloren haben.«
Er sah sie hoffnungsvoll an. »Ich war niemals gut im Pläneschmieden. Wenn ihr also eine Idee habt...«
Matty Roh schüttelte den Kopf. »Wenn die Föderation Padishar hat, wird er nicht sehr lange am Leben bleiben.«
Chandos runzelte die Stirn. »Vielleicht länger, als ihm lieb ist, wenn sich die Sucher seiner annehmen.«
Morgan erinnerte sich einen Moment lang an die Grube und ihre Bewohner und verdrängte den Gedanken dann sehr schnell wieder. Etwas an allem diesen ergab keinen Sinn. Padishar war schon vor Wochen auf die Suche nach Par und Coll gegangen. Warum hatte er so lange gebraucht, sie zu finden? Warum waren die Ohmsfordbrüder die ganze Zeit in Tyrsis geblieben? Und als Par und Padishar in die Gefängnisse eingedrungen waren, um Damson zu retten, wo war Coll da gewesen? Hatten die Schattenwesen etwa auch Coll?
Es schien Morgan, daß noch furchtbar vieles ungeklärt war.
»Ich möchte mit Damson Rhee sprechen«, verkündete er plötzlich. Er hatte sich schon zu Anfang über sie gewundert, und plötzlich begann er sich erneut über sie zu wundern.
Chandos zuckte die Achseln. »Sie schläft. Sie ist die ganze Nacht gewandert, um hierher zu gelangen.«
Bilder von Teel tanzten in Morgans Kopf und flüsterten heimtückisch. »Dann sollten wir sie wecken.«
Chandos sah ihn mürrisch an. »In Ordnung, Hochländer. Wenn du glaubst, daß es wichtig ist. Aber du wirst es tun müssen, nicht ich.«
Sie gingen zum Lager hinüber und an den Herdfeuern und den Geächteten vorbei, die darum herum beschäftigt waren. Die Sonne war weiter gen Westen gesunken, und die Essenszeit nahte. Die Mahlzeiten wurden in den Kochkesseln zubereitet, und ihre Düfte wurden von der Sommerluft herangetragen. Morgan bemerkte sie kaum, denn sein Geist beschäftigte sich mit etwas anderem. Schatten krochen aus den Bäumen und verlängerten sich, während die Dunkelheit herannahte. Morgan dachte über Par und Coll nach, die sich nach all dieser Zeit noch immer in Tyrsis befanden. Sie waren der Grube vor Wochen entkommen. Warum waren sie dort geblieben, fragte er sich noch immer. Warum waren sie so lange geblieben?
Während die Fragen auf ihn eindrangen, sah er wieder Teels Gesicht vor sich – und das Schattenwesen, das sich darunter verborgen hatte.
Sie erreichten eine kleine Hütte, die zwischen den Bäumen verborgen lag, und Chandos blieb stehen. »Sie ist dort drinnen. Wecke sie auf, wenn du willst. Kommt und eßt mit mir, wenn ihr fertig seid, ihr beide.«
Morgan nickte. Dann wandte er sich an Matty Roh. »Wollt Ihr mitkommen?«
Sie sah ihn abschätzend an. »Nein. Ich denke, Ihr solltet dies allein tun.«
Es schien einen Moment, als wollte sie vielleicht noch mehr sagen, aber dann wandte sie sich um und ging hinter Chandos her durch die Bäume davon. Sie wußte etwas, was sie nicht sagte, sagte sich Morgan. Er beobachtete ihren Weggang und dachte erneut, daß Matty Roh weitaus komplizierter war, als es ihm anfangs schien.
Er schaute zu der Hütte zurück und war einen Moment lang unentschlossen, wie er Damson Rhee anpacken sollte. Verdächtigungen und Ängste sollten seine Vernunft nicht behindern. Aber er konnte das Bild von Teel als Schattenwesen nicht abschütteln. Es könnte mit diesem Mädchen ohne weiteres das gleiche sein. Das mußte er herausfinden.
Er griff über die Schulter, um sicherzugehen, daß das Schwert von Leah leicht herauszuziehen war, atmete tief durch, ging dann auf die Tür zu und klopfte. Sie öffnete sich fast sofort, und ein Mädchen mit flammend rotem Haar und smaragdgrünen Augen stand darin und sah ihn an. Ihr Gesicht war gerötet, als sei sie gerade eben erwacht, und ihre dunkle Kleidung war in Unordnung. Sie war groß, wenn auch nicht so groß wie Matty, und sehr hübsch.
»Ich bin Morgan Leah«, sagte er.
Sie blinzelte und nickte dann. »Pars Freund, der Hochländer. Ja, hallo. Ich bin Damson Rhee. Es tut mir leid, aber ich habe geschlafen. Wie spät ist es?« Sie spähte durch die Bäume in den Himmel hinauf. »Fast dunkel, nicht wahr? Ich habe zu lange geschlafen.«
Sie trat zurück, als wollte sie hineingehen, blieb dann stehen und wandte sich ihm wieder zu. »Ihr habt von Padishar gehört, vermute ich. Seid Ihr gerade erst hier angekommen?«
Er nickte und beobachtete ihr Gesicht. »Ich wollte von Euch hören, was geschehen ist.«
»In Ordnung.« Sie schien nicht überrascht zu sein. Sie schaute über ihre Schulter und trat dann hinaus ins Licht. »Laßt uns hier draußen sprechen. Ich bin es müde, eingesperrt zu sein. Müde in Räumen ohne Licht zu sein. Was hat Chandos Euch bereits erzählt?«
Sie trat mit sehr entschlossenem Schritt von der Hütte fort zu den Bäumen, und er wurde einfach von ihr überfahren. »Er hat mir erzählt, daß Padishar von der Föderation gefangengenommen worden ist, als er und Par Euch zur Rettung eilten. Er hat gesagt, Par hätte Euch verlassen, um Coll zu suchen – und daß es etwas mit den Schattenwesen zu tun habe.«
»Alles hat etwas mit den Schattenwesen zu tun, nicht wahr?« flüsterte sie, den Kopf müde gesenkt.
Sie trat zum Stumpf eines morschen Baumstamms und setzte sich. Morgan zögerte, noch immer wachsam, und setzte sich schließlich doch zu ihr. Sie wandte sich leicht um, so daß sie ihn ansehen konnte. »Ich muß Euch eine sehr lange Geschichte erzählen, Morgan Leah«, sagte sie.
Sie begann damit, wie sie Par und Coll gefunden hatten, nachdem sie der Grube in Tyrsis entkommen waren. Sie erzählte davon, wie sie beschlossen hatten, noch ein letztes Mal wieder in die Brutstätte der Schattenwesen zurückzukehren, wie sie um die Hilfe des Maulwurfs geworben hatten und ihren Weg durch die Tunnel unter der Stadt hindurch zum alten Palast gefunden hatten. Von dort waren die Brüder auf der Suche nach dem Schwert von Shannara zusammen fortgegangen. Par war allein zurückgekommen. Er hatte jene Klinge bei sich getragen, die er für den Talisman hielt, und sei halb verrückt vor Kummer und Entsetzen gewesen, weil er seinen Bruder getötet habe. Sie hatte ihn in dem unterirdischen Heim des Maulwurfs wochenlang gepflegt, ihn langsam wieder zu sich gebracht und ihn vorsichtig aus seinem dunklen Alptraum herausgeführt. Von dort waren sie von einem sicheren Haus zum nächsten geflohen, das Schwert von Shannara im Schlepptau, und hatten sich vor den Suchern und der Föderation verborgen und einen Fluchtweg aus der Stadt heraus gesucht. Schließlich hatte Padishar sie gefunden, aber während ihrer Flucht vor der Föderation war Damson selbst gefangengenommen worden. Padishar und Par waren zurückgekommen, um sie zu retten, und das hatte dann zu Padishars Gefangennahme geführt. Nachdem sie der Stadt schließlich zu zweit entkommen waren, weil es schließlich dafür einen Weg gegeben hatte und weil sie ohne Hilfe nichts für Padishar hatten tun können, waren sie durch den Kennon nach Norden gekommen.