Aber was konnte er tun?
Der Duft von Essen von den Herdfeuern drang verlockend bis zu ihm herüber. Das erste Mal, seit er angekommen war, war er hungrig.
Par und Padishar.
Padishar zuerst, dachte er.
Chandos hatte von fünf Tagen gesprochen.
Wenn die Sucher ihn nicht zuerst erwischten...
Es drang ganz plötzlich auf ihn ein. Das Bild in seinem Geist war so klar, daß er fast aufschrie. Er griff impulsiv hinüber und legte seinen Arm um Damsons Schultern.
»Ich glaube, ich weiß, wie wir Padishar befreien können«, sagte er.
10
Fünf Tage lang umkreisten die Vier Reiter die Mauern Paranors, und fünf Tage lang stand Walker Boh auf den Festungsmauern und beobachtete sie. In der Dämmerung versammelten sie sich jeweils an den Westtoren, Schatten, die aus der Dunkelheit und der vergangenen Nacht gekommen waren. Einer näherte sich, jedes Mal ein anderer, und hämmerte einmal herausfordernd gegen die Tore. Wenn Walker nicht erschien, nahmen sie ihre verbissene Wache wieder auf, verteilten sich, so daß sich an jedem Punkt der Mauer einer befand, einer an jeder der Hauptmauern, wo sie in langsamer, unaufhörlicher Kadenz umherritten. Ihr Kreisen erinnerte an Raubvögel. Sie ritten Tag und Nacht, Geister aus grauem Nebel und düsteren Einbildungen, still wie Gedanken und so sicher wie die Zeit. »Inkarnationen der schlimmsten Feinde des Menschen«, grübelte Cogline, als er sie zum ersten Mal sah. »Manifestationen unserer schlimmsten Ängste, die Mörder so vieler, denen Gestalt und Form gegeben wurde und gesandt sind, um uns zu vernichten.« Er schüttelte den Kopf. »Kann es sein, daß Felsen-Dall Humor hat?«
Walker glaubte das nicht. Er fand nichts von alledem amüsant. Die Schattenwesen schienen grenzenlose, reine Kraft zu besitzen, die Art von Kraft, durch die sie zu allem werden konnten, was sie wollten. Sie war weder geheimnisvoll noch kompliziert. Sie war so direkt und schonungslos wie ein Fluß. Sie schien in der Lage zu sein, sich auf sich selbst aufzubauen und alles beiseite zu fegen, was sich ihr in den Weg stellte. Walker wußte nicht, wie mächtig die Reiter waren, aber er war bereit zu wetten, daß sie ihm mehr als gewachsen waren. Felsen-Dall hätte nichts Geringeres gesandt, sich um einen Druiden zu kümmern – selbst wenn es sich um einen Druiden handelte, der gerade erst einer geworden war, der sich seiner eigenen Kräfte noch unsicher war und das Ausmaß seiner Magie und der Arten, in denen sie ihm dienlich gemacht werden konnte, nicht kannte. Zumindest war eine von Allanons Aufgaben für die Ohmsfords ausgeführt worden, und das bedeutete eine Bedrohung, die die Schattenwesen nicht ignorieren konnten.
Dennoch blieb der Auftrag der Abgesandten ein Rätsel, das Walker nicht lösen konnte. Während er auf den Mauern Paranors stand und die Vier Reiter unter sich kreisen sah, sann er endlos darüber nach, warum sie wohl gesandt worden waren. Was sollte das Schwert von Shannara vollbringen? Welchem Zweck würde es dienen, daß die Elfen in die Welt der Menschen zurückgebracht wurden? Was war der Grund dafür, daß Paranor und die Druiden zurückgeholt worden waren? Oder zumindest einer der Druiden, sann er düster. Ein Druide, geschaffen aus einzelnen Teilen anderer. Er war ein Gemisch aus jenen, die gekommen und gegangen waren, aus ihren Erinnerungen, ihren Stärken und Schwächen, aus ihrem Wissen und ihrer Geschichte, aus ihren Geheimnissen der Magie. Er war in seinem Leben als Druide noch ein Kind, und er wußte nicht, wie er handeln sollte. Jeden Tag öffnete er neue Türen zu dem, was andere von ihm gewußt und weitergegeben hatten, Wissen, das sich in unerwarteten Einblicken offenbarte, Licht, das aus dunklen Winkeln seines Geistes hervorkam, als sei es durch Fenster hereingelassen worden, die lange verriegelt waren und sich jetzt weit geöffnet hatten. Er verstand es überhaupt nicht, bezweifelte es manchmal, stellte seinen Wert häufig in Frage. Aber der Fluß kam unaufhörlich, und er war gezwungen, jede neue Offenbarung zu messen und zu wiegen, wohl wissend, daß sie einst Wert gehabt haben mußte, und akzeptierend, daß sie diesen zurückgewinnen könnte.
Aber welche Rolle sollte er in dem Kampf spielen, den Schattenwesen ein Ende zu bereiten? Er war zu einem Druiden geworden, wie Allanon es gewollt hatte, und er hatte sich selbst zum Herrn von Paranor gemacht. Und dennoch, was sollte er damit anfangen? Sicherlich besaß er jetzt Magie, die gegen die Schattenwesen eingesetzt werden konnte – genau wie die Druiden zuvor Magie benutzt hatten, um den Rassen zu helfen. Er besaß auch Wissen, vielleicht mehr Wissen als jeder andere lebende Mensch, und die Druiden hatten auch dies als Waffe benutzt. Aber es schien Walker, als ob dieser neuerworbenen Macht jegliche erkennbare Einstellung fehlte, und als müsse er erst die Natur seines Feindes begreifen, bevor er einen Weg ersinnen würde, ihn zu schlagen.
Inzwischen war er hier innerhalb der Festungsmauern gefangen, wo er niemandem helfen konnte.
»Sie versuchen ja gar nicht, hineinzugelangen«, stellte Cogline irgendwann nach drei Tagen des Wachehaltens auf den Festungsmauern fest. »Warum, glaubst du, ist das so?«
Walker schüttelte den Kopf. »Vielleicht brauchen sie es nicht. Solange wir darinnen eingeschlossen bleiben, dient das ihrem Zweck.«
Der alte Mann rieb sein bärtiges Kinn. Er war seit seiner Erlösung aus dem halben Leben, an das die Magie der Druidengeschichten ihn übergeben hatte, älter geworden. Er zeigte frische Falten und Runzeln, war gebeugter als zuvor, langsamer in Schritt und Sprache, zerbrechlicher, als sein Alter hätte vermuten lassen. Walker gefiel nicht, was er sah, aber er sagte nichts. Der alte Mann hatte viel für ihn geopfert, und was er gegeben hatte, hatte sichtlich seinen Tribut gefordert. Aber er beschwerte sich nicht und wollte auch nicht darüber sprechen, so daß es für Walker ebenfalls keinen Grund gab, damit anzufangen.
»Vielleicht haben sie Angst vor der Druidenmagie«, fuhr Walker kurz darauf fort und legte seine gesunde Hand auf das Gestein der Festungsmauer. »Paranor ist immer vor jenen beschützt gewesen, die uneingeladen eintreten wollten. Die Schattenwesen wissen vielleicht davon und ziehen es deshalb vor, draußen zu bleiben.«
»Oder vielleicht warten sie, bis sie die Natur und das Ausmaß jener Magie geprüft haben«, sagte Cogline leise. »Sie warten ab und versuchen herauszufinden, wie gefährlich du bist.« Er schaute Walker an, ohne ihn zu sehen, den Blick auf irgend etwas jenseits von ihm gerichtet. »Oder bis sie ganz einfach des Wartens müde werden«, flüsterte er.
Walker überlegte sich Möglichkeiten, wie er diese Schattenwesen schlagen könnte, wandte sie in seinem Geist um und um wie Gegenstände, die einen Schlüssel zur Vergangenheit in sich bergen. Der Schwarze Elfenstein war offensichtlich eine Chance. Er war jetzt in einem Gewölbe tief in den Katakomben der Festung verborgen, aber er würde seinen eigenen Preis fordern, wenn man ihn anrief, und es war kein Preis, den Walker bereitwillig zahlen wollte. Es gab keinen Grund zu glauben, daß der Elfenstein nicht gegen die Vier Reiter wirken und ihnen ihre Magie entziehen würde, bis nichts übrigblieb als Asche. Aber die Natur des Elfensteins erforderte, daß die gestohlene Magie in seinen Träger überführt wurde, und Walker wollte nicht, daß die Schattenwesenmagie ein Teil von ihm wurde.
Es gab auch noch den Stiehl, die seltsame, tötende Klinge, die dem Mörder Pe Ell in Eldwist abgenommen worden war, die Waffe, die alles töten konnte. Aber Walker gefiel die Aussicht nicht, die Waffe eines Mörders zu gebrauchen, insbesondere nicht eine mit der Geschichte des Stiehl, und er dachte, daß genügend Waffen zur Hand wären, die gegen die Schattenwesen gebraucht werden konnten, wenn es nötig würde.