Was er am dringendsten brauchte, das war ein Plan. Er hatte drei Möglichkeiten zur Auswahl. Er konnte innerhalb der Mauern Paranors in Sicherheit bleiben und hoffen, daß die Schattenwesen des Wartens müde wurden, er konnte hinausgehen und ihnen entgegentreten, oder er konnte versuchen, an ihnen vorbeizugelangen, ohne gesehen zu werden. Die erste Möglichkeit bot eine nur sehr schwache Erfolgschance, und zudem war Zeit ohnehin nichts, was er im Überfluß hatte. Die zweite schien unbestreitbar tollkühn.
Blieb nur die dritte.
Fünf Tage, nachdem die Vier Reiter die Belagerung Paranors begonnen hatten, unternahm Walker Boh einen Fluchtversuch. Unter der Erde. Beim Abendessen – einer Mahlzeit, die aus einigen wenigen kleinen Resten jener Vorräte bestand, die mit der Festung in der Zeit eingefroren gewesen und jetzt bald aufgebraucht waren, wodurch die Notwendigkeit, die Belagerung zu durchbrechen verstärkt wurde – erzählte Walker Cogline von seinem Plan. Es gab Tunnel unter der Festung, die sich in die dahinterliegenden Wälder öffneten, Verstecke, die nur den früheren Druiden und jetzt ihm bekannt waren. Er wollte in dieser Nacht durch einen solchen Tunnel schlüpfen und hinter dem Gebiet wieder hervorkommen, wo die Reiter an den Mauern entlang patrouillierten. Er würde an ihnen vorbei und fort sein, bevor sie erkannten, daß er entkommen war.
Cogline runzelte die Stirn und schaute zweifelnd drein. Es klang ihm einfach zu leicht. Sicherlich hatten die Schattenwesen an eine solche Möglichkeit gedacht.
Aber Walker hatte seine Entscheidung getroffen. Fünf Tage herumzustehen war lange genug. Er mußte etwas versuchen, und dies war das beste, was ihm eingefallen war. Cogline und Ondit sollten in der Festung bleiben. Wenn die Reiter einen Angriff versuchten, bevor Walker zurückgekehrt war, sollten sie auf dem gleichen Weg hinausschlüpfen wie er. Cogline stimmte widerwillig zu, beunruhigt durch etwas, worüber er nicht sprechen wollte, so erregt, daß Walker nahe daran war, eine Erklärung zu verlangen. Aber es war nichts Neues, daß der alte Mann sich rätselhaft verhielt, so daß Walker die Angelegenheit schließlich fallenließ.
Er wartete bis Mitternacht und beobachtete noch lange die Schattenwesen, um sicherzugehen, daß sie ihre Runden beibehielten. Das taten sie, geisterhafte Umrisse in der Dunkelheit unter ihm. Unaufhörlich umkreisten sie Paranor. Der Nebel, der das Tal während der letzten vier Tage meistenteils bedeckt hatte, hatte sich in der Dämmerung verzogen, und während die Nacht herannahte, sah Walker Boh auf einmal etwas Neues in dem Tal. Weit im Westen, wo sich die Drachenzähne nordwärts in den Streleheim erstreckten, waren am Eingang des Kennon Passes Wachfeuer zu sehen. Ein Heer lagerte dort und blockierte den Durchgang. Die Föderation, dachte Walker, und schaute über die Bäume des Waldes zu seinen Füßen hinweg über die dahinterliegenden Hügel zu dem Licht. Vielleicht hatte ihre Gegenwart in dem Paß nichts mit der der Schattenwesen vor Paranor zu tun, aber das glaubte Walker nicht. Wissentlich oder nicht, die Föderation diente dem Zweck der Schattenwesen – ein Werkzeug für Felsen-Dall und andere in der Hierarchie des Bündniskonzils – und er konnte berechtigt annehmen, daß die Soldaten im Kennon etwas mit den Vier Reitern zu tun hatten.
Nicht daß es wichtig gewesen wäre. Walker Boh befürchtete keinen Moment lang, daß sich die Föderationssoldaten als Hindernis für ihn erweisen würden.
Als es Mitternacht wurde, verließ er die Mauern und stieg durch die Festung hinab. Er trug Kleider, die so schwarz waren wie die Nacht, locker anlagen und zweckdienlich waren, und er trug keine Waffen bei sich. Er verließ Cogline und Ondit, die ihm nachsahen, während er die Feuergrube betrat. Seine Erinnerungen waren die von Allanon und den Druiden vor ihm, und er stellte fest, daß er seinen Weg so gut kannte, als habe er schon immer in der Festung gelebt. Verborgene Türen in den Mauern der Festung öffneten sich auf seine Berührung hin, und die Gänge waren ihm so vertraut wie die Schlupfwinkel von Hearthstone in der Zeit vor den Träumen von Allanon. Er fand die Tunnel, die unter dem Fels verliefen, auf dem Paranor ruhte, und bahnte sich seinen Weg in die Erde hinab. Überall um sich herum konnte er das beständige Geräusch der Feuer, die in den Kesseln unter der Festung brannten, hören. Sie pochten stetig in ihren Felsenkernen unter den Festungsmauern und waren das einzige Geräusch in der Dunkelheit und Stille.
Er brauchte mehr als eine Stunde, um hindurchzugelangen. Es gab zahlreiche Gänge unter der Festung, die alle miteinander verflochten waren und von einer einzigen Tür ausgingen, die nur er öffnen konnte. Er wählte den Weg nach Westen, denn er wollte die Tunnel in den schützenden Bäumen der Wälder verlassen, die zwischen den Reitern und dem Kennon Paß lagen. Dort würde er sicherlich leicht an den Föderationssoldaten vorbeigelangen, wenn er sich erst einmal von den Schattenwesen befreit hatte. Als er die verborgene Öffnung erreicht hatte, hielt er inne, um zu lauschen. Über ihm war kein Geräusch zu hören und keine Bewegung zu spüren. Dennoch fühlte er sich unbehaglich, als ahne er, daß trotz der scheinbaren Stille nichts in Ordnung war.
Er betrat vom Tunnel aus die Dunkelheit des Waldes, erhob sich in einer Deckung aus Gestrüpp und Felsen wie ein Schatten aus der Erde. Durch Lücken in dem Baldachin aus Zweigen über ihm konnte er die Sterne und einen Schimmer des abnehmenden Mondes sehen. Es war still innerhalb der Bäume, als würde dort nichts leben. Er suchte nach einem Hinweis auf die Anwesenheit der grauen Wölfe, fand aber keinen. Er lauschte auf leise Geräusche von Insekten und Vögeln, aber auch die fehlten. Er untersuchte die Luft und roch eine seltsame Schalheit.
Schließlich atmete er tief durch und trat ins Freie hinaus.
Er hörte, mehr als er es sah, das Schwingen der Sense, die einen Bogen auf ihn zu beschrieb, und warf sich, unmittelbar bevor sie ihn traf, zur Seite. Tod grunzte unter der Anstrengung des Schwungs, seine mit einem Umhang bekleidete, schwarze Gestalt erhob sich auf einer Seite. Walker rollte sich herum, und sah, wie sich eine weitere Gestalt zu seiner Rechten materialisierte. Krieg, in voller Rüstung, die Klingenschneiden und Eisenspitzen gefährlich schimmernd, schleuderte einen Knüppel, der gegen den Baum neben ihm prallte und den Stamm spaltete. Walker wirbelte davon und torkelte panikartig an den skelettartigen Armen von Hungersnot vorbei, dessen weiße Knochen sich ausstreckten und ihn greifen wollten. Sie waren alle da, sie alle, erkannte er verzweifelt. Irgendwie hatten sie ihn aufgespürt.
Er schoß davon, hörte das Brummen und Zischen von Seuche, spürte die trockene Hitze und die stinkende Krankheit dicht neben sich. Er übersprang eine schmale Senke, und seine Angst verlieh ihm unerwartete Kräfte. Eine brennende Entschlossenheit baute sich in ihm auf. Die Reiter verfolgten ihn und stiegen jetzt sogar von ihren Reittieren ab, um ihn fangen zu können. Sie waren Teile der Nacht, freigebrochen wie Kanten von einer zerbrochenen Klinge. Er hörte ihre Bewegungen, wie er vielleicht auch das Rascheln von Blättern in einem leichten Wind gehört hätte, und auch ihr leises Flüstern. Da war nichts anderes – keine Schritte, kein Atmen, kein Schaben von Waffen oder Knochen.
Walker lief durch die Bäume. Er wußte nicht mehr, in welche Richtung er lief, sondern war nur bestrebt, seinen Verfolgern zu entkommen. Plötzlich hatte er sich in der Dunkelheit der Waldpfade verirrt, floh nur noch zu dem Zweck, entkommen zu können. Jeder Vorteil der Überraschung war verspielt. Die Schattenwesen kamen näher. Sie waren schnelle und sichere Jäger. Er registrierte ihre Bewegungen aus den Augenwinkeln. Sie waren jetzt auf gleicher Höhe mit ihm und jagten ihn, wie Hunde einen Fuchs jagen würden.
Nein!
Schließlich wirbelte er herum und setzte seine Magie ein. Er warf eine Feuerwand zwischen sich und seinen Verfolgern auf und ließ die Flammen wie weißheiße Dornen in ihre Gesichter fliegen. Krieg und Seuche wichen zurück und verlangsamten ihren Schritt, aber Hungersnot und Tod drangen unbeirrt weiter vor. Natürlich, dachte Walker, während er erneut weiterlief. Hungersnot und Tod. Feuer konnte ihnen nichts anhaben.